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Demonstranten nehmen an einer rechtsextremen Kundgebung gegen den Gesundheitspass teil.

© Adrienne Surprenant/AP/dpa

Tagesspiegel Plus

Verschwörungstheoretiker in Frankreich: „Sie wollen uns den Mund verbieten“

Zwei Wochen unter Impfgegnern auf einem Bio-Bauernhof in der französischen Provinz. Ein Erfahrungsbericht.

Von Lena Baumann

Eine ehemalige Ziegelei im Westen Frankreichs, in der Nähe von Poitiers. Blaue Fensterläden am Haupthaus, wilde Wiesen, drei große Felder, ein Marihuana-Beet, ein Gewächshaus. Bienensummen. Eine Trauerweide weht leise im Wind. Seit zwei Jahren gehört der Hof Miriam und Paul, beide Ende dreißig. (Die Namen wurden geändert; die Red.)

Sie leben hier mit ihrem kleinen Sohn und teilen den Alltag meist mit sogenannten WWOOFern. Das sind in diesem Sommer Maxime, Anna und ich. Das Netzwerk WWOOF, abgekürzt für „World Wide Opportunities on Organic Farming“ bietet seit 1971 die Möglichkeit, gegen Kost und Logis auf einem Biohof zu arbeiten und zu lernen, wie man Kohl pflanzt und Salate zieht. Die Organisation möchte „Menschen, die ähnliche Werte und Philosophien teilen“, zusammenbringen.

Ja, man kann sich einfach impfen lassen

Als Paul mich vom Bahnhof abholt, fragt er, ob wir „la bise“ machen, den Wangenkuss. „Klar, ich bin zweimal geimpft“, sage ich. Paul murmelt darauf Unverständliches und fragt, ob man sich in Paris impfen lassen könne. „Ja“, sage ich, einigermaßen verwirrt, „man kann einfach einen Termin machen.“

Ich hatte vorher sechs Monate in Paris gelebt und im Mai schon meine erste Impfung erhalten. Am Abend in meinem Zimmer mit der rosa Tapete schreibe ich einer Freundin von meinem Verdacht, es mit Impfgegnern zu tun zu haben.

Es ist Mitte Juli, ich bin vier Tage da und gerade hat Emmanuel Macron die Einführung des sogenannten „Pass sanitaire“ verkündet. Das öffentliche Leben verlangt nun das Vorzeigen einer Impfung oder eines negativen Tests. Tests sind zudem nicht länger kostenlos.

Kohlfeld in der Naehe von Poitiers, wo die Autorin gearbeitet hat

© Lena Baumann

„Das macht mich so wütend“, sagt Miriam unablässig und dreht sich eine Zigarette nach der anderen. „Nächstes Jahr wollen wir unseren Sohn für den Schwimmkurs anmelden. Das werden wir nicht tun können.“ Paul schlägt lachend vor, noch einmal schnell ins Kino zu fahren und dass alle aus derselben Tüte Popcorn essen. „Die Impfung hilft nicht, sie hilft verdammt noch mal nicht. Was kommt als Nächstes? Die dritte Impfung? Und dann pflanzen sie uns beim vierten Mal einen Chip ein?“, empört sich Miriam.

Wut ist immer dabei

Es regnet an diesem Tag so stark, dass wir die Arbeit unterbrochen haben. „Sollen wir nicht nach Spanien ziehen?“, fragt Paul. – „Da ist vielleicht mehr Sonne, aber die sind doch auch wieder faschistisch“, lautet Miriams Antwort. Spanien ist gerade wieder zum Hochrisikogebiet erklärt worden. „Faschistisch“ ist ein Begriff, den Impfgegner auch in Frankreich gern für die Pandemiepolitik verwenden.

Auch Maxime, der aus Belgien stammt und die Kanadierin Anna bei einem Community-Projekt in Quebec kennengelernt hat, spricht davon, dass die EU ein faschistischer Witz sei und Macron Führer einer Diktatur. Als ich mich bei einem ersten Gespräch beiläufig über texanische Rednecks echauffiere, explodiert er förmlich.

Idylle: Felder zwischen Tournon d’Agenais und Lot-et-Garonne in Aquitanien im Südwesten Frankreichs.

© mauritius images / Alamy / Ian Cook

„Du redest von Leuten, die frei sein wollen.“ Maxime ist überzeugt, dass wirkliche Freiheit nur in den USA gelebt werden kann, „wo Leute für ihre Rechte kämpfen, um frei nach der Verfassung der Vereinigten Staaten zu leben“. Offensichtlich sind wir unterschiedlicher Meinung.

Während wir die Tomatenstützen reparieren, fragt er mich, ob ich den deutschen Juristen Reiner Fuellmich kennen würde. „Dieser Mann sagt viele gute und wahre Sachen.“ Fuellmich ist der Verschwörungstheoretiker, der in den USA eine Sammelklage gegen Christian Drosten und Lothar Wieler vorbereitet, die seiner Meinung nach durch falsche PCR-Tests die Pandemie vorgetäuscht hätten. Bisher hat Fuellmich allerdings nur die Anwaltskosten seiner Unterstützer eingesammelt.

Alles ein einziger Bluff

Maxime und ich geraten dauernd in Streit. Es beschreibt mir eine Welt, in der alles, was ich bisher über sie geglaubt habe, ein einziger Bluff ist: „Hydroxychloroquin besser als Impfung“, „WHO gegen Masken“, „Biden pädophil“, „Trump Klimaschützer“, „Dr. Fauci für das Wuhan-Virus verantwortlich“.

Complottistes nennen die uns. Verschwörungstheoretiker. Dabei haben wir nur Fragen. 

