Weihnachtsroman von Karl May : Fröhliche Maynachten!

Karl May musste mehrere Weihnachtsfeste im Gefängnis verbringen. Trotzdem hat der Schriftsteller Weihnachten ein literarisches Denkmal gesetzt.

Jörg Riehle
Reich geschmückt. Karl May verkleidet als Old Shatterhand.
Reich geschmückt. Karl May verkleidet als Old Shatterhand.Foto: imago/teutopress

Das Weihnachtsfest stand für Karl May unter keinem guten Stern. Für den Diebstahl von sechs Kerzen flog er 1859 aus seinem Lehrerseminar. Den 24. Dezember 1861 feierte er bei seinen Eltern, mit einer Taschenuhr, die er sich unerlaubt von einem Zimmergenossen angeeignet hatte. Dieser Diebstahl führte zu seiner ersten sechswöchigen Haftstrafe. Es folgte eine kriminelle Karriere mit mehrjährigen Knastaufenthalten und Weihnachstfesten hinter schwedischen Gardinen. Trotzdem hat der Schriftsteller Karl May Weihnachten ein literarisches Denkmal gesetzt:

„Weihnacht! Welch ein liebes, inhaltsreiches Wort! Ich behaupte, dass es im Sprachschatz aller Völker und aller Zeiten ein zweites Wort von ebenso tiefer wie beseligender Bedeutung weder je gegeben hat noch heute gibt.“ Mit diesen Worten beginnt sein Roman „Weihnacht!“. Fantasievoll verbindet er Jugenderlebnisse in Oberfranken und Böhmen mit späteren Heldentaten als Old Shatterhand an der Seite Winnetous im Wilden Westen.

Das Bindeglied zwischen seinen Jugenderlebnissen und dem Wilden Westen ist dabei das Gedicht „Weihnachtsabend“, das Karl May, wie er im Roman schreibt, für einen Gedichtwettbewerb als Schüler verbrochen habe. Damit deutet er die wirkliche Entstehungsgeschichte des Gedichts unfreiwillig an.

Wegen guter Führung frühzeitig entlassen

Karl May verbüßte zwischen 1865 und 1868 eine Haftstrafe wegen Diebstahls, Betrugs und Hochstapelei in Zwickau. Dort schrieb er als „Verbrecher“ sein Weihnachtsgedicht. Er berichtete später über diese Zeit: „Jetzt nun kam Aufseher Göhler infolge seiner Beobachtung meines seelischen Zustandes auf die Idee, mich in sein Bläserkorps aufzunehmen, um zu sehen, ob das vielleicht von guter Wirkung auf mich sei. Es war gerade nur das Althorn frei. Ich hatte noch nie ein Althorn in den Händen gehabt, blies aber schon bald ganz wacker mit.“ Nachher stieg er zum Kirchensänger auf: „Nun war ich also Mitglied sowohl des Bläser- als auch des Kirchenkorps und beschäftigte mich damit, die vorhandenen Musikstücke durchzusehen und neue zu arrangieren. Die Konzerte und Kirchenaufführungen bekamen von jetzt an ein ganz anderes Gepräge.“

Zu Karl Mays Gedicht „Weihnachtsabend“ ist leider keine Melodie überliefert. Wieso hat er, der ja auch komponierte, sein Werk nicht selbst vertont? Wahrscheinlich hat er die Melodie von einem besseren Musiker übernommen: von Ludwig van Beethoven die Melodie zu Schillers Ode „An die Freude“. Jedenfalls hat May das Versmaß von Schiller einfach in seinen „Weihnachtsabend“ hineinkopiert.

Die Geschichte von einem Häftlingschor, der an Weihnachten diesen Freudengesang einstudiert, geht ans Herz. Karl May wurde wegen guter Führung vorzeitig entlassen, war dann als Chorleiter tätig und hatte sicher Bedarf an eingängigen Texten und Melodien für Laienchöre. Das Gedicht „Weihnachtsabend“ erschien ihm so wertvoll, dass er es in vielen seiner Bücher einsetzt, eine Kürzung oder Umarbeitung war dabei für ihn kein Problem. Er benutzt zwei Strophen im Kolportageroman „Waldröschen“ (1882), eine erweiterte Fassung des Gedichts mit 17 Strophen verwendet Karl May in „Der verlorne Sohn“ (1884), vier Strophen finden sich in der Handschrift „In der Heimath“ (1891/92) und eine abgewandelte und verkürzte Fassung verwendet er eben in „Weihnacht!“ (1897).

Karl May liebte Beethovens Neunte Sinfonie

Karl May war ein großer Beethoven- Fan. So verschickte er im Jahr 1898 an seinen Freund Max Welte in Dresden eine Ansichtskarte mit dem Beethoven-Denkmal in Wien.

Speziell die Neunte Sinfonie hatte es ihm angetan. Karl Mays zweite Frau Klara berichtet über ein gemeinsames Konzerterlebnis: „Beethoven vertrug er nicht im Dilettantenkreis, da verschwand er, aber im Sinfoniekonzert zitterte er bei der Neunten wie Espenlaub, und einmal wurde er regelrecht grob zu Damen, die in der Pause nach einer Beethovensinfonie von Weinabziehn zu sprechen wagten.“ Auch Mays Vorliebe für die Werke Schillers, insbesondere für die Ode „An die Freude“, ist gut dokumentiert. May lässt den Orient schillern und seine Westernhelden frei nach Schiller dichten, im schönsten sächsischen Dialekt: „Endlich, endlich ist er in Erfüllung gegangen, der schöne Versch aus der Freude, schöner Götterfunken: Deine Zauber binden wieder, was der Unverschtand geteelt, Frank und Jemmy sind nun Brüde, unsre Feindschaft ist geheelt!“

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