• „Wir brechen den normalen Opernbesuch auf“: Festival „Berlin is not Bayreuth“ startet

„Wir brechen den normalen Opernbesuch auf“ : Festival „Berlin is not Bayreuth“ startet

Nur keine Ehrfurcht vor Wagner: Ein Berliner Festival nimmt den Bayreuther Meister auseinander - und setzt ihn neu zusammen.

Die ziehen dann mal um die Tannhäuser. Bild vom Festival.
Die ziehen dann mal um die Tannhäuser. Bild vom Festival.Foto: Ralf Stiebing

Wagner nicht so wichtig wähnen: So könnte das Festival „Berlin is not Bayreuth“ überschrieben sein, das sich nun drei Tage lang auf dem Gelände der B.L.O. Ateliers in der Nähe des Lichtenberger Nöldnerplatzes daran macht, Richard Wagners „Tannhäuser“ neu zusammenzusetzen. Kein einzelner Meister ist hier zu bestaunen, sondern eine bunte Schar von Künstlern und Künstlerinnen: eine Puppentheater-Gruppe, Avantgarde-Popmusiker oder ein Rapper.

Organisiert wird das Ganze von Marielle Sterra und Dennis Depta, die zusammen die Künstlerische Leitung der freien Musiktheaterkombo Glanz und Krawall bilden. Vor zwei Jahren hatte Sterra zum ersten Mal mit den Bayreuther Festspielen zu tun.

Die heute 30-Jährige studierte damals Regie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Sie assistierte in einer Kinderoper und merkte sofort: Bayreuth ist elitär und patriarchal. Für Sterra stellte sich da die Frage, wer sich das in 20 Jahren noch geben werde: „Als freie Künstler-Gruppe wollen wir dem Tanker Bayreuth nicht die Deutungshoheit über Wagner überlassen“, sagt sie.

Wagner wirkt unantastbar

„Wir brechen den normalen Opernbesuch auf“, ergänzt Dennis Depta. „Es geht nicht mehr um das einsame Genie Richard Wagner, sondern um verschiedene Gehirne, die ein neues Ganzes schaffen.“ Daher auch: Wagner nicht so wichtig nehmen. „Wir hinterfragen die Partitur, wollen wieder an die Stoffe herankommen“, betont der 31-Jährige.

Wird heute Wagner aufgeführt, weiß der Zuschauer eigentlich immer, worauf er sich einlässt. Es gibt keine Striche, keine Veränderungen. Wagner wirkt unantastbar. „Bestimmte Rollenbilder werden dadurch immer wieder reproduziert“, glaubt Marielle Sterra.

Als Regisseurin komme man da eigentlich nie dazwischen. Der Text bleibt ja der gleiche. Darum habe man sich etwa entschieden, Elisabeths Gebet im „Tannhäuser“ zu verlegen, und zwar nach Tannhäusers Rom-Erzählung: „Die Frau soll nicht einfach weg sein, mit einem schönen Gesang verschwinden.“

[„Berlin ist not Bayreuth“, Gelände des B.L.O. Ateliers, Kaskelstraße 55, 10317 Berlin, 23. bis 25. August. Festival-Ticket 15 bis 50 Euro, Tagesticket 10 bis 20 Euro. Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre frei.]

Was erwartet die Zuschauer nun? Auf vier Bühnen werden Teile des „Tannhäuser“ aufgeführt. Mit Puppen, im Sprechgesang, mit Hilfe von Soul-Musik. Jeder der drei Abende beginnt mit der Ouvertüre auf dem Vorplatz. Danach geht es drinnen weiter – zusammen jeweils fünfeinhalb Stunden.

Dafür wurden verschiedene Stationen des „Tannhäuser“ nachgebaut: der Venusberg, die Heilige Halle, die Wartburg – die hier wie ein Campingplatz aussieht. Auch einen kleinen Grünen Hügel gibt es, an dem die Besucher sich über die Oper und Bayreuth informieren können.

„Die Zuschauer können in die einzelnen Welten eintauchen“, sagt Dennis Depta. In welcher Reihenfolge sie die Stationen erleben, ist ihnen überlassen. Vieles passiert parallel, weshalb auch nicht alles an einem Abend zu erleben ist. Aus diesem Grund gibt es Tickets, die an allen drei Tagen Einlass gewähren.

Bei Wagner gibt es keine Ambivalenzen

Die Fragmente aus Musik, Text und Inszenierung wird wohl jeder Besucher anders sehen, hören, erleben und seine eigenen Querverbindungen ziehen. „Es ist einfach, Wagner zu verhauen und sich über ihn lustig zu machen. Aber wir setzen uns ernsthaft mit ihm auseinander“, betont Marielle Sterra. Sie wollen sowohl Leute ansprechen, die keine Ahnung haben, was eine Oper ist, als auch Wagnerianer, die neue Aspekte kennenlernen möchten.

Bei der Frage, wie denn seine erste Wagner-Erfahrung aussah, gerät Dennis Depta ins Stocken: „Ich war noch nie in einem Opernhaus, um mir Wagner anzusehen.“ Marielle Sterra hingegen war 16, als sie in Köln den „Tannhäuser“ erlebte. „Es war mir fremd“, sagt sie. Erst während ihres Regie-Studiums kam sie intensiver mit Wagner in Kontakt. Bis sie eben in Bayreuth landete. Dort hat sie auch Positives erlebt.

„Ich war im zweiten Jahr des Castorf-Rings da. Noch nie habe ich so offenen Hass in der Oper erlebt, wie in dem Moment, als der Regisseur auf die Bühne trat“, erinnert sie sich. Für sie hatte das auch etwas Erfreuliches: „In Bayreuth ist das Publikum mit ganzem Herzen dabei“. Bei Wagner gibt es eben keine Ambivalenzen. Genau das erhoffen sich Depta und Sterra auch für ihr Festival.

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