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Flüchtete 1938 vor den Nazis aus Wien nach London: Der Lyriker Erich Fried, hier auf einer Aufnahme von 1968.

© akg-images / Imagno / Otto Breic

Tagesspiegel Plus

Zum 100. Geburtstag von Erich Fried: „Man muss mit jedem reden“

Sein Haus in London stand in den 70ern vielen Menschen offen, jungen Leuten genauso wie Überlebenden der Shoah. Eine persönliche Erinnerung an Erich Fried 

Von Caroline Fetscher

| Update:

Alle kamen zu Erich. Wer nach London reiste, wer links war, wer Erich Frieds Lyrik las, wer keinen Schlafplatz hatte oder einfach fern von zuhause Halt suchte, der ging „zu Erich“. Das Haus der Familie Fried lag im Immigranten-Stadtteil Kilburn. 22 Dartmouth Road ist eines in einer langen Reihe Backsteinhäuser mit großen, typisch englischen Erkerfenstern. Rappelvoll und gesellig wirkte der Haushalt wie eine überwältigend gastfreundliche Mischung aus familiärer Bohème, Wohngemeinschaft und Jugendherberge.

Man kam an, durfte den Rucksack auf der bezogenen Matratze eines der kargen Gästezimmer in der ersten Etage ablegen, und saß dann bald am langen Esstisch im Erdgeschoss, in der Küche. Dort, im Herz des Hauses, wurde gekocht, debattiert, gelacht, Töpfe dampften, und Platz schien es zu geben für jeden, der auftauchte.

Mächtiger Kopf, leuchtende Augen, klein von Gestalt

Als ich 1975 in der Dartmouth Road anlandete, mit sechzehn, auf der Rückreise von einem Schüleraustausch in Leeds, fühlte ich mich wie angekommen in der eigenen, imaginierten Zukunft: So will ich auch mal leben!, jubelte eine innere Stimme.

Auch der Dichter Erich Fried, mächtiger Kopf, leuchtende Augen hinter der stark umrandeten Brille, klein von Gestalt und meist nachlässig gekleidet, wirkte wie die Freundlichkeit in Unendlichkeit. Selbst mitten in wildesten Debatten verflog sein Lächeln nie vollends.

Erich Fried (ganz links auf dem Bild), wie er mit Rudi Dutschke (in der Mitte) am 18. Februar 1968 in Berlin an der Spitze eines Demonstrationszuges gegen den Vietnamkrieg demonstriert

© picture-alliance/ dpa / Chris Hoffmann

Wir lernten uns da kennen. In Erichs Erkerzimmer im Erdgeschoss, ohne Vorhang zur Straße, wollte er vom Gast alles wissen: Wie bist du gereist? Was läuft es so mit den Jungs, mit der Liebe? Wie stehst du dich mit den Eltern? Was denkst du politisch?

Unbeirrt vom Trubel widmete er sich dem Gegenüber. Irgendjemand spielte Klavier, die kleinen Zwillinge Klaus und Thomas tobten durchs Haus, Tochter Petra fahndete nach einem ruhigen Winkel, deutsche Pilger berichteten begeistert von einer portugiesischen Agrarkommune, und eine tatkräftige Frau – „sie war mal bei der RAF, hat aber keinem was getan", klärte Erich auf – kochte Spaghetti.

Alle Augenblicke schien aus einer Tür oder aus dem Garten jemand in die Küche zu kommen. „Das ist David“, stellte Erich vor. Sein Sohn aus einer vorherigen Ehe, ein Maler, hatte im Garten sein Atelier, eine Art Holzhütte, wo er für sich sein konnte. Beneidenswert! David hatte vor kurzem erst einen Kunstpreis gewonnen, und Erich amüsierte es sehr, dass einer der Royals bei der Preisverleihung den Titel des prämierten Gemäldes „The Wanker“ hatte aussprechen müssen. „Das bedeutet ,der Wichser’!“ Erich strahlte.

Wie geht’s mit den Jungs, mit der Liebe, der Politik?

fragte Erich Fried

In einem Interview von 2016 erinnert sich David Fried an die Besucher, an viele „zutiefst verlorene“ Seelen, unzufriedene junge Deutsche ebenso wie ältere Überlebende der Shoah. Lauter Leute, sagte er, die entweder eine Revolution anzetteln oder Rat fürs Leben wollten. Kein Tag sei vergangen, an dem der Vater nicht über den Nationalsozialismus sprach, über Totalitarismus und die Frage, wie Hitlers Herrschaft möglich gewesen sei. Als Teenager habe ihn das, so David, überfordert.

