Zarte Männer im Kolbe-Museum : Wo sie hintreten, wachsen Blumen

Antihelden aus dem Geist des Widerstands: Das Georg-Kolbe-Museum präsentiert Skulpturen zarter Männer.

Georg Minnes "knieender Knabe" umarmt sich selbst.
Georg Minnes "knieender Knabe" umarmt sich selbst.Foto: Bildarchiv Foto Marburg, Oliver Ziebe/Stiftung Stadtmuseum Berlin

Die Helden sind müde. Und erst einmal ihre Pferde. Erschöpft beugt der Rappe den Kopf herab, auf seinem Bauch zeichnen sich die Rippen ab. Kein Ritter sitzt auf ihm, bloß ein Kind. Der Junge trägt eine haubenförmige Prinz-Eisenherz-Frisur und drückt seine nackte Brust tatendurstig nach vorn. Vor dieser Schmächtigkeit muss sich niemand fürchten. Der „Parcival“, den der Bildhauer Ignatius Taschner 1901/02 schuf, hat mit dem Pomp und Pathos von Richard Wagners Oper nicht mehr viel zu tun. Die vollbärtige Kernigkeit des mittelalterlichen Gralsritters fehlt, der nur mit einem elegant gefalteten Lendentuch bekleidete Junge passt eher in ein Märchen, wie die Figuren, die Taschner für den Brunnen im Volkspark Friedrichshain lieferte. Wo dieser Bube auftritt – möchte man wetten –, wachsen Blumen.

Der unheroische Parcival begrüßt zusammen mit einem Dutzend anderen Bronzefiguren die Besucher der Ausstellung „Zarte Männer in der Skulptur der Moderne“ im Georg-Kolbe-Museum. Da geht ein „Bocciaspieler“ (August Kraus, 1904) in die Knie, um seine Kugel zu werfen, der „Dornauszieher“ (Ernst Seger, 1923) balanciert tänzerisch auf einem Bein, auch ein „Sandalenbinder“ (Nikolaus Friedrich, 1897) ist mit seinen unteren Extremitäten beschäftigt und ein „tanzender Bacchant“ (Rudolf Marcuse, ohne Jahresangabe) hält in der linken Hand eine Trinkschale und in der rechten eine Weinrebe. Ein Prosit der Gemütlichkeit. Die Metall-Männer entstammen einer gepanzerten Epoche, deren aggressiver Chauvinismus sich in zwei Weltkriegen entlud. Aber keiner von ihnen trägt eine Uniform oder Waffe. Sie verkörpern das zivile Prinzip und demonstrieren, dass es interessantere Beschäftigungen gibt, als einander totzuschießen.

„Nur ein tadellos schön gebauter Mensch darf es wagen, kerzengrade sich zu präsentieren und eine symmetrische Körperstellung einzunehmen“, hat der sächsische Maler, Zeichner und Bildhauer Sascha Schneider verkündet und mit seinem „Gürtelbinder“ von 1913 auch gleich demonstriert, was er sich unter diesem Ideal vorstellt. Straff und aufrecht wölbt der Sportler seinen nackten Körper leicht nach vorn, um den fein ornamentierten Gürtel zu schließen. Symbolismus mischt sich mit dunkler Romantik. Schneider, der auch Illustrationen für Karl May schuf, war schwul und lebte mit einem jungen Freund zusammen. Deshalb wurde er erpresst, und seine Homosexualität war wohl auch der Grund, warum die Skulptur nicht von den Dresdner Museen angekauft wurde.

Noch größer als der Narzissmus ist die Niedergeschlagenheit

Museumsdirektorin Julia Wallner, die die Ausstellung kuratiert hat, spricht von einem „Sehnsuchtsmotiv“, in dem sich das Leiden an der Liebe und ihren unerfüllbaren Bedingungen zeige. Ähnlich selbstvergessen agieren viele der überlängten, melancholisch betrübten Gestalten, die auf ihren Holzsockeln nicht mit der Welt, sondern nur mit sich selbst beschäftigt sind. Joseph Enselings „Adam“, der an eine depressive Gliederpuppe erinnert, senkt sein Haupt, Karl Albikers „Knabe mit Hut“ legt die Arme tröstend um den eigenen Körper.

