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Bühnentier in Ruhestellung. Michael Volle im Probenzentrum der Staatsoper Unter den Linden.
© Doris Spiekermann-Klaas

Michael Volle im Konzerthaus: Wandern mit dem Kreuzstab

Der Ton intimen Ausdrucks: Michael Volle und die Akademie für Alte Musik spielen Kantate im Konzerthaus.

Vivace. In heiteren Sechzehnteln bewegt sich die Musik wie eine Einladung zum Tanz. Und der gesungene Text dazu? „Ich freue mich auf meinen Tod.“

Es ist die Schlussarie einer der bekanntesten Solokantaten von Johann Sebastian Bach, die den Titel trägt: „Ich habe genug.“ Solche Kantaten an einem Abend zu bündeln, ergibt ein recht esoterisches Programm. Michael Volle und die Akademie für Alte Musik Berlin erobern damit ein andächtiges Publikum im Großen Saal des Konzerthauses.

Man stelle sich vor, dass die Kirchenkantaten zur Zeit des Thomaskantors in Leipzig ihren festen Platz im sonn- und festtäglichen Hauptgottesdienst hatten. So auch diese Komposition zum Fest Mariae Reinigung, heute Mariae Lichtmess. Anteilmäßig machen die Kantaten zirka die Hälfte des Bachschen Werkes aus. Das bedeutet, dass die Stimmen jeweils in höchster Eile aus den Partituren kopiert und in ebensolcher Bedrängnis geprobt werden mussten. Immer Zeitnot also, wie sie die Akademie (Akamus) jetzt zum Glück nicht zu bestehen hat. Sie spielt mit dem Einsatz ihrer ganzen Erfahrung, die aus sichtlichem Engagement jedes einzelnen Mitglieds kommt. Oboe, Streicher, Basso continuo mit dem Leiter Raphael Alpermann an der Orgel.

Existenz im Elend

„Ich habe genug“ bezieht sich auf den hl. Simeon, der bei der Darstellung Jesu im Tempel, des kleinen Kindes also, mit einem Lobgesang den Messias begrüßt. „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren.“ Zeitverhaftet ist natürlich die Kantatendichtung von Christoph Brinkmann, denn in schwer begreiflicher Jenseitsmystik wünscht sich der Christ in diesem Text nichts sehnlicher als den Tod. Von Streichern allein begleitet, singt Michael Volle im Ton intimen Ausdrucks „Schlummert ein, ihr matten Augen“.

Der Hans Sachs in den Bayreuther „Meistersingern“ Barrie Koskys, der Falstaff Unter den Linden: Es ist schon erstaunlich, wie der gefeierte Bühnensänger die Bach-Thematik verinnerlicht hat, dieses „Aber dort“ nach dem Abschied von der Welt, der Existenz im Elend.

Akamus steuert instrumental die Motette „Der Geist hilft uns’rer Schwachheit auf“ bei, doppelchörig zwischen Streichern und Bläsern differenziert, elegant gespielt. Als einer der Konzertmeister des Ensembles führt Bernhard Forck das Instrumentarium vehement an, zu dem sich weitere Oboen und ein Fagott gesellen. Ebenfalls zum Fest Mariae Reinigung ist zumindest teilweise die Kantate „Der Friede sei mit Dir“ bestimmt, denn der Christ will „wie Simeon in Frieden scheiden“. Eine wunderbare Choralbearbeitung mit Solovioline und einem Cantus firmus, der hier mit der Oboe besetzt ist, schmückt die Partitur. „Welt ade, ich bin dein müde.“ Schließlich wandert der Jünger Christi seinen Weg mit dem Kreuzstab, dem Hirtenstab, und in der Begleitung schäumen auf seiner Schiffsreise die Wellen. Michael Volle bewegt sich mit der Oboistin Xenia Löffler in wechselseitigem Konzertieren. Dabei hält der Wagner-Sänger seine Stimme so flexibel, dass er sich freudig in die Bach-Koloraturen werfen kann.

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