Wladimir Kaminers „Die Kreuzfahrer“ : Die Hölle sieht überall anders aus

Putin-Schokolade, schwimmende Kaufhallen, und ganz viel Schlager: Wladimir Kaminer beschreibt in „Die Kreuzfahrer“ den Irrsinn der Seereise.

Vergnügungsdampfer XXL. Die Queen Mary 2, eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt.
Vergnügungsdampfer XXL. Die Queen Mary 2, eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt.Foto: Angel Medina/dpa

Im gewohnten Plauderton beschreibt Wladimir Kaminer vier Vergnügungsreisen: Er schippert durchs Mittelmeer und die Karibik, umrundet die Ostsee, überquert den Atlantik – und egal wo er von Bord geht, überall begegnet er Russen, da die ihn sofort als einen der Ihren erkennen und ihm Pelzprodukte verkaufen wollen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, so scheint es, hat sich die Hälfte der nun freien Russen über den Erdball verteilt, auf der Suche nach dem Glücksversprechen des Kapitalismus.

Entstanden ist „Die Kreuzfahrer“ als Nebenprodukt von Kaminers Engagements auf diversen Vergnügungsdampfern. Doch er ist immer dann am besten, also am witzigsten, wenn er seine Landgänge beschreibt. In St. Petersburg kauft er Putin-Schokolade in den Geschmacksrichtungen Vollmilch, Zartbitter und Nuss, der Athen-Aufenthalt wird zum griechischen Drama, die Helsinki-Episode ist eine freche Vorurteils-Parade, von den Schweden weiß er, sie seien „unglaublich sportlich“, sogar wenn sie auf einer Bank sitzen, „sehen sie aus, als würden sie Yogaübungen machen, um ihre Sitztechnik zu verbessern“. Nach einer Woche unter karibischer Sonne stellt er fest: „Alle Paradiese der Erde gleichen einander. Nur die Höllen sind unterschiedlich.“

Tonnenschwere Mega-Kneipen

Und die haben in seinem Fall ein Gewicht von mindestens 200 000 Bruttoregistertonnen. Als geradezu infernalisch beschreibt er das Treiben an Bord. Die „Queen of the seas“ erscheint ihm als „schwimmende Kaufhalle“, in der 5000 Amerikaner einen Lärm machen, „als wären sie zehn Mal so viele“, die Aida-Schiffe vergleicht er mit Mega-Kneipen, in der unablässig Schlagermusik läuft – deren Texte alle Anwesenden auswendig mitsingen können. „Stößchen!, riefen die Unterhaltungsoffiziere, die selbst nur Wasser zu sich nahmen, aber stets dafür sorgten, dass sich alle Gäste betranken.“ Wer noch kein Kreuzfahrer ist, wird es nach der Lektüre dieses Buches kaum werden.

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Wladimir Kaminer: Die Kreuzfahrer. Wunderraum Verlag, München 2018. 224 Seiten, 20 €.

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