Unvorstellbar war auch für mich die Dimension von Erichs Geschichte. Dass er im Alter von siebzehn, genauso alt wie ich zu der Zeit, mittellos, auf der Flucht vor der NS-Judenjagd aus Wien nach England gekommen war. Im Herbst 1938 hatte er sich beim „German Jewish Refugees Committee“ registrieren lassen. Erich erzählte uns, dass sein Vater von der Gestapo zu Tode getreten, seine Großmutter vergast worden und seine Mutter, die überlebt hatte, vorübergehend inhaftiert gewesen war. In einer Vitrine in seinem Arbeitszimmer bewahrte er eine Handvoll Asche aus Auschwitz auf.

Seine Rufe gegen Vergessen und Verdrängen durchdringen sein Werk. Doch mit Israel als Zufluchtsort Überlebender war Erich Fried gar nicht einverstanden, und da ich auch eine enthusiastische Kibbuz-Freiwillige war, stritt ich heftig mit ihm. Es war allerdings nichts zu machen. „Jüdische Israelis sollten einfach alle in die Diaspora gehen“, befand er, nachsichtig über Widerworte hinwegsehend.

Schon damals korrespondierte Fried außerdem mit einem einsitzenden deutschen Neonazi, was mich ebenfalls irritierte – und was er so milde hinnahm, wie meine Freude an Kibbuzim. „Man muss mit jedem reden“, beharrte er. Da hat er vielleicht Recht, dachte ich.

Fried bastelte auch Schmuck

Bitterarm hatte Erich Fried als junger Flüchtling im Schlamm und Schlick der Themse bei Ebbe Stücke von Tonpfeifen aufgesammelt, Abfall aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, um daraus Schmuck zu basteln, Ketten aus tönernen Röhren und Pfeifenköpfen, die er verkaufte. Solche Stücke lagen noch in seiner Vitrine. Er schenkte mir ein paar, die ich bis heute hüte. Sie waren mir fast unheimlich, weil sie aussahen, wie kleine Knochen.

Ich hatte gerade in Yorkshire ein Vierteljahr lang in etwa so gelebt, wie ich mir den Traum auf Erden dachte, das war die freie Schule Summerhill. Zu meinem Glück hatten sie an der Lawnswood School in Leeds schlicht versäumt, für die Gastschülerin ein Curriculum festzulegen. Also besuchte ich nur den Unterricht, den ich mochte, ohne Plan und Benotung, dafür mit mehr Lerneifer als je zuvor, William Blake auf Englisch lesend, „Pu der Bär“ auf Lateinisch, und auf der billigen Reiseschreibmaschine Kurzprosa und Gedichte tippend.

Erich Fried 1988, kurz vor seinem Tod, bei einer Lesung im Deutschen Theater in Ost-Berlin

© imago images/Rolf Zöllner

Über die Verse der Schülerin beugte sich Erich mit anrührendem Interesse, wies mit dem runden Finger auf schiefe Metaphern und überflüssige Adjektive, freute sich, wenn man die Fehler begriff, und trollte sich plötzlich, wenn ein Geistesblitz ihm auftrug, selber ein Gedicht zu schreiben.

Wenig später schleppte er es an und las es denen vor, die gerade da waren. Verfasst hatte er es auf einer uralten Maschine, die er selber reparierte. Ans Ende der defekten Walze, die nicht mehr zurücksprang, hatte er zum Behelf ein altes Eisengewicht für Waagen gehängt. Überall im Haus sah man den Bastler, Sammler und Erfinder.

Das Haus war so gemischt, so aufgemischt, dass es nachträglich ein Wunder scheint, wie Catherine Boswell-Fried (1963 - 2015) Erichs dritte Ehefrau, den summenden Bienenkorb ertrug. Gelegentlich ging sie aus, um in einem Quartett zu musizieren.

Fried erklärte die Idee der offenen Ehe

„See you tomorrow!“ verabschiedete sie herzlich ihren Mann. „Enjoy yourself, darling!“ winkte er. Unter seinem Englisch schwang unüberhörbar der österreichische Klang mit, als spräche er zwei Sprachen zugleich. Und dann erklärte er mir die Idee der offenen Ehe.

Wir blieben über Jahre in Verbindung, wie er es mit so vielen, vielen hielt, bis zu seinem Tod 1988. Oft traf ich ihn in Hamburg, wo ich studierte, und wo er ein Zimmer im Haus von Freunden hatte, mit eigener Klingel. Erich meldete sich: „Wie geht’s mit den Jungs, mit der Liebe, der Politik?“ Und: „Du musst ,Der Nazi und der Friseur’ lesen, von Hilsenrath!“ Oder: „Ich habe gerade ein Gedicht geschrieben. Hör mal...“ Seine Stimme höre ich immer noch.

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