Uraufführung am Gorki Theater : Rückverhext zum Klimaziel

Das neue Projekt der Regisseurin Yael Ronen weiß, wie die Welt zu retten ist: „Rewitching Europe“ im Gorki Theater.

Gebärden und Gebärhaltung. Das Gorki-Ensemble verhext Europa.
Gebärden und Gebärhaltung. Das Gorki-Ensemble verhext Europa.Foto: Ute Langkafel/Maifoto

„Unsere gegenwärtige Gesellschaft muss sich radikal ändern“, ruft Lea Draeger kämpferisch über die Rampe des Berliner Maxim Gorki Theaters. Abgesehen davon, dass sie recht hat, ist sie mit dieser Ansage natürlich in bester Gesellschaft im Bühnen-Business. Klimawandel, #MeToo, Populismus: Alles, was die Gesellschaft realpolitisch akut umtreibt, was Zeitungsseiten, Blogs und soziale Netzwerke füllt, ist auch im Theater flächendeckend angekommen. Nur leider häufig in plakativer Eins-zu-eins-Manier. Zu sehen sind dramatische Predigten zu den Bekehrten, die sich hinterher gelangweilt anschauen, weil sie das, was sie gerade erfahren haben, auch vorher schon wussten; in Einzelfällen besser als die Inszenierenden.

Auch Lea Draegers Appell – eine zentrale Szene in Yael Ronens neuer Produktion „Rewitching Europe“ mit dem Gorki-Ensemble – kommt künstlerisch durchaus unverfremdet daher: „Wir opfern unsere Biosphäre für unseren Wohlstand ... Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung verursachen die Hälfte der Treibhausgasemissionen.“ Es sind glasklare Ansagen, die die Schauspielerin ins Parkett donnert.

Alles auf Anfang, Menschheitsgeschichte zurückdrehen

Nur: Der Weg dorthin ist origineller als beim Großteil der dramatischen Konkurrenz. Und zwar unabhängig davon, ob man ihn über die 75 Minuten, die Ronens Abend dauert, erfreut mitgeht oder genervt verweigert. Ronen nimmt nämlich die einigermaßen gut begründete Annahme, dass man aus Sackgassen gewöhnlich nicht mit denselben Mitteln herausfindet, mit denen man in sie hineingeraten ist, konsequent beim Wort. Also: Alles auf Anfang, Menschheitsgeschichte zurückdrehen, dem Patriarchat misstrauen und mal schauen, ob es mit Frauen besser liefe.

Als Weiblichkeitsikone gilt dabei keine Geringere als die Hexe: Der Weg zum (Klima-)Ziel führt im Gorki sozusagen über die europäische Rückverhexung. Ein role model also, das sich quer durch Historie und Kulturgeschichte produktivster Ambivalenz erfreut und hier mindestens zwei Fliegen – Klimawandel und MeToo – mit einer Klappe schlägt. Schließlich vereint die Hexe historisch verbriefte naturheilkundliche Exzellenz mit einer besonders in Gruselmärchen gern reproduzierten Optik, die noch nie im Verdacht stand, sich zur Steigbügelhalterin des Patriarchats machen zu wollen.

Ronens Hexen-Truppe feiert die heilsame Rückkehr zum Kräutersud

Ronen und ihre fünf Schauspielerinnen, zu denen sich mit Lindy Larsson ein männlicher Darsteller gesellt, feiern also die heilsame Rückkehr zum Kräutersud genauso wie die Breithüftigkeit ikonischer Fruchtbarkeitsgöttinnen. Im Gegensatz zu vielen anderen Arbeiten schöpft Ronen diesmal weniger aus den Biografien der Beteiligten. Sondern sie entwirft einen Plot um die Schauspielerin Ruth Reinecke – quasi als Dienstälteste und damit Weiseste der Hexen-Truppe. Die hat vorgeblich eine uralte Figurine gefunden, durch die sie jetzt in Kontakt mit den Vorfahrinnen tritt. Und die jüngeren Kolleginnen Lea Draeger, Orit Nahmias, Riah May Knight und Sesede Terziyan müssen in leicht verstrahlten Menstruationsblutritualen mitkontaktieren.

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Das alles wäre natürlich schwer bis gar nicht zu ertragen, wenn Ronen und die Schauspieler*innen nicht über einen hohen Grad an Selbstironie verfügten. Daran herrscht aber erwartungsgemäß kein Mangel. Spezifisch weibliche Naturnähe oder Körperprosa, mit der schon die feministischen Schwestern aus den 70ern nicht weit gekommen sind: Die biologistischen Fallstricke, die sich hier auftun, sind einkalkuliert und werden spielerisch aufgedrieselt. „Rewitching Europe“ ist sicher nicht der dichteste Abend von Yael Ronen und auch nicht der intensivste. Wenn das fundamentale Neu- und Andersdenken, das er proklamiert, zu einem kompakt-ergebnisorientierten 75-Minüter führen würde, hätte er allerdings auch ziemlich sein Thema verfehlt.

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