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Konferenzidyll. Getagt wird im Garten der Villa Schöningen.
© Lit.potsdam

Konferenz bei Lit:potsdam: Wenn kreative Köpfe auf Computerhirne treffen

Bei der Open-Air-Konferenz der Lit:potsdam wird über das Schreiben und Publizieren im digitalen Zeitalter diskutiert.

Julia tritt im richtigen Moment auf. Gerade als es viel zu gemütlich geworden ist unter den hohen Bäumen im Garten der Villa Schöningen. Nach Suppe, Rhabarberkuchen und Pausenplausch.

Julia kommt, als die Branche auf dem Festival Lit:potsdam sich gerade einig geworden ist, dass Digitalisierung doch insgesamt eine ziemlich gute Sache ist. Julia geht in die fünfte Klasse, hat ein Smartphone und fischt im Netz mit Selfies nach Likes. Was sie bekommt, von einem Jungen aus der Parallelklasse: „Fette Schlampe“.

Richtig eingesetzte KI kann anderorts Ressourcen freisetzen

Julia ist eine von Millionen und die Erfindung von Schlecky Silberstein. Der Blogger hat 2018 ein Buch mit dem Titel „Das Internet muss weg“ geschrieben. Eine Kernthese: Im „Überwachungskapitalismus“ der digitalen Gegenwart ist der Mensch nichts als Nutzvieh auf den Weiden der „Server-Farm“. Hier soll er „domestiziert“, also gewinnbringend ausgebeutet werden.

Damit das gelingt, soll dieser Vieh-Mensch erzogen werden, sagt Silberstein: idealerweise so, dass er maximal emotional und stets wütend ist.

In Potsdam war Schlecky Silberstein als agent provocateur geladen, als Krachmacher. Das funktionierte umso besser, weil es sonst sehr einmütig zuging. Titel der Konferenz: „Schreiben und Publizieren im digitalen Zeitalter“. Im Jahr zwei der Pandemie wollte man sich – analog – der Frage widmen, wie es um die Zukunft einer Branche steht, die mit den Folgen der Digitalisierung leben muss.

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In seiner Keynote hat KI-Experte Peter Seeberg zu Beginn die Message: Wo der Mensch künstliche Intelligenz richtig einsetzt, kann sie woanders Ressourcen freilegen. Was KI kann, so Seeberg: Abrechnungen, Übersetzungsgrundlagen – und sogar Texte, auf Basis aktueller Daten. Fußball-, Wetter- und Finanzberichte.

Was KI nicht kann: Kreativität. Einen Rembrandt imitieren, ja. Und sogar ein Buch schreiben, Daniel Kehlmann hat es ausprobiert. Aber es fehlen die kognitiven Fähigkeiten, so Seeberg: das menschliche Erleben. Wenn KI kreativ sein will, bleibe es doch immer „angewandte Statistik“.

Grund, beruhigt zu sein offenbar. Aber auch für Verlage und Buchläden? Das diskutieren die Autorin Zoë Beck, der designierte Hauptgeschäftsführer vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels Peter Kraus vom Cleff sowie die Berliner Buchhändlerin Maria-Christina Piwowarski und die unabhängige Verlegerin Karina Fenner (Voland & Quist). Als digital aktive Autorin immer im Glaskasten, das sei schon anstrengend, sagt Beck: „eine Mischung aus Überforderung und Bereicherung“. Denn gleichzeitig sei der direkte Austausch über Social Media heute wichtiger als „der eine oder andere Artikel“.

Social Media erhöht die Nähe zum Publikum

Der für die Branche bedrohliche Begriff der Disintermediation wird umkreist: Wer braucht in Zeiten sozialer Medien eigentlich noch Vermittlung durch professionelle Dritte? Die Gefahr wird aber bald als recht zahnlos verworfen. Buchhändlerin Piwowarski, die auch einen erfolgreichen Podcast betreibt, schwärmt von den Chancen der Digitalität – ebenso wie vom direkten Austausch mit Kund:innen. Und sie benennt, was auch der beste Algorithmus nicht kann: „antworten, erwidern, erklären“.

Am besten also einfach das Beste aus beiden Welten? Darin ist sich das Podium so einig, dass CDU-Mann Christian Ehler, der das Grußwort gesprochen hatte, sticheln muss: Ist denn nicht die Digitalisierung der Turbobeschleuniger des Kapitalismus schlechthin und die eigentliche Frage, wann „Sie alle“ Amazon gehören? Aus der Ruhe bringt das niemanden. Digitalität, das bedeute auch Zugang für viele, sagt Piwowarski. Zoë Beck findet: „Vieles ist für uns einfach total super.“

Und die Medien? „Wie die Digitalisierung die Presse verändert“ heißt das zweite Panel. „Ich leite mich selbst“, sagt Katrin Schumacher, Chefin der MDR-Literaturredaktion eingangs angesichts der geschrumpften Kapazitäten im Feuilleton. Schumacher berichtet am Beispiel des MDR, wie eine Arbeitswelt aussehen kann, in der Digitalisierung und Umstrukturierung den Ton angeben.

Radio- und Fernsehredaktionen wurden zusammengelegt und zu „Themenredaktionen“ umsortiert. Für die Radio-Frau hieß das, dass sie sich plötzlich fragen lassen musste, ob man für bestimmte Themen denn auch Bilder finden würde – und dass Themen schlimmstenfalls wegfallen. Andererseits lobt sie neue Synergien verschiedener Sender, jüngstes Beispiel: Buchmesse.

Auch Zeitungsredakteurin Hannah Lühmann von der „Welt“ spricht etwas Problematisches an: Das erste Ziel von Online-Texten ist das An-Land-Ziehen neuer Abos. Sie müssen so geschrieben sein, dass man kaufen will.

Was aber das Problem daran ist, die Zuspitzung, die Lust an der Aufregung und am Polarisieren – all das kommt hier nicht zur Sprache. „Bestenfalls hilft es den Geschichten“, sagt Lühmann. Bestenfalls würden Einstiege dadurch prägnanter, werde die Sprache zugänglicher. Und schlimmstenfalls? Über schlimmste Fälle wird in dieser Konferenz kaum geredet. Bis Julia kommt.

Lena Schneider

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