Zwischen Literatur und Philosophie : Göttliche Natur und teuflische Zerstörung

Die Wildnis, die Seele, das Nichts: Der Philosoph Michael Hampe begibt sich in ein kulturübergreifendes Dickicht jenseits aller Gattungen.

Holzbein, sei wachsam! Captain Ahab, gespielt von Gregory Peck, ringt in John Hustons Verfilmung von "Moby Dick" mit dem weißen Wal.
Holzbein, sei wachsam! Captain Ahab, gespielt von Gregory Peck, ringt in John Hustons Verfilmung von "Moby Dick" mit dem weißen...Foto: mauritius images / United Archives

Zwischen Literatur und Philosophie herrscht seit jeher eine starke Anziehungskraft – und eine gewaltige Fremdheit. Sie sind ein Stoßmich-Ziehdich-Paar wie Richard Burton und Liz Taylor: Auf jeden Trennungsversuch kommt eine leidenschaftliche Versöhnung. Im deutschen Sprachraum hat sich niemand gründlicher in dieses Spannungsfeld begeben als Michael Hampe: theoretisch von der Philosophie und praktisch von der Literatur aus.

Immer wieder hat er mit gattungssprengenden Texten an den Gittern seines akademischen Käfigs gerüttelt, wobei die ETH Zürich, an der er seit 2003 Philosophie lehrt, ein ziemlich komfortables Gefängnis sein dürfte.

Hampes systematisches Meisterstück „Die Lehren der Philosophie“ zeichnete vor sechs Jahren die ideengeschichtlichen Linien eines doktrinären und eines nichtdoktrinären Denkens nach. Eine behauptende, auf Schulbildung setzende Philosophie, setzte er gegen eine erzählende Philosophie ab, einen zentralperspektivischen Zugriff gegen einen multiperspektivischen, einen auf einem unwiderruflichen Urteil beruhenden Standpunkt gegen einen fortlaufenden Prozess des Abwägens.

Fiktive Abhandlungen, erzählende Passagen

Wie er selbst sich dieses Ideal einer philosophischen Polyphonie vorstellte, hatte er da schon zweimal vorgestellt. „Das vollkommene Leben“ (2009) war eine zwischen fiktiven Abhandlungen und narrativen Passagen schwankende Meditation über das Glück. „Tunguska“ (2011) untersuchte in der Form eines Totengespräch das unauflösbare Ineinander von Natur und Kultur.

„Die Wildnis Die Seele Das Nichts“ begibt sich nun von Neuem in ein Zwischenreich der Gattungen. Die Vielfalt der Schichten von Erzählung, Essay, Dialog, Gedicht, Tagebucheintrag und Brief gibt dem Ganzen entschiedener als je zuvor einen hybriden Charakter.

Die Breite der Verfahren, samt einer Art Herausgeberfiktion, die dem Ganzen einen romanhaften Rahmen verleiht, geht dabei allerdings nicht in Tonlagen und Stilfragen auf. Sie versucht, so paradox dies angesichts der künstlichen Welt dieses Buches klingen mag, einen Pluralismus der Weltzugänge zu schaffen, der Stollen für Stollen zu der Phantasmagorie vordringt, die Hampe im Untertitel anvisiert: „Die Wildnis Die Seele Das Nichts“ ist ein Buch „Über das wirkliche Leben“.

Sich begrifflich die Welt vom Leibe halten

Wenn man dem zustimmend zitierten Hans Blumenberg glaubt, dass der Abstraktionsgrad philosophischer Begriffe dazu dient, sich individuelles Erleben nach Kräften vom Leib zu halten, könnte man umgekehrt behaupten, dass Literatur ihre Macht daraus bezieht, subjektive Wahrnehmung so unters Vergrößerungsglas zu legen, dass etwas nicht minder Allgemeingültiges entsteht.

