Ton Koopman dirigiert in Berlin : Akkorde aus Honig

Das Deutsche Symphonie-Orchester und Ton Koopman spielen Barock und Frühklassik.

Spezialist für Alte Musik. Der Niederländer Ton Koopman als Dirigent.
Spezialist für Alte Musik. Der Niederländer Ton Koopman als Dirigent.Foto: AMC Music

Einvernehmlichkeit liegt über diesem Abend in der Philharmonie, eine Ruhe und Freundlichkeit, die in Konzerten selten zu erleben ist. An den Tempi liegt das allerdings nicht. Manchmal, wenn es dem Alte-Musik-Altmeister Ton Koopman am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters gefällt, besteht er auf solcher Geschwindigkeit, dass man sich nur wundern kann darüber, wie rasch Musik an Sinn verlieren, wie schnell Sechzehntelnoten zu Gebrabbel verkommen können, in der Ouvertüre zu Johann Sebastian Bachs Erster Orchestersuite zum Beispiel. Übrigens mit dem hochvirtuosen Jörg Petersen am Fagott! Spitzenmäßig gespielt, aber leider kann man das gar nicht genügend schnell aufnehmen. Oder die zweiten Geigen und die Bratschen bald danach, in der schnellen Forlane: Bewundernswert auch sie, aber wenn Mittelstimmen dergestalt gezwungen sind, sich in Ameisen am Waldboden zu verwandeln, kribbelt und krabbelt es halt mehr, als dass es tönt.

Das alles bleiben jedoch kleinkarierte Einwände, denn bereits diese erste Nummer des Abends, der ganz dem großen 18. Jahrhundert und dem Übergang vom Barock zur Klassik gewidmet ist, gerät in Wirklichkeit fabelhaft: Die Liegeakkorde in derselben Ouvertüre klingen wie aus Honig, die Menuette tönen sehr lieblich, der erste Passepied ganz am Ende naht herrlich staksig heran. Nach der Suite von Johann Sebastian Bach führt der Weg alsbald zu Carl Philipp Emanuel Bach, der lange Jahre bei Friedrich II. in Potsdam angestellt war und dessen Musik bald beliebter wurde als die seines längst als zopfig geltenden Vaters. Um 1753, der junge Bach war kaum vierzig, entstand das Violoncellokonzert in A-Dur, dessen Solopartie nun der franko-kanadische Cellist Jean-Guihen Queyras übernimmt. Queyras gelingt das Kunststück, maximale Fingerfertigkeit mit einer gewissen Asepsis in der Tongebung zu vereinbaren, eine Eigenart, die dem Konzert vielleicht sogar angemessen ist. Denn der Bach-Sohn hat sich offenbar gar nicht entscheiden wollen zwischen raffiniert überzogenen Spielfiguren, die das Soloinstrument so beschäftigt halten, dass es kaum vorwärtszukommen scheint, und einer lichten und leichten Grundstimmung, die nie zur Zumutung von Gefühl oder, schlimmer noch, Gefühligkeit wird.

Koopman spielt erst spät

Nach der heftig erklatschten Zugabe einer Cello-Etüde von Duport folgt danach die 98. Symphonie von Joseph Haydn, Meister aller Klassik-Klassen, musikalischer Diplomat ohnegleichen. Als das Stück 1792 in London uraufgeführt wurde, war der sechzigjährige Haydn auf dem Höhepunkt seines internationalen Ruhms. Sein Statthalter Ton Koopman steht nun selbst am Cembalo und leitet das Orchester, das auch jetzt noch in kleiner Besetzung auftritt, immerhin erweitert um Blechbläser und die Pauke. Koopman spielt aber gar nicht, nicht während der sanften, gleichsam von kontinentaler Warte aus herübergewunkenen „God save the King“-Anklänge im Adagio, auch nicht während des gemütlich schaukelnden Menuetts oder großer Teile des Finalsatzes. Erst in den letzten Presto-Sekunden setzt er sich ans Cembalo und spendiert dem Saal noch ein paar letzte Läufe, und die klingen nun so fein, dass die Töne nur zirpen und zerstieben, ebenso hell, schnell und freundlich, wie dieser ganze Abend vorüberzieht.

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