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Warnstreik an Berliner Bühnen: Dieser Tarifstreit hat das Potential zur Eskalation
Werden an Berliner Theatern bald Premieren abgesagt? Am Montagabend streikten Mitarbeitende der Schaubühne, des Gorki Theaters und der Volksbühne.
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Im frisch gefallenen Schnee vor der Schaubühne haben sich rund 50 Demonstrierende versammelt. Sie tragen Warnwesten mit der Aufschrift „Wir machen Theater“, halten Transparente hoch, auf denen „Keine Tarifflucht!“ steht. Die Gewerkschaft ver.di hat an diesem Montagabend zum Warnstreik aufgerufen, gefolgt sind Mitarbeitende der Schaubühne, aber auch des Gorki-Theaters und der Volksbühne.
Die Fronten sind unklar
Am Mikrofon steht Lucas Krentel, ver.di-Landesfachbereichsleiter für Kultur in Berlin-Brandenburg, er ruft den Theater-Mitarbeitenden zu: „Die Berliner Kürzungspolitik darf nicht auf eurem Rücken ausgetragen werden!“. Viel Applaus. Bleibt die Frage: Worum geht es hier eigentlich genau?
Normalerweise sind Arbeitskämpfe eine klare Sache. Die Gewerkschaften fordern höhere Löhne. Die Arbeitgeberseite versucht, die Forderungen zu drücken. Im Falle des Warnstreiks, der hier in der Januar-Kälte organisiert wird, sind die Fronten allerdings gar nicht so klar.
Ver.di fordert sieben Prozent mehr Lohn
Hier geht es nicht um Bosse gegen Untergebene. Sondern um vermeintliche Details in einem Tarifstreit, der das Potenzial zur Eskalation hat – obwohl die Interessen aller Beteiligten eigentlich gar nicht weit auseinanderliegen. Was im ungünstigsten Fall dazu führen könnte, dass am Lehniner Platz bald Premieren abgesagt werden müssen.
Aktuell verhandeln die Gewerkschaft ver.di und die Tarifgemeinschaft der Länder über einen neuen Vertrag, den sogenannten TV-L. Der gilt dann für alle öffentlich Beschäftigten der Bundesländer, auch für die Angestellten der landeseigenen Bühnen. In Berlin sind das unter anderem das DT, die Volksbühne, das Gorki-Theater oder die Parkaue. Der TV-L greift für alle gewerblichen Mitarbeiter und die Verwaltung, künstlerische Bereiche wie Schauspiel oder Regie fallen noch mal unter andere Regelungen.
Aktuell fordert ver.di sieben Prozent mehr Lohn. Erwartbar ist, dass der Abschluss etwas geringer ausfällt. Zuvor wurde nämlich schon der TVöD ausgehandelt, der Tarifvertrag für die Beschäftigten von Bund und Kommunen. Der sieht eine Lohnsteigerung von 5,8 Prozent für zwei Jahre vor.
Der Erfahrung nach bewegen sich die TV-L-Vereinbarungen in ähnlicher Größenordnung. So weit, so bürokratisch. Warum aber hat sich die Gewerkschaft für ihre Protestaktion jetzt den Vorplatz der Schaubühne ausgesucht – und wieso spricht sie in einer Pressemitteilung davon, die Tarifsituation sei an diesem Haus „besonders prekär“?
Die Besonderheit der Schaubühne
Das führt zu einer Besonderheit der Schaubühne mit ihren rund 240 Beschäftigten: sie ist eben kein landeseigenes Theater. Sondern eine gemeinnützige GmbH in privater Trägerschaft. Sie bekommt zwar Geld vom Kultursenat. Ist aber nicht an die Tarifabschlüsse Berlins gebunden. Stattdessen hat sie für alle Bereiche eigene Haustarifverträge, die extra verhandelt werden. Bedeutet das, am Lehniner Platz werden Dumpinglöhne gezahlt? Mitnichten. Das Entgelt entspricht exakt dem TV-L-Niveau. Abweichungen gibt es bei Details wie Urlaubstagen oder Hauptstadtzulage.