Und so versucht sich Hampe an einem Schreiben und Denken, in dem sich Philosophie und Literatur gegenseitig beobachten und der jeweils anderen Seite das Feld überlassen, wenn die eigenen Möglichkeiten für erste erschöpft sind. Nur dass hinter beidem ein letztlich Unaussprechliches, als unvermittelt Erfahrenes aufragt, das die Sinnhaftigkeit jeder sprachlichen Verarbeitung in Frage stellt.

Es ist die Sehnsucht nach einem unverfälschten Dasein, das Christopher McCandless auf den Spuren von Henry David Thoreau und Jack London in Alaska suchte, worüber er mit 24 Jahren den Tod fand: Jon Krakauer hat die Lebensgeschichte dieses Aussteigers in der mitreißenden Großreportage „Into The Wild“ verarbeitet.

Die Ökofeministin als Krokodilsbeute

Es ist die Geschichte der Okofeministin Val Plumwood, die den Dualismus von Mensch und Natur aufheben wollte, im australischen Kakadu National Park aber Bekanntschaft mit einem Krokodil schloss, dessen Gefräßigkeit sie fast das Leben kostete. Es ist der Wahnsinn, der Bergsteiger wie Reinhold Messner dazu bringt, Achttausender ohne Sauerstoffgerät im Alleingang zu besteigen.

Und es ist die finstere Besessenheit von Herman Melvilles Captain Ahab, der sich an Moby Dick, dem weißen Wal, dafür rächen will, dass er ein Bein an ihn verlor. In allen Fällen geht es um die Dialektik einer „göttlich erhabenen Natur in der Ferne“, die „in der Nähe eine teuflische und zerstörerische“ wird.

An der Aufgabe, das eine mit dem anderen zu versöhnen, laboriert Moritz Brandt, der fiktive, früh verstorbene Protagonist des Buches. Seine philosophische Lehrerin, die Engländerin Dorothy Cavendish beschreibt den Studenten als jemanden, der davon überzeugt war, „die großen Denker über das Leben seien nicht Philosophen wie Platon, Kant, Nietzsche oder Heidegger (beim Aussprechen des letzten Namens verzog er verächtlich das Gesicht), sondern Homer, Dante, Shakespeare, Dostojewski, Musil und Kafka“.

Weisheit versus Wissen

Das Wort, das dabei wohl den meisten Philosophen ein Dorn im Auge wäre, ist das des Lebens. In drei langen, Moritz Brandt zugeschriebenen und nach dessen Tod angeblich ins Literaturarchiv Marbach gekommenen Essays über die Wildnis, die Seele und das Nichts, die das Herzstück des Buches bilden, gewinnt es einen ganz und gar nicht naiven Klang.

Es wird ebenso rehabilitiert wie die Weisheit als unterschätzte Alternative zum gegenständlichen Wissen und der objektiven Erkenntnis. Moritz Brandt verschafft Michael Hampe die Lizenz, Dinge zu formulieren, die ihm gestrenge Universitätskollegen gerne um die Ohren hauen würden.

So tritt für den gescheiterten Dichter Brandt, der Züge des 2005 verstorbenen Lyrikers Thomas Kling trägt, die Poesie als gleichberechtigter Wissensspeicher neben das Argument. Er zitiert Gedichte von Ted Hughes, Ernst Jandl, Dylan Thomas und Ingeborg Bachmann.

Buddhismus ohne falsche Esoterik

Wie in früheren Büchern bescheidet sich Hampe auch nicht mit den Angeboten der eigenen Kultur. In Gestalt des buddhistischen Mönchs Thich Nhat Hanh kommt eine Gestalt ins Spiel, die ihm eine kluge Erforschung des Begriffs Achtsamkeit erlaubt. Bestechend an dieser Herangehensweise ist, auf welchem hohem Niveau sie stattfindet: Sie läuft keinen Moment lang Gefahr, in falsche Esoterik abzugleiten – oder Philosophie als handliche Lebenshilfe zu betreiben.

