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Kommt es auf die Komposition wirklich an? Der Pianist McCoy Tyner und Saxophonist John Coltrane.

© Joe Alper PhotoCollection LLC

"Lost Album": Verschollenes Album von John Coltrane erscheint nach 55 Jahren

Mit „Both Directions At Once“ erscheint nach über einem halben Jahrhundert eine verschollene Platte des Jazzrevolutionärs John Coltrane. Sie hält einige Entdeckungen bereit.

Von Gregor Dotzauer

Bitte keine falschen Superlative. John Coltranes „Lost Album“ aus dem Jahr 1963 ist weder „eine neue Kammer in der Großen Pyramide“, wie Sonny Rollins im Booklet schwärmt, noch das Äquivalent von Beethovens Zehnter, wie es die „Süddeutsche Zeitung“ gerne hätte, geschweige denn der Heilige Gral des Jazz, wie der Musikhistoriker Ashley Kahn von „Both Directions At Once“ behauptet.

Die sieben Stücke, die Rudy van Gelder an einem Märztag vor 55 Jahren in seinem Studio in New Jersey aufnahm, bevor sie wegen des Umzugs von „Impulse! Records“ an die Westküste eingelagert, dann vernichtet und erst im Nachlass von Coltranes erster Frau Naima als Kopie wieder auftauchten, enthüllen trotz zweier unbekannter Kompositionen keine ganz unbekannte Seite von Coltrane.

Sie stellen nicht einmal die chronologische Entwicklung seiner Musik auf den Kopf. Sie zeigen sein sogenanntes klassisches Quartett allerdings in bestechender Form: Stoff für Bewunderer, die ihren Coltrane-Pegel halten wollen, aber auch geeignet als Einstiegsdroge.

Erst vor vier Jahren erschien mit der Doppel-CD „Offering: Live at Temple University“ die akustisch aufpolierte Ausgrabung eines Mitschnitts aus dem Jahr 1966. Sie stieß nur deshalb auf weniger Beachtung, weil sie den zweifellos anstrengenderen, ganz und gar ekstatischen, hemmungslos atonalen Hymniker zeigt – auf dem schmalen Grat von inbrünstigem Gebet und irdischem Schrei. Es war das Konzert, das für den jungen Michael Brecker zur musikalischen Offenbarung wurde.

Im Übrigen sprach „Newsweek“ schon von der Entdeckung eines neuen Mount Everest, als 2005 aus den Archiven der Library of Congress ein Konzert von Thelonious Monk und John Coltrane auftauchte, das 1957 in der Carnegie Hall stattfand. Da lässt Coltrane zwischen den Ecken und Kanten von Monks Stücken sein Hardbop-Vokabular zersplittern und erprobt jene rasenden, einander überlagernden Arpeggien, die der Kritiker Ira Gitler im Jahr darauf für alle nachfolgenden Generationen auf den Namen „Sheets of Sound“ taufte.

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2005 war auch das Jahr, in dem mit „One Up, One Down“ jener Feuersturm aus dem New Yorker Half Note Club veröffentlicht wurde, den er 1965 mit Drummer Elvin Jones und Pianist McCoy Tyner entfachte. Sie waren seine Begleiter auf „Both Directions At Once“, bis er sie für seine allerletzte Band zum Teufel jagte und durch Rashied Ali und seine zweite Frau Alice ersetzte. Der Titeltrack aus dem Half Note, in zwei Versionen erstmals auf dem „Lost Album“ dokumentiert, kann immerhin beanspruchen, mit einer knappen halben Stunde Coltranes längstes bekanntes Solo auf dem Tenorsaxophon zu enthalten.

