„Viktoria und ihr Husar“ an der Komischen Oper : Der Dadaismus lässt grüßen

Mausi, süß warst du heute Nacht: Die Komische Oper feiert mit „Viktoria und ihr Husar“ den Operettenkönig der Weimarer Republik, Paul Abraham.

Diva. Vera Lotte Böcker als Viktoria
Diva. Vera Lotte Böcker als ViktoriaFoto: Iko Freese / drama-berlin.de

Gäbe es einen Wettbewerb um die Operette mit den irrwitzigsten Texten, „Viktoria und ihr Husar“ würde locker einen Spitzenplatz belegen: Nicht nur, dass die beiden größten Hits „Mausi, süß warst du heute Nacht“ und „Meine Mama war aus Yokohama“ heißen, in Paul Abrahams erstem großen Erfolg singt auch ein „kleines Japanmädel“ liebestrunken immer wieder „Ping-Pong, tschin, tschin, olàlà“, weil sie den Manns fürs Leben gefunden hat, und Graf Ferry Hegedüs gibt sich zusammen mit Riquette, der Kammerzofe seiner Schwester, als amerikanisches Steptanz-Duo aus: Sie radebrechen „Wir sein Stars in allen Bars“ und skandieren im Refrain ausdauernd „Dodo Dododododo!“.

Der Dadaismus lässt schön grüßen – und tatsächlich begann der Siegeszug des 1930 in Budapest mit mäßigem Erfolg uraufgeführten Opus erst, nachdem die Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda ihm eine kalauerkomische deutsche Übersetzung verpasst hatten. Die nicht nur die entfesselt hedonistische Stimmung auf den Berliner Boulevards widerspiegelt, sondern ebenso eine zeitgeistige Collage ist, wie die Musik von Paul Abraham. Walzer, Foxtrott, Csardas, Marsch, Volkslied, Exotismus und Musica-Hall-Heiterkeit werden hier auf schier atemberaubende Weise vermengt, mit der Chuzpe eines virtuosen Plagiators, der sich das Beste, Charakteristischste aus all diesen Genres abhorcht und dem staunenden Publikum dann als seine eigene, kreativ-eklektische Erfindung serviert.

Barrie Kosky liebt Paul Abrahams Werke

Barrie Kosky, der kosmopolitische Intendant der Komischen Oper, liebt Paul Abrahams Werke seit Kindertagen, 2013 hat er mit einer schrillen Inszenierung dem „Ball im Savoy“ zur Renaissance verholfen, diesem unmittelbar vor Hitlers Machtübernahme herausgekommenen und dann verfemten Entertainmentknaller. Im vergangenen Dezember startete Kosky mit dem „Märchen im Grand-Hotel“ dann gar einen fünfteiligen Abraham-Zyklus, der jetzt beim traditionellen Termin für die konzertante Operettenaufführung in der Behrenstraße seine applausumtoste Fortsetzung mit „Viktoria und ihr Husar“ erfuhr.

Um diese Partitur in ihrer ganzen berauschenden Vielfalt aufzufächern, braucht es schon ein Orchester wie das der Komischen Oper. Blitzschnell können die Musikerinnen und Musikern zwischen den Stilen umschalten, in einer Sekunde nach Puccini klingen und in der nächsten nach New Yorker Jazzclub. Mit der Akkuratesse des emotional engagierten Spezialisten waltet Stefan Soltesz am Pult, erklärt jedes Instrumentationsdetail für kostbar, verleiht jedem Pianissimo geheimnisvolles Gewicht, lässt jeden Tutti-Effekt in hellstem Flitterglanz erstrahlen.

Prickelnde Champagnerlaune

Dass Gerd Wameling die krude Handlung, die am Wolgastrand beginnt und über Stationen in Tokio und St. Petersburg zum Weinfest ins ungarische Dörfchen Doroszma führt, erzählend zusammenfasst, ist wohltuend. Dass der 70-Jährige dabei auch noch den US-Diplomaten John Cunlight singt und spielt, der seine geliebte, deutlich jüngere Gattin schlussendlich an den titelgebenden Husaren verliert, gibt dem Melodram sogar eine gewisse Fallhöhe.

Vera-Lotte Böcker genießt sichtlich die Divenrolle der Viktoria, Daniel Prohaska seufzt als ihr Langzeitlover hingebungsvoll „Pardon-Madame“. Peter Renz alias Graf Ferry macht gute Figur neben seiner etwas zu zappeligen „Mausi“ Alma Sadé, die prickelndste Champagnerlaune aber versprühen zwei junge Profis aus dem Opernstudio, Marta Mika als Riquette mit rauchiger Sexyness in der Stimme und Daniel Foki als ebenso tanzwütiger wie prachtbaritonaler Husaren-Bursche Jancsi.

Noch einmal am 30.12., 19 Uhr

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