Anna

Maxime und Anna, beide Anfang dreißig, sind seit fast zwei Monaten auf dem Hof. Das ganze vorige halbe Jahr sind sie gereist. Sie betreiben den Youtube-Kanal „CosmiqTV“, damit verdienen sie ihr Geld. Dort übersetzen sie unter anderem die Nachrichten von Fox News ins Französische, zu Zwecken der „Réinformation“. Auf Twitter folgen sie dem einstigen Regierungsstab um Donald Trump.

„Complottistes nennen die uns. Verschwörungstheoretiker. Dabei haben wir nur Fragen. Warum stellen sie uns in diese Ecke? Nur, weil wir nicht alles mitmachen?“, erklärt Anna. Weil Youtube mittlerweile Falschmeldungen zur Pandemie zensiert, wollen sie sich in Zukunft auf Bitcoin konzentrieren und zensierte Inhalte auf anderen Plattformen publizieren.

Auf „Tipeee“ schreiben sie: „Wir glauben, dass wir uns in einer Schlüsselperiode befinden, dem Übergang vom Dunkel ins Licht, von der Lüge zur Wahrheit, für die Menschheit. (…) Weil die ,Journalisten’ nicht mehr ihre Arbeit machen, kommt es nun auf die Bürger an, sich zur Wehr zu setzen und ihren Beitrag zu leisten.“

Mit Miriam und Paul verhält es sich anders als mit Maxime und Anna, die nach einer Woche abreisen, ihre Leidenschaft, ihr Wissen und ihr Mut beeindrucken mich. „Ich mache mir nichts vor: Aus diesem ganzen Projekt ziehen wir frühestens in 15 Jahren Gewinn“, sagt Miriam. Bisher verkaufen sie Gemüse und Kräuter auf Märkten und an Bio-Läden. Miriam sieht die Landwirtschaft als ihre Aufgabe an: „Wir leben in einer Welt, in der viel falsch läuft. Mit meiner Arbeit kann ich vielleicht etwas ändern.“

Vier Jahre lang arbeiteten Paul und sie auf verschiedenen Höfen, bis sie ihren eigenen kauften. Während der ersten Pandemiemonate konnte immer nur einer der beiden arbeiten, weil die Krippen geschlossen blieben und sie sich um ihren Sohn kümmern mussten. Im November hatte Paul einen Unfall. Vier Monate lang stand Miriam sieben Tage die Woche allein auf den zwei Hektar großen Feldern.

Der Paternalismus nervt

Gemeinsam in der Erde zu buddeln, kann sehr verbinden. Wir pflanzen mehrere Tausend Kohlsorten und Lauch, transportieren fünf Tonnen Heu, um uns immer zwei Hunde. Kurz vor sechs frühstücken wir, um neun Uhr gibt es Kaffee, mittags kochen wir zusammen, danach arbeiten wir wieder lange bei großer Hitze auf dem Feld. Miriam und Paul sind offenherzig, teilen alles, was sie haben, und lachen viel. Bei der Arbeit jedoch sind sie ernst.

Die wachsende Zuneigung, das Vertrauen zu ihnen macht es leichter, sie nach ihrer Haltung zu den Pandemiemaßnahmen zu fragen. „Ich bin nicht gegen die Impfung“, sagt Miriam. „Mir gefällt nur nicht, wie sie uns dazu drängen. Das geht schon seit ein paar Jahren so mit diesem Paternalismus. Erst die GAP-Kürzung, jetzt das. Sie entscheiden über unsere Köpfe hinweg, wie immer.“

Es ist wichtig, dass möglichst viele sich mit einer Variante infizieren, sonst gibt es immer weitere.

Miriam

Die Reform der GAP, die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, hat in Frankreich zu enormen Kürzungen der Subventionen für Bio-Landwirte geführt. „Außerdem – wer weiß denn, wie sicher diese Impfung ist? Welche Schäden werden wir und die Kinder davontragen? Ein Virus verwandelt sich doch immer weiter. Es ist wichtig, dass möglichst viele sich mit einer Variante infizieren, sonst gibt es immer weitere.“

Sie seufzt, denkt kurz nach. „Aber es ist vor allem ein Protest. Sie wollen uns den Mund verbieten mit ihren Masken.“ Paul sagt: „Das ist eine Hygienediktatur. Mit ihrem Pass heften sie uns einen gelben Stern an.“ – „Vielleicht lassen wir uns in fünf Jahren impfen“, sagt Miriam.

Seit Mitte Juli protestiert in Frankreich jedes Wochenende eine steigende Zahl gegen die Pandemiepolitik Macrons. Zuletzt, am 14. August, waren es 215.000 Menschen, 175.000 eine Woche später. 46 Millionen Franzosen haben ihre erste Impfung erhalten, 39 Millionen sind komplett geimpft.

Auf dem Bio-Bauernhof und in seiner Umgebung treffe ich allerdings keine Person, die anders denkt als Miriam und Paul. Miguel, ein Musiker, wirbt für die Konzerte in seinem Community-Projekt damit, dass keine Impfung und kein Test nötig seien. Élodie, die eine Straußenfarm führt, ist es peinlich, Besucher:innen nach dem Vakzin zu fragen. Sie selbst musste sich impfen lassen. „Wir kümmern uns um die Natur und sind gegen die da oben“, sagt Élodie. „Aber wir müssen uns ihnen an irgendeiner Stelle beugen. Was gerade geschieht, ist natürliche Selektion. Davor schützt uns keine Impfung.“

Impfskepsis scheint hier in der französischen Provinz zum guten Ton zu gehören. Dabei lässt sich nur schwer unterscheiden zwischen der Angst vor dem Vakzin und einer Protesthaltung gegenüber Macron und dem Elysée-Palast. So wie es diesen Sommer einmal die „Libération“ getitelt hat: „Antivax ou antipass mais tous anti-Macron".

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