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Lesik Omodada in seinem Tonstudio in Ternopil.
© privat

Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch (38): Was uns die alten Steine erzählen

Der ukrainische Autor, DJ und Musiker Yuriy Gurzhy lebt seit 1995 in Berlin. Hier schreibt er, wie er den Krieg in der Ukraine verfolgt.

2. bis 3. Juni

Als Frühaufsteher versuche ich, früh ins Bett zu gehen. Heute jedoch nicht, denn ich erwarte Besuch – mein Kollege Lesik wird bei mir übernachten, er hat bereits vor einer Stunde geschrieben, seine Band und er haben endlich Berlin erreicht, langsam, aber sicher bewegt er sich auf meine Wohnung im Prenzlauer Berg zu.

Lesik kommt aus Ternopil aus der Westukraine, er ist Musiker und Produzent, letztes Jahr hat er das Album „Fokstroty“, das ich mit Serhij Zhadan in Charkiw aufgenommen habe, abgemischt und gemastert. Ich fand unsere Zusammenarbeit angenehm, war mit dem Ergebnis sehr zufrieden und habe ihn eingeladen, im Frühling 2022 Teil von „Alte Steine, Neue Töne“ zu sein, einem Projekt, das sich mit der jüdischen Geschichte der Stadt Erfurt und Popmusik beschäftigt.

Darf Lesik ausreisen oder nicht? Es bleibt spannend

Aber als es mit den ersten Proben losgehen sollte, war klar, dass Lesik nicht kommen konnte, da Männer zwischen 18 und 60 die Ukraine nicht verlassen durften. Er hat unsere Aufnahmen bearbeitet, die wir beim ersten Konzert in Erfurt verwenden sollten, und für uns ein Video aufgenommen, das wir an diesem Abend zeigten. In knapp vier Minuten berichtete Lesik, wie es den ukrainischen Musikern und ihm gerade geht – täglich bricht er seine Studioarbeit ab, um in den Bunker zu gehen, wenn die Sirene erklingt, die Zuschauer im Erfurter Zughafen konnten sie ganz deutlich im Hintergrund hören.

Auch von „Musicians Defend Ukraine“ berichtete Lesik, einer von ihm und seinen Freunden gegründeten Stiftung, die Spenden für die Musiker sammelt, die gerade für ihr Land kämpfen müssen. Am Ende des Videos lächelte er und sagte: „Ich hoffe, dass ich im Juni bei den Proben sowie beim nächsten Konzert des Projektes dabei sein kann!“ Auch wir haben gehofft und waren im Mai „vorsichtig optimistisch“, als die Nachricht kam, dass Menschen aus der Kultursphäre in Ausnahmefällen für kurze Zeit aus der Ukraine ausreisen dürfen.

Schließlich gab es einen verrückten Plan, an dem die Band Love ’n’ Joy mit ihrem Berliner Booking Agent arbeitete. Früher war das Trio aus der ukrainischen Hauptstadt mit seinem Mix aus psychedelischem Rock, harten Riffs und melodischem, fast schon britisch klingendem Pop, oft zu Gast auf europäischen Bühnen. In den letzten drei Monaten haben die drei Jungs ihre ganze Zeit in „Musicians Defend Ukraine“ investiert. Nun wollten sie auf eine Europatour gehen, dieses Mal aber mit dem Anliegen, Spenden zu sammeln. Lesik, ein langjähriger Freund und Mitstreiter, sollte mitkommen.

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Der Berliner Agent von Love ’n’ Joy tat sein Bestes, um den Tourkalender der Band mit Terminen zu füllen, aber bis zum letzten Moment war unklar, ob die Musiker tatsächlich eine Sondergenehmigung erhalten und wenn ja, ob sie damit über die Grenze kommen. Aber es hat doch geklappt! Die Tournee ging los wie geplant. Und Lesik darf an den Wochenenden freinehmen und nach Erfurt kommen, um mit uns zu spielen.

Donnerstagabend klingelt er an meiner Tür. Wir bleiben lange wach, sitzen in der Küche, trinken Tee und unterhalten uns über den Krieg, über die Musiker und seine Toureindrücke. Deutschland, Frankreich und die Schweiz, große und kleine Clubs, niedrige und hohe Gagen.

Bei jedem Konzert versteigert die Band eine ukrainische Fahne mit den Autogrammen der Bandmitglieder, oft bekommen sie dreistellige Beträge dafür. In Frankreich kam zum Konzert ein Pärchen, was drei Notarztwagen gekauft und in die Ukraine geschickt hat. Gestern hat Love ’n’ Joy in einer kleinen Stadt in Ostdeutschland gespielt, die Gage war 150 Euro, aber während wir sprechen bekommt Lesik eine Benachrichtigung von Paypal, die Veranstalter haben gerade 500 Euro auf das Konto von „Musicians Defend Ukraine“ überwiesen.

In Erfurt arbeiten wir zusammen am Text eines neuen Stücks, das wie unser Projekt „Alte Steine, Neue Töne“ heißen soll. Alle Beteiligten schreiben einige Zeilen. „Hätten die alten Steine sprechen können, welche Geschichten würden sie erzählen?“, schreibe ich. Lesik sitzt neben mir. Ich schaue auf seinen Zettel. „Unsere alten Steine, unsere Geschichte. Wenn der Feind kommt, müssen wir bereit sein, sie zu verteidigen“, steht da.

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