Noch größer als der Narzissmus ist die Niedergeschlagenheit. Der flämische Bildhauer George Minne lässt 1898 einen ausgemergelten Knaben auf die Knie sinken, der in seiner Mischung aus „Seele, Haut und Knochen“ für zeitgenössische Kritiker wie ein Wiedergänger gotischer Schmerzensmänner wirkt. Der Untergang scheint nah, das ist auch in der expressionistischen Lyrik spürbar, etwa in den Anfangsversen von Else Lasker-Schülers Gedicht „Weltende“: „Es ist ein Weinen in der Welt / als ob der liebe Gott gestorben wäre.“ Für seinen „Knabenbrunnen“, heute im Essener Folkwang-Museum zu sehen, verfünffacht Minne seine Skulptur. Fünf Sinnsucher blicken ins Wasser hinab, in dem sich ihre leeren Gesichter spiegeln.

Wilhelm Lehmbruchs "Kopf eines Denkers"
Wilhelm Lehmbruchs "Kopf eines Denkers"Foto: Bildarchiv Foto Marburg, Oliver Ziebe/Stiftung Stadtmuseum Berlin

Als Begriff wurde der homme fragile – anders als die femme fragile, die Kontrahentin der femme fatale – erst im Nachhinein von Germanisten erfunden. Seine brüchige, passive Männlichkeit lässt sich bis zu Donatellos androgyner „David“-Figur und antiken Jünglingen wie Amor, Apoll oder Ganymed zurückverfolgen.

Präsent ist die „Krise der Geschlechterordnung“, die die Literaturwissenschaftlerin Claudia Liebrand im Ausstellungskatalog konstatiert, vor allem auch in der Literatur um 1900, in der Prosa von Heinrich und Thomas Mann oder den Gedichten von Rilke und Stefan George, der seinen „Blumenelf“ so weit schrumpfen lässt, dass er in einem Blütenkelch leben kann. Endgültig zerstört werden die alten Heldenmythen in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs. Georg Kolbe macht aus Ikarus einen abgestürzten Piloten, dessen Flügel einem zerborstenen Propeller gleichen. Und Wilhelm Lehmbruck verleiht seinem „Kopf eines Denkers“ eine spröde Fremdheit, als handle es sich um einen Alien. Die Gipsbüste gehört zu den letzten Arbeiten des Künstlers, er nimmt sich 1919 das Leben.

Im Nationalsozialismus waren harte Helden gefragt

Die überaus sehenswerte Ausstellung präsentiert 80 Exponate, von denen knapp die Hälfte aus der Sammlung des Unternehmers Karl H. Knauf stammen. Von grandioser Verspieltheit sind die Stücke aus der Weimarer Republik, Renée Sintenis’ selbstbewusst voranschreitender Badehosen-Bursche „Bruno“, Richard Scheibes winkender „Jüngling“ oder der katzenhafte Tänzer Vaslav Nijinsky, der gleich in vierfacher Ausfertigung zu sehen ist, in Arbeiten von Ernesto de Fiori, Georg Kolbe, Fritz Behn und Fritz Klimsch. Klimsch begann als wilhelminischer Secessionist und wurde später Goebbels’ Lieblingsbildhauer.

Erstaunlicherweise konnte der zarte Mann auch in der nationalsozialistischen Kunst noch einige Zeit überleben, obwohl eher Helden gefragt waren, die hart wie Kruppstahl sein sollten. Während Klimsch und Kolbe zunehmend monumentalere Skulpturen lieferten, widerstanden die jüngeren Bildhauer Gerhard Marcks, Joachim Karsch und Hermann Blumenthal der Staatsdoktrin mit Menschenbildern von größtmöglicher Pathoslosigkeit. Blumenthal setzt seine Skulpturen oft direkt auf die Erde, sein „Kniender (Spinne)“ turnt mit abgeknickten Armen und Beinen, als würde er Martin Wuttkes „Arturo Ui“-Hakenkreuz-Performance vorwegnehmen. Blumenthal stirbt 1942 an der Ostfront, Karsch bringt sich 1945 um.

Georg-Kolbe-Museum, bis 3. Februar. Täglich 10–18 Uhr, Katalog 12 €

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