Ein befreiter Coltrane ist zu hören

John Coltranes Werk ist reich an posthumen Entdeckungen. Auch deshalb, weil er so früh starb. Die Zeit, die nach seinem Leberkrebstod im Juli 1967 vergangen ist, währt mittlerweile länger als die 40 Jahre, die ihm auf Erden vergönnt waren. Unter den Aufnahmen sind solche, die klingen wie Dose und dennoch das ganze Ungestüm speichern, mit dem er dem Jazz eine Spiritualität schenkte, die mit der Suite „A Love Supreme“ 1964 zur Legende wurde. Und es sind darunter solche, die von Bootlegs oder Trouvaillen aufwendig nachproduziert wurden und jedes Detail glitzern lassen. Dieses Privileg genießt das „Lost Album“. Hier improvisiert ein von den Restriktionen des melodisch-harmonischen Materials weitgehend befreiter Coltrane, aber einer, der sich noch nicht aus dem hart swingenden Gefüge gelöst hat, das ihm Elvin Jones in einem den Beat raffiniert umspielenden Furor bereitet. Und er tut es in jenem eindringlichen, robusten, in der Breite des Tenorstrahls mächtig aufgerauten, bis ins beißend Scharfe reichenden Ton, der auf dem Sopransaxophon eine nasale, orientalisch anmutende Färbung annimmt.

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Zum Beispiel auf dem unbetitelten Stück mit der Ordnungsnummer 11383, das Sohn Ravi Coltrane an den Anfang gestellt hat. Seiner Grundstruktur nach ist es ein Blues, aber einer, der modal übermalt ist. Unter McCoy Tyners harmonisch offenen Quartblöcken verliert sich die brave I-IV-V-Kadenz. Coltrane selbst lässt schnell das Thema hinter sich, um seine ureigenen Girlanden in die Luft zu werfen. Eine mitreißende Ensembleleistung, während er im elfminütigen „Slow Blues“ mit Spalt- und Splitterklängen seines Tenors gegen die Bodenhaftung von Jimmy Garrisons tapferem Walking Bass anspielt.

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Eine Entdeckung auch das zweite Sopran-Vehikel, ein titelloses Stück mit der Nummer 11386, das in der unbedingt empfehlenswerten Deluxe-Ausgabe insgesamt dreimal zu hören ist. Daneben gibt es vier unterschiedliche, kurze Interpretationen der berühmten „Impressions“, zwei Takes des auf Franz Léhar zurückgehenden „Vilia“ und eine Version von Eden Ahbez’ (einzigem) Welthit „Nature Boy“.

Coltrane und sein Quartett konnten zu jener Zeit auch anders, wie das am 7. März 1963, also genau einen Tag später mit dem Bariton-Crooner Johnny Hartman aufgenommene, in balladeskem Dämmerlicht dahinschwebende Album beweist. Es wurde noch im selben Jahr auf Impulse! veröffentlicht. Coltrane war allerdings schon zuvor an jener Kreuzung angekommen, die „Both Directions“ im Titel markiert, am spektakulärsten in den Konzerten, die er im New Yorker Village Vanguard spielte. Wie sein Quartett, erweitert und herausgefordert von Eric Dolphys Springteufeleien auf der Bassklarinette, hier „Impressions“ in mehreren Langfassungen intoniert, ein „Spiritual“ ausreizt und „India“ Tribut zollt, verlegt den entscheidenden Umschlagpunkt seiner unaufhörlichen Metamorphosen in die ersten Novembertage des Jahres 1961.

Coltrane ist längst eine Wissenschaft für sich

Jazzlegende John Coltrane bei einem Konzert in Paris im Jahr 1965. Zwei Jahre vor seinem frühen Tod.
Jazzlegende John Coltrane bei einem Konzert in Paris im Jahr 1965. Zwei Jahre vor seinem frühen Tod.