„Wir können es uns gar nicht leisten, schlechter zu bezahlen als andere Häuser, wenn wir unsere Mitarbeitenden nicht verlieren wollen“, betont Tobis Veit, Geschäftsführer der Schaubühne.
Was Veit ebenfalls unterstreicht: Sobald der TV-L ausgehandelt ist – voraussichtlich Mitte oder Ende Februar 2026 – wird die Schaubühne ihre Löhne entsprechend anheben. Das habe er auch ver.di gegenüber signalisiert. Denn trotz der prekären Haushaltslage hat Berlin für die Tarifsteigerungen zusätzliche Mittel bereitgestellt. Das Geld muss sich die Schaubühne also nicht vom künstlerischen Etat oder anderswoher abknapsen. Also, worüber wird gestritten?
Hier steckt der Teufel im Detail. Die Gewerkschaft ver.di fordert, dass die Schaubühne Tarifabschlüsse aus dem TV-L automatisch übernehmen soll – nicht erst nach eigenen Verhandlungen mit der Belegschaft. „Gerade angesichts der massiven Kürzungen des Berliner Senats herrscht große Verunsicherung unter den Beschäftigten der Berliner Bühnen. Umso wichtiger ist eine verbindliche und verlässliche Tarifregelung auch an der Schaubühne“, lässt sich ver.di-Mann Krentel per Pressemitteilung vernehmen. Das klingt nachvollziehbar.
Tobias Veit dagegen sagt: „Als Privattheater stehen wir selbst in der Verantwortung, unser Theater wirtschaftlich zu führen. Die Autonomie über Tarifverträge zu behalten, ist dabei ein wesentlicher Punkt.“ Auch das leuchtet ein. Was, wenn Berlin Tariferhöhungen mal nicht übernimmt?
Das ist ja in einer Stadt der klammen Kassen und der anhaltenden Kürzungsdebatten kein abwegiger Gedanke. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Und: Für den Haushalt sind immer noch die Parlamentarier verantwortlich. Die werden sich hüten, irgendwelche Garantien für die nächsten zehn oder 20 Jahre abzugeben.
Was ist, wenn Proben ausfallen?
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Das Berliner Ensemble – ebenfalls eine Privattheater-GmbH – hat Haustarifverträge, die fest an den TV-L gebunden sind. Dort geht man also das Risiko ein, Lohnsteigerungen im Zweifelsfall selbst stemmen zu müssen. Aus Rücklagen. Oder dem laufenden Etat. Es ist allerdings auch nachvollziehbar, wenn ein Haus mit Blick auf die eigene finanzielle Situation anders entscheidet. Aber genau darüber könnten sich an der Schaubühne nun die Fronten verhärten.
Die eigentlichen Verhandlungen mit der Belegschaft, die zu einem hohen Teil gewerkschaftlich organisiert ist, stehen erst noch an. Aber was, wenn es nach dem Warnstreik tatsächlich zu einem längeren Streik käme? Fallen zum Beispiel Proben aus, müssen im Zweifel auch Premieren verschoben werden.
Aktuell arbeitet Michael Thalheimer an „Salome“, Thomas Ostermeier probt Molières „Der Geizige“ mit Lars Eidinger in der Titelrolle. Schauspielerinnen und Schauspieler haben Anschlussverpflichtungen, nicht jede Premiere lässt sich einfach verschieben. Eidinger etwa wird gleich nach der geplanten Molière-Inszenierung nach Hollywood reisen, um den Bösewicht im neuen „Superman“-Film zu spielen.
Am Montagabend, während draußen demonstriert wird, steht er jedenfalls noch als „Hamlet“ auf der Bühne. Die Vorstellung findet statt. Trotz Warnstreiks.
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