• „Vice – Der zweite Mann“ auf der Berlinale: Christian Bale überzeugt als machtbesessener Vizepräsident

„Vice – Der zweite Mann“ auf der Berlinale : Christian Bale überzeugt als machtbesessener Vizepräsident

Außer Konkurrenz auf der Berlinale: Christian Bale als Dick Cheney in Adam McKays fulminanter Politdramödie „Vice – Der zweite Mann“.

Christian Bale als Dick Cheney
Christian Bale als Dick CheneyFoto: Annapurna Pictures, LLC. All Rights Reserved.

Macht ist eine Frage der richtigen Intonation. Wer Macht besitzt hat es nicht nötig, laut zu werden. Denn er kann sich drauf verlassen, dass man auf ihn hört. Am Ende einer Krisensitzung, in der es um die Frage geht, ob die USA den Irak angreifen sollen, wovon der Außenminister und die Sicherheitsberaterin wenig halten, hat Dick Cheney in der fulminanten Politdramödie „Vice – Der zweite Mann“ das letzte Wort. „Sie sind der Präsident“, flüstert er George W. Bush zu. „Sie sollten Ihre Macht nicht teilen, nicht mit der Uno oder mit sonst wem.“ Das leuchtet Bush ein: „Ich bin der Präsident, ich möchte das machen.“ Der Krieg kann beginnen.

Man hat fast schon vergessen, dass es bereits vor Donald Trump einige fürchterliche amerikanische Präsidenten gegeben hat. Im Adam McKays Film, der außen Konkurrenz läuft, kommen zwei vor. Dick Cheney beginnt seine Karriere unter Richard Nixon, dem Watergate-Lügner. Unter George W. Bush wird er der wahrscheinlich mächtigste Vizepräsident, den es jemals gab. Er besitze die Gabe, „selbst die abstrusesten Ideen glaubwürdig klingen zu lassen“, heißt es einmal über seinen Aufstieg. Eine solche Idee ist es, nach dem elften September in den Irak einzumarschieren, wegen Massenvernichtungswaffen, die das Land niemals besessen hat.

Erstaunlicher Akt der Mimikry

Christian Bale ist die Hauptattraktion des für acht Oscars nominierten Films. Er spielt Cheney in einem erstaunlichen Akt der Mimikry, kriecht förmlich hinein in die Rolle, für die er sich zwanzig Kilo angefressen haben soll. Ein wuchtiger Mann, der von Bagels und Plunderteilchen lebt. Sein Mund ist ein Strich, Gefühlsausbrüche sind ihm fremd. Je weiter der Film voranschreitet, desto stockender und leiser redet er.

Am Anfang kurvt Cheney in Schlangenlinien durch das Wyoming des Jahres 1963. Er landet wegen Trunkenheit im Knast. Nachdem er sein Stipendium in Yale verloren hat, verlegt er in einer Arbeitskolonne Stromleitungen. Seine Ehefrau, von Amy Adams als resolutes blondes Biest verkörpert, stellt ihm ein Ultimatum: „Entweder du hältst dich jetzt gerade – oder ich bin weg.“ Bald darauf fängt der Gatte im Kongress in Washington an, der spätere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld führt ihn in die Kunst der Intrige ein. Steve Carell macht aus dem Mentor, der später ein Erfüllungsgehilfe des Vizepräsidenten sein wird, eine maulwurfsartige Figur, die unablässig Flüche und Obszönitäten ausstößt. Irgendwann hat Cheney begriffen, wie Politik funktioniert, fragt aber sicherheitshalber Rumsfeld: „Woran glauben wir?“ „Der ist gut“, entgegnet „Rummy“ und beginnt prustend zu lachen.

Adam McKay hat schon mit „The Big Short“, seinem Film über die Finanzkrise, vorgemacht, wie man aus einem komplexen Thema einen höchst unterhaltsamen, pädagogisch wertvollen Plot generieren kann. Auch „Vice“ schillert zwischen Komödie und Drama, gegen Ende, wenn es um die Bomben auf Bagdad, die Folter in Guantanamo und die laut Abspann 500 000 zivilen Opfer des Irakkriegs geht, ist es fast eine Tragödie.

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Wenn Cheney und der tölpelhafte George W. Bush (Sam Rockwell) das Weiße Haus erobern, wird in einem Brettspiel gezeigt, wie der Vize den Präsidenten mit Mitarbeitern einkreist. Bei seinem Bemühen, demokratische Kontrollinstanzen auszuhebeln, folgt Cheney der „Theorie der einheitlichen Machtfülle“. Die Ergebnisse serviert ein Kellner in einem italienischen Restaurant. Es gibt Shakespeare-Dialoge als Bettgeflüster, philosophische Szenen zu Cheneys Herztransplantation, und einen Durchschnittsamerikaner als Erzähler, der über den oft unsichtbar agierenden Helden staunt: „Er war ein Gespenst.“

„Vice“ zollt Cheney durchaus Tribut. Er ist kein Schurke, bloß ein Strippenzieher, der keine Skrupel kennt. Seine Familie liebt er bedingungslos. Zuletzt wendet er sich direkt an die Zuschauer: „Es war mir eine Ehre, Ihnen zu dienen. Ich tat, was Sie wollten.“

12.2., 9.30 Uhr (HdBF), 12.2., 12 Uhr (Friedrichstadtpalast), 12.2., 22.30 Uhr (International), 15.2., 22.45 Uhr (HdBF)

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