Fortsetzung der Serie "Goliath" : Alle sind böse, ich auch

Die Amazon-Serie „Goliath“ mit Billy Bob Thornton geht in die zweite Staffel. Es wird düster, schmutzig, witzig

Cool. Anwalt Billy McBride (Billy Bob Thornton) ist zwar unten angekommen, aber für einen todschicken alten Ford Mustang und die Strafanwältin Patty Solis-Papagian (Nina Arianda) an seiner Seite reicht es noch.
Cool. Anwalt Billy McBride (Billy Bob Thornton) ist zwar unten angekommen, aber für einen todschicken alten Ford Mustang und die...Foto: Amazon/Merie Wallace

„Goliath“, zweite Staffel. Was auch sonst. Der Auftakt brachte Amazon Prime Video größte Aufmerksamkeit und im Publikum eine starke Fan-Base. „Goliath“, das ist recht eigentlich eine David-gegen-Goliath Geschichte, kreiert von den Legal-Drama-Experten David E. Kelly („Ally McBeal“) und Jonathan Shapiro („Just Legal“). Der Goliath, das war bei der Premiere die goldglänzende Anwaltskanzlei Cooperman & McBride, angeführt von Donald Cooperman (William Hurt), der sich mit seinem Kompagnon William „Billy“ McBride (Billy Bob Thornton) entzweit hatte. Entzweit trifft es nicht ganz, verfeindet trifft es besser. McBride ist ganz unten angekommen, lebt im schäbigen Motel und trifft sich mit seinen Mandanten in der Kneipe nebenan. Der Zweikampf von Cooperman gegen McBride war dann auch die Nemesis von Thorntons Charakter in Gestalt von Donald Cooperman. Und McBride schaufelte sich erst mal aus seinem seelischen Grab.

Dahin ist er zurückgekehrt in Staffel II. Die Auftaktszene zeigt ihn im „Chez Jay“, letzter Gast, weggenickt auf der Sitzbank, ungebügeltes Gesicht. Ein Mitarbeiter der Restaurantkneipe, längst zum Freund geworden, bittet ihn auf dem Nachhauseweg, sich seines Sohnes anzunehmen. Julio Suarez (Diego Josef) soll einen Doppelmord begangen haben. Weil McBride unverändert Recht als Gerechtigkeit versteht, übernimmt er das Mandat und schart sein altes Team um sich. Die „Davidianer“ sind keine Strahletruppe, mehr ein „Scheiß drauf“-Haufen mit der nicht eben erfolgreichen Strafanwältin Patty Solis-Papagian (Nina Arianda) und der Prostituierten-Gehilfin Brittany Gold (Tania Raymonde).

Trash trifft auf Kitsch

„Goliath II“ ist düster, die Serie wühlt in Menschen, deren Lebensentwürfen und -enttäuschungen. Trash trifft dabei auf Kitsch, fleischermesserscharfe Dialoge schneiden ins Herz menschlicher Finsternis, die Sprache ist schmutzig, das Tempo gemächlich. Auch in der Fortsetzung werden perverse Neigungen offen ausgestellt. Die Folgen stammen übrigens nicht mehr von Kelley und Shapiro, sondern von Autorenteams in deren geistiger Gefolgschaft. Lawrence Trilling setzt seine Inszenierung aus Staffel I fort.

David braucht Goliath. Schnell zieht sich das Bild zum Panorama auf: nicht zum Duell wie in in der Premiere, sondern zur Verschwörung zwischen Unterwelt und Oberwelt, zwischen Drogenbossen und Immobilienhaien wie Tom Wyatt (Mark Duplass), zwischen Politik und Polizei. Und dann ist die Stadträtin Marisol Silva (Ana de la Reguera), die erste Latina-Bürgermeisterin von Los Angeles werden will. Sie fängt eine Liebschaft mit Billy McBride an. Es ist doch Liebe?

Und L.A. ist groß, bunt und verrückt genug, dass eine veritable Anzahl an Freaks herumläuft. Einer hat die Neigung, lebenden Menschen Gliedmaßen abzusägen. Nicht schön, und gar nicht schön anzuschauen. Nicht selten werden die Grausamkeiten von einem respektablen Witz aufgefangen. Achterbahn, Geisterbahn, Gothic-Show, feinstes Menschendrama – suchen Sie sich was aus. „Goliath“ neigt und schwankt über acht Episoden nach vielen Seiten und in zahlreiche Genres, was jetzt kein reines Kompliment sein will.

L.A, ist häßlich und attraktiv

Die Agglomeration L.A. zeigt sich von all ihren hässlichen wie attraktiven Seiten. Der 50er-Jahre-Charme in Venice uns Santa Monica, McBride fährt einen alten Ford Mustang und säuft sich am Strand zu. Bruchhäuser, Betonkanalisationen – „Goliath“ ist ein tiefes Bekenntnis zum Schauplatz. Raymond Chandlers „The Long Goodbye“ grüßt von ferne.

Billy Bob Thornton porträtiert Billy McBride unverändert naturalistisch. Heißt, sein McBride ist bei sich, er lächelt aus den Mundwinkeln, seine Winkel- und Schachzüge kommen aus einem zielgerichtet surrenden Gehirn, und wenn er vor Gericht im Anzug auftritt, steht er, strafft er seinen großen Anwalt, der er mal war. Billy Bob Thornton das Wasser reichen kann Nina Arianda als Strafanwältin und Immobilienmaklerin mit dem sagenhaften Namen Patty Solis-Papagian. Furchtlos, sehr verzweifelt komisch, scharf in Mundwerk und Verstand, ist sie oftmals die Antithese zu McBride, auf dass die gemeinsam gefundene Synthese im Gerichtssaal reüssiert.

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