© STR/Afp

Das alles ist längst eine Wissenschaft für sich, innerhalb derer Biografen und transkriptionswillige Musikanalytiker jeden Winkel ausgeleuchtet haben. Sie müssen nur der Spekulation überlassen, was nach dem Free-Jazz-Coltrane gekommen wäre, hätte er denn die siebziger Jahre erlebt. Man kann seine Entwicklung allerdings nicht einer schlichten Fortschrittslogik unterwerfen – gerade weil er am Ende seines Lebens eine energetische Ebene erreicht hatte, die sich rein physisch nicht mehr hätte steigern lassen. Der späte Coltrane, wie ihn die Live-Aufnahmen aus Japan und dem Village Vanguard zeigen, ist weder besser noch schlechter als der zuvor. Er erreicht seine Intensität nur mit anderen Mitteln.

Statt der rhythmisch und harmonisch verzahnten Musik des klassischen Quartetts, die in die Vertikale reicht, handelt es sich hier um eine Musik der horizontal verschwimmenden Schichten. Deshalb kennt sie noch weniger Anfang und Ende als die ausgedehnteste Improvisation in der Phase zuvor. Sie ist auf ihre Weise gleichförmiger und undefinierter und bewegt sich mit einer brodelnden Unschärfe voran, der Coltrane weit ausschwingende Chants und abstrakte Kürzel aufprägt.

Sein spätes Schaffen wird gerne übergangen

Mit Ausnahme von Bassist Jimmy Garrison, der Coltrane bis zuletzt erhalten blieb, lassen sich aber alle Beteiligten als Geistesverwandte ihrer Vorgänger beschreiben: Alice Coltrane als entgrenzter McCoy Tyner, mit einer über die gesamte Tastatur wogenden Quartharmonik im solistischen Dauerflimmern; Pharoah Sanders als ein sich im bloßen Kreischen überschlagender Eric Dolphy; und Rashied Ali als ein unruhig pulsierender, über alle Taktgrenzen hinwegtrommelnder Elvin Jones. Unter ihren Händen sind Coltrane-Hits wie „Naima“ oder „My Favorite Things“ kaum noch zu erkennen.

Es gehört zu den großen Ärgernissen von John Scheinfelds derzeit auf Netflix laufender Dokumentation „Chasing Trane“, dass sie diesen späten John Coltrane im Namen einer glättenden Ikonisierung fast völlig unterschlägt. Ein differenzierteres Bild liefern die Biografien von Ben Ratliff oder Karl Lippegaus. Sie öffnen das Ohr auch für Herrlichkeiten wie „Interstellar Space“, Coltranes Duo-Album mit Rashied Ali. Diese Provokation hat offenbar noch immer ihre Zeit.

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Wie sehr schon John Coltranes Abschied von Hardbop-Konventionen das Publikum einmal verstörte, lässt sich hingegen am besten anhand der Aufnahmen seiner letzten gemeinsamen Tour mit seinem Arbeitgeber Miles Davis durch Europa studieren. Im März 1960 gastierte er im Pariser Olympia – die Aufnahme ist zusammen mit den Konzerten aus Kopenhagen und Stockholm als Teil sechs der „Bootleg Series“ von Miles Davis gerade neu erschienen. An Coltranes Seite die Gefährten von seinem Album „Giant Steps“: der Pianist Wynton Kelly, der Bassist Paul Chambers und der Schlagzeuger Jimmy Cobb.

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Bei dem 14 Minuten beanspruchenden Standard „Bye, bye Blackbird“ ist es soweit. Davis hat vor dem Hintergrund der gemächlich vor sich hintrottenden Rhythmusgruppe ein ansehnliches Solo auf der gestopften Trompete absolviert, da spielt sich ab Minute fünf Coltrane kratzbürstig in Rage und hört damit nicht mehr auf. Ab Minute neun wird das Publikum unruhig. Buhs und Pfiffe erklingen, erst zwei Minuten später tritt er unter Beifall ins Glied zurück. Mit einem Solo von Wynton Kelly dümpelt das Stück seinem Ende entgegen. Der Himmel ist aufgerissen. Für manche ist diese Helligkeit bis heute nicht zu ertragen.

John Coltrane: Both Directions At Once: The Lost Album (Impulse!). Erscheint am Freitag als CD und LP, jeweils auch in erweiterter Deluxe-Version

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