Seine Methode, wenn man sie denn als solche bezeichnen dürfte, verdankt er erklärtermaßen Paul Feyerabend und Richard Rorty. Ersterer war ein abtrünniger Wissenschaftstheoretiker aus der Schule von Karl Popper, der für einen erkenntnistheoretischen Anarchismus plädierte, dessen Schlachtruf „Anything goes“ nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden sollte: Erfolgreich ist, was Früchte trägt. Letzterer war ein Pragmatist in der Nachfolge von John Dewey, der den Abschied vom Absoluten in der Figur des liberalen Ironikers feierte.

Apokalyptisches Zürich

Problematischer ist, dass es sich bei diesen zentralen Essays nicht eigentlich um Rollenprosa handelt. Hinter jedem straffen und pointierten Satz versteckt sich ein Michael Hampe, der hier ganz in seinem Element ist, während er als Literat dilettiert.

Die endzeitliche Szenerie, in die er Brandts Überlegungen einbettet, schildert er mit altmodischer Artigkeit. Gerade weil die Truppen der New Asia Army, die in einem großen Cyberwar über Europa herfallen, die Prüfung eines Denkens bilden, das sich gegenüber einer wiederum fiktiven Wirklichkeit bewähren muss, hätten sie mehr verdient als dystopisches Dekor.

Auch die seitenlangen Dialoge, die ein gewisser, in seinem Zürcher Keller Kriegsvorräte hamsternder Aaron mit seinem Gefährten Kagami führt, der sich nach und nach als nichthumanoide, künstliche Intelligenz entpuppt, sind von verplauderter Weitschweifigkeit.

Keine Angst vor Fußnoten

Als Kontrastmittel, um darüber nachzudenken, was es in lebensbedrohlichen Zeiten für einen Sinn hat, sich mit der Philosophie des Moritz Brandt zu beschäftigen, halten sie weder der Frische und Dichte der Essays stand, noch lassen sie Figuren lebendig werden. Kuriosum am Rande: Die Brandt-Passagen sind, so hilfreich das ist, sorgfältig annotiert, und wer nach sonstigen Quellen sucht, wird mit einem ganz traditionellen Literaturverzeichnis versorgt.

Die kaleidoskopische Anlage täuscht leider auch darüber hinweg, dass man bei Michael Hampe immer allzu genau weiß, ob man sich gerade auf erzählendem oder argumentierenden Terrain befindet. Hampe bleibt in genau jener Spaltung stecken, die er überwinden will.

Auf ganz andere Weise teilt er so das Schicksal von Peter Bieri, der sich vorzeitig aus seiner Professur verabschiedete, um unter dem Pseudonym Pascal Mercier sentimentale Romane zu schreiben, die Bestseller wurden, aber an seine Leistungen als Philosoph nicht heranreichen.

Popularisierung betreiben andere

Das ist bei Hampe umso bedauerlicher, als er sich für die popularisierte Philosophie eines Jostein Gaarder oder Robert M. Pirsig (gegen die sonst wenig einzuwenden wäre) gar nicht interessiert. Eines der Modelle, die er voller Respekt in den „Lehren der Philosophie“ untersucht, sind die Erzählungen von J.M. Coetzee in dem Band „Elizabeth Costello“.

Hauptsächlich ethischen Fragen gewidmete Texte, die sich eben an keinem Punkt der Literatur oder der Philosophie zuschlagen lassen. Ein Sakrileg ist auch, dass Hampe sich zum wiederholten Mal bemüßigt fühlt, seine Motive in einem Nachwort zu erklären, statt deren Umsetzung für sich sprechen zu lassen. Zwischen allen Stühlen zu setzen, kann Vorteile haben. Dieses Buch aber ist Fisch und Fleisch.

Und dennoch wagt sich Michael Hampe in „Die Wildnis Die Seele Das Nichts“ wie in seinen vorherigen Büchern an etwas, das es weder in der deutschen Literatur noch in der deutschen Philosophie derzeit ein zweites Mal gibt. Entdecken und Zeigen ist für das Denken, wie er im „vollkommenen Leben“ schrieb, so wichtig wie Begründen. In der Zusammenschau sind allein die geistigen Orte, an die er einen dabei mitnimmt, genug für eine aufregende Reise.

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