• Woody Allen und die amerikanische Öffentlichkeit: Verlage wollen Woody Allens Memoiren nicht drucken

Woody Allen und die amerikanische Öffentlichkeit : Verlage wollen Woody Allens Memoiren nicht drucken

Eine Frage der Moral? Erst kündigte Amazon einen Filmdeal mit ihm auf, jetzt findet Woody Allen keinen Verlag für seine Memoiren. Ein Kommentar über MeToo und die Folgen.

Woody Allen 2016 beim Festival von Cannes, wo er seinen "Cafe Society" vorstellte.
Woody Allen 2016 beim Festival von Cannes, wo er seinen "Cafe Society" vorstellte.Foto: dpa/Ian Langsdon


Geht es um Moral? Vor allem geht es um Geld. Nachdem Amazon einen Vier-Filme-Deal mit Woody Allen aufkündigte und seine bereits 2017 abgedrehte Komödie „A Rainy Day In New York“ auf Eis gelegt hat, wurde nun bekannt, dass sich bislang kein amerikanischer Verlag für die Memoiren des Filmemachers findet. Vier größere, nicht näher benannte Verlagshäuser sollen entsprechende Anfragen abgewiesen haben, heißt es in einem Bericht der „New York Times“. Der Grund: Während der MeToo-Debatte erneuerte seine Adoptivtochter Dylan Farrow ihre Vorwürfe, Allen habe sie 1992 sexuell missbraucht. Sie war damals sieben Jahre alt. Woody Allen stritt die Vorwürfe stets ab. Psychologische Gutachten kamen zu dem Ergebnis, es habe keinen Missbrauch gegeben; vor Gericht hieß es, die Indizien seien unklar. Der Filmemacher hatte zu dem Zeitpunkt eine Affäre mit Soon-Yi, der 21-jährigen Adoptivtochter seiner damaligen Ehefrau Mia Farrow. Es gab einen Scheidungskrieg mit Mia Farrow, Soon-Yi und Allen sind seit 1997 verheiratet.
Wem glauben? Selbst die Familie ist gespalten. Ronan Farrow, der als Journalist den Weinstein-Skandal recherchierte, steht auf der Seite seiner Schwester, ihr anderer Bruder Moses Farrow verteidigt den Stiefvater. Die US-Unterhaltungsindustrie hat ihr Urteil hingegen gefällt, fürs erste jedenfalls. Mit dem heute 83-Jährigen zu arbeiten, sei „toxisch“, zitiert die „New York Times“ anonyme Stimmen aus der Verlagsbranche. Anders als die sich öffentlich von ihrem früheren Regisseur distanzierenden Schauspieler, darunter Michael Caine, Colin Firth und Greta Gerwig, will hier kaum einer namentlich genannt werden. Wegen der Vertraulichkeit solcher Geschäfte, heißt es. Oder vielleicht doch, weil der Wind sich wieder drehen und man mit Werken von Allen in ein paar Jahren erneut gut Geld verdienen könnte?
Wer jetzt denkt, der arme Filmemacher werde vom womöglich fälschlich verdächtigten Täter zum Opfer einer hysterischen Öffentlichkeit, der irrt jedoch auch. Als unabhängiger Autorenfilmer ist er nicht nur Künstler, sondern auch Geschäftsmann und kämpft seinerseits mit harten Bandagen. Im Februar hat er Amazon auf 68 Millionen Dollar verklagt, für den Sommer ist sein nächster Filmdreh angekündigt - in Spanien. Bigotterie gibt es hier wie da, unsympathisches und moralisch zweifelhaftes Verhalten.

Es gibt gute Gründe, Woody Allens Buch zu veröffentlichen

MeToo und die Folgen: Hinter all den überfälligen Enthüllungen, aber auch den Mutmaßungen und Meinungen steckt oft eine Wahrheit, die nicht zu fassen ist. Gerne würde man nachlesen, ob Allens Autobiografie auf die Vorwürfe eingeht. Ob er schweigt oder erzählt, ob er ehrlich klingt, überzeugend oder ausweichend, gar verlogen. Es wäre ein Puzzlestück mehr. Ohne Veröffentlichung ist die Wahrheit schwer zu haben.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!