Young Euro Classic : Alte Meister und frühe Werke

Exzellenz und Himmelfahrt: Das Bundesjugendorchester beeindruckt bei Young Euro Classic mit Gemeinschaftsgeist und Individualität.

Mitglieder des Bundesjugendorchesters im Konzerthaus am Samstag Abend.
Mitglieder des Bundesjugendorchesters im Konzerthaus am Samstag Abend.Foto: Kai Bienert

Anton Bruckners und Olivier Messiaens reife Werke sind gelegentlich durch einen Zug zum Formelhaften bedroht, innerhalb eines zur religiösen Weltanschauung erhobenen musikalischen Systems. Da vermittelt es einen besonderen Reiz, früheren Stücken zu begegnen, bei denen der Personalstil der Komponisten bereits zu erahnen, aber noch nicht voll ausgeprägt ist. Die klanglichen Aufgipfelungen und charakteristischen harmonischen Entwicklungen in Bruckners g-Moll-Ouvertüre weisen ebenso auf Späteres voraus wie die Vorliebe für bestimmte Intervalle in Messiaens viersätziger Orchesterstudie L’Ascension (Die Himmelfahrt). Gleichzeitig wirken beide Kompositionen durchlässig für Älteres, der Vorschein der kommenden Meisterwerke ist mit traditionelleren Elementen auf lebendige Weise verschränkt.

Mehr als nur den Vorschein künstlerischer Exzellenz, nämlich diese selbst, vermittelt die Interpretation dieser Stücke durch das Bundesjugendorchester bei Young Euro Classic im Konzerthaus. Schauspieler und Pate Oliver Mommsen betont, dass das Orchester mit seinen Mitgliedern zwischen 14 und 19 zu den jüngsten des Festivals zählt. Voraussehbar werden die allermeisten die Karriere von Berufsmusikern beschreiten und viele von ihnen in Spitzenorchestern landen. Wie in den besten Jugendensembles zeigt sich in der Aufführung die Balance von Kontrolle und Temperament, Kraft und Differenziertheit, Gemeinschaftsgeist und Individualität (nur pars pro toto seien die erste Flötistin und die Englischhornistin erwähnt, die ihre Soli mit ergreifendem Ausdruck vortragen).

Elias Grandy verzichtet auf schauspielerischen Aktionismus

Außer den Werken von Bruckner und Messiaen erklingen Paul Hindemiths so effektvolle wie tiefgründige Symphonie Mathis der Mahler und die von der Mezzosopranistin Gerhild Romberger mit runder Stimme und bewegendem Engagement vorgetragenen Kindertotenlieder von Gustav Mahler. Anders als viele Kollegen der jüngeren Generation dirigiert der kurzfristig für den erkrankten Mario Venzago eingesprungene Elias Grandy mit kluger Ökonomie: Wenn der Klang des Orchesters durch die Instrumentation ohnehin anschwillt, verzichtet der Generalmusikdirektor der Stadt Heidelberg darauf, die Steigerung durch schauspielerischen Aktionismus für die Galerie zu verdoppeln. Im nur für Bläser gesetzten ersten Messiaen-Satz schlägt er den Takt durch, um den Grundpuls des von vielen Pausen unterbrochenen Stücks präsent zu halten, in den Mahler- Liedern zwei und drei lässt er den Klang wie ein alter Meister ansatzlos aus dem Nichts entstehen.

Im Schlussjubel nach dem entfesselten Finale von Hindemiths Symphonie umarmen sich die Musiker zum Abschluss ihrer Sommertournee. Beim Beethovenfest in Bonn trifft man sich wieder, im Januar steht die Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko an. Die Interpretation von Strawinskys Sacre du Printemps dürfte ein Höhepunkt der kommenden Konzertsaison werden.

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