Zum Tod von Coco Schumann : Der Swing hat ihn gerettet

„La Paloma“ als Schicksalslied: Coco Schumann wurde mit 13 vom Jazzvirus infiziert, überlebte Auschwitz und drehte mit Heinz Erhardt. Ein Nachruf.

Coco Schumann bei einem Auftritt 2004.
Coco Schumann bei einem Auftritt 2004.Foto: Imago/Scherf

September 1944. Ankunft in Auschwitz. „Ein beißender Geruch hing schwer in der Luft. Etwas entfernt standen hohe Schornsteine in der Luft, die offensichtlich heiß befeuert wurden, denn Stichflammen schlugen aus ihnen heraus.“ Den Ankommenden wird der spärliche Besitz abgenommen, auch ihre Kleidung müssen sie abgeben. Splitternackt kommen sie am vorderen Ende der Rampe an. „Ich stand vor dem Standortarzt, einem Mann, dessen Namen ich erst später erfuhr: Josef Mengele.“ Auf die Frage, wie alt er sei, nimmt Coco Schumann Haltung an und entgegnet: „Zwanzig Jahre!“ – „Beruf?“ – „Nun guckte auch ich ihm direkt in die Augen: ,Klempner und Rohrleger, Herr Hauptsturmführer!’ “

Das ist geflunkert. Schumann hatte zwar, zwangsverpflichtet im Zuge von „Arbeitsdienstverordnungen“, als Gehilfe bei einem Klempnermeister in Charlottenburg gearbeitet. Aber eigentlich ist er Musiker, Jazzmusiker. Schumann ahnt, dass es klüger sein könnte, sich vor diesem SS-Offizier als Handwerker auszugeben. Mengele schickt ihn nach rechts, auf die Seite derer, die jünger sind und gesünder aussehen. „Uns gegenüber versammelte sich eine Menge alter, kranker und halbverhungerter Menschen. Ich wusste nicht, was das bedeutete, sondern lediglich, dass das etwas bedeutete.“

Lakonie und Staunen

In seiner Autobiografie „Der Ghetto-Swinger“ beschreibt Coco Schumann sein Leben, sein Überleben mit einer Mischung aus Lakonie und Staunen. Der Sohn einer jüdischen Friseuse und eines vom Christentum zum Judentum konvertierten Tapezierers, 1924 in Berlin geboren, war 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Er hatte das Ghetto Theresienstadt genauso überlebt wie Auschwitz, auch die Deportation von dort im Januar 1945 nach Kaufering, in ein Nebenlager des Konzentrationslagers Dachau, auch den anschließenden Todesmarsch Richtung Innsbruck. In der Nähe von Wolfratshausen wird er von amerikanischen Truppen befreit.

Lange hat Coco Schumann über das, was er bis zur Befreiung erlebte, nicht öffentlich geredet. Er wollte nicht auf die Rolle des Zeitzeugen reduziert werden: „Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZler, der Musik macht.“ Mit dem Jazz-Virus wird er infiziert, als er zum ersten Mal „A Ticket, A Tasket“ hört, gesungen von Ella Fitzgerald. „Ich war 13, es hat sofort gefunkt.“ Er bringt sich das Gitarrespielen bei, tritt in SwingLokalen wie dem Groschenkeller, der Rosita-Bar oder Arnds Bierbar auf. Jazz gilt als „entartet“, als sogenannter „Geltungsjude“ ist Schumann doppelt gefährdet.

Die Gitarre eines Ermordeten

Aber Musik macht Schumann auch, nachdem er von der Kriminalpolizei verhaftet worden ist. Die Musik rettet ihm das Leben. In Theresienstadt wird er bei den Ghetto-Swingers aufgenommen, einer Lagercombo, die von dem tschechischen Trompeter Eric Vogel gegründet worden ist. Sogar in Auschwitz spielt Coco Schumann weiter. Am Abend seiner Ankunft bekommt er eine Gitarre, die einem ermordeten Sinto gehörte. Zusammen mit fünf, sechs anderen Häftlingen spielt er für die Wachmannschaften, die das Tätowieren der neu ankommenden Gefangenen beaufsichtigen und sich dabei langweilen. „Meistens wünschten sie sich aktuelle Filmschlager, manchmal aber auch Jazztitel wie ,Alexander’s Ragtime Band’.“

Darüber gesprochen, Zeugnis abgelegt hat er erst in den achtziger, neunziger Jahren. Wer Coco Schumann in seiner kleinen Wohnung in der Onkel-Tom- Siedlung in Zehlendorf besuchte, traf einen freundlich berlinernden älteren Herrn, der zwischen seinen Erzählungen immer wieder zur Gitarre griff. „Ohne die Musik würde ich heute nicht vor Ihnen sitzen“, sagte er. Dann spielte er eines seiner Lieblingsstücke: „La Paloma“, ein Seemannslied über eine weiße Taube.

Ohne "Judenstern" ins Tanzlokal

„La Paloma“ hat er auch in Auschwitz gespielt, spielen müssen, manchmal für die todgeweihten Gefangenen auf ihrem Weg in die Gaskammern. „Was kann denn die Musik dafür, dass sie von den Nazis vergewaltigt wurde?“, fragte er. „Die Bilder, die sich in Auschwitz in mein Gedächtnis gebrannt haben, muss ich immer aushalten. Nicht nur, wenn ich die Lieder spiele.“

Noch ein Zitat aus dem Gespräch: „In dem Alter hält man sich schnell für unverwundbar.“ Gemeint sind die Gefühle eines 16-, 17-, 18-Jährigen, der sich nachts in ein Tanzlokal schleicht. Dass er dabei keinen „Judenstern“ trägt, ab September 1941 für alle „Nicht-Arier“ vorgeschrieben, wäre allein schon Grund zur Verhaftung gewesen. Viele Swing-Fans stehen damals in Opposition zum Regime, allein schon, weil sie eine Musik mögen, die aus Amerika kommt. Aber das Gros ist unpolitisch, die Übergänge vom verfemten Jazz zum angejazzten Foxtrott von Peter Kreuder oder Marika Rökk sind fließend.

Im Groschenkeller, erzählte Schumann, standen immer zwei Studenten am Eingang. „Die Kontrolleure von der Reichsmusikkammer waren schon von Weitem an ihren Ledermänteln zu erkennen. Dann pfiffen die Studenten, und die Band wechselte vom ,Tiger Rag’ zu ,Rosamunde’. Der ganze Saal sang lauthals mit.“

Rock'n'Roll im Wirtschaftswunder

Nach dem Krieg kehrt Schumann nach Berlin zurück, spielt in amerikanischen Clubs, bastelt sich selbst eine elektrische Gitarre, um Vorbildern wie Herb Ellis oder Django Reinhardt nacheifern zu können. Der „Zaubergeiger“ Helmut Zacharias holt ihn in sein Orchester, sie spielen Unterhaltungsschlager und Jazzstandards, von „The Man I Love“ bis zur „Kosaken-Patrouille“. In der Heinz-Erhardt-Komödie „Witwer mit fünf Töchtern“ ist Schumann als Gitarrist einer Rock’n’Roll-Band zu sehen. Mit seiner Frau, die ebenfalls die nationalsozialistischen Vernichtungslager überlebt hat, und der neu gegründeten Familie, zieht Schumann für ein paar Jahre nach Australien. Am Ende landet er wieder in Berlin, seiner Stadt.

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Coco Schumann war eine Frohnatur, sein Credo: „Ich jammere nicht, dass ich im KZ war – ich jubele, dass ich rausgekommen bin.“ Am Sonntag ist er in Berlin gestorben, er wurde 93 Jahre alt.

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