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Meinung

© Martha von Maydell für den Tagesspiegel

Tagesspiegel Plus

Smartphone-Zombies als Ärgernis: Der dauernde Blick aufs Handy ist raumvernichtend

Wo ist man, wenn man beim Gehen statt der Umgebung nur wahrnimmt, was Google und irgendwelche Apps einem zuspielen? Und wo soll das enden?

Von Roberto Simanowski

Inzwischen gehört es zur täglichen Erfahrung: Passanten, die auf ihr Handy starren, nicht nur in der U-Bahn, sondern auch beim Gehen in der Stadt. Menschen, deren Aufmerksamkeit, oder besser "ambient attention", der Parallelwelt des Cyberspace gilt, und die ihren Weg von A nach B nicht mehr als Raum, sondern nur noch als Zeit betrachten. Widerstand, gar ein trotziges In-den-Weg-Stellen wirkt da nur hilflos aggressiv. Die "Smartphone Zombies" - oder "smombies" - weichen aus, ohne aufzublicken.

Smombies sind nicht Untote, die zurückkamen, sondern Abwesende, die ihre Körper zurückließen, während sie sich woanders befinden .

Das Phänomen ist keineswegs neu. Seit der Erfindung des Telefons fiel es dem Raum immer schwerer, sich gegen Abwesende zu behaupten: Ein Anruf genügte, und die Außenwelt trat herein. Zunächst nur zaghaft, wenn die Angerufenen zum Telefonieren den Raum verlassen mussten, dann, mit dem kabellosen Telefon, überall im Haus.

Der abwesende Raum ist naturgemäß in der Überzahl

Seit dem Handy gibt es diese Invasion auch im öffentlichen Raum und seit dem Smartphone sogar ohne Anruf. Der abwesende Raum macht dem aktuellen Raum jederzeit das Vorrecht der Präsenz streitig, denn er ist naturgemäß immer in der Überzahl.

Ist es dies, was uns ärgert (falls es uns ärgert), wenn wir ringsum Menschen in ihre Geräte versunken sehen? Hofften wir auf Gesprächspartner und sind nun enttäuscht, dass sie den Cyberspace vorziehen? Verübeln wir ihnen die Einsamkeit, in die sie uns stoßen? Oder verstimmt uns nur, mit welcher Selbstverständlichkeit sie erwarten, dass wir aus dem Weg gehen?

So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann Niemand mehr fest und rein in’s Angesicht sehen, wie man soll.

Johann Gottfried Seume

Das Smartphone vollendet ein Verschwinden des Raumes, das spätestens mit den modernen Verkehrsmitteln begann. Wegbewältigung hieß nicht mehr Raumbegegnung. So gesehen war schon die Kutsche Verrat am Raum, erlaubte sie doch, sich diesem zu entziehen. So beklagt der bekannteste Spaziergänger der deutschen Literaturgeschichte, Johann Gottfried Seume, Anfang des 19. Jahrhunderts: "So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann Niemand mehr fest und rein in's Angesicht sehen, wie man soll."

Seit es das Internet und mobile Medien gibt, gilt das Begegnen von Angesicht zu Angesicht selbst für Fußgänger nicht mehr. Das Smartphone reduziert den Raum auf eine bloße Distanz zum Zielort. Der Zwischenraum ist nur noch Zwischenzeit, die eigentlich woanders verbracht wird: im sozialen Netzwerk, im Computerspiel, im Chat mit Freunden, im Cyberspace.

Der Bildschirm in der Hand lässt den Raum ebenso verschwinden wie die Kutsche, das Auto, die U-Bahn und der Zug. Ich komme, wenn ich gehe, weder zu mir noch zum Raum. Das Smartphone wird zum Fahrzeug. Und mehr noch: Es stellt sich zwischen seine Nutzer und den Raum, weil es den Blick nicht nur von diesem ablenkt, sondern auch bestimmt. Denn das Smartphone überschreibt den Raum vor sich durch den Raum in sich.

Nehmen wir die Torstraße in Berlin Mitte, der wir uns mit Google Maps nähern. Dieser Raum unterliegt auch dann, wenn er akkurat dargestellt wird, Koordinaten, die Google kontrolliert, und nicht etwa die Berliner Stadtverwaltung. Es sind virtuelle Schilder in einer App, die Orientierung geben, nicht physische Schilder. Das macht die Schilder ungemein flexibel. Erfolgt die Beschilderung in einer App, kann sie ihren Nutzerinnen angepasst werden, so wie die Werbung in sozialen Netzwerken und in der Suchmaschine.

Die App weist den Weg.

© Chris DELMAS / AFP

Aber auch wenn Google Maps die Torstraße noch für alle in gleicher Weise zeigt, es zeigt sie anders, als sie sich uns vor Ort darstellen würde. So sieht man auf der Karte den Bubble-Tea-Laden 90 Degree lange vor dem Restaurant Friedel Richter ganz in der Nähe, das erst mit der nächsten Vergrößerungsstufe erscheint.

Navigiert man nicht mit Google Maps, sondern mit Apple Maps, findet man neben dem Bubble Tea Laden das Stundenhotel Berlin, noch ehe das Restaurant Friedel Richter erscheint. Bei Google Maps kann man bis zum Anschlag hineinzoomen, das Stundenhotel kommt nicht zum Vorschein. Pech für frisch Verliebte in Berlin Mitte, die sich tief in der Nacht von Google Maps die Gegend erklären lassen.

Wer nicht zahlt, wird zum digitalen Nicht-Ort

Damit nicht genug. Ist das Unternehmen ein Restaurant, hat es auch noch mit Apps wie OpenTable zu tun, über die man kostenlos einen Tisch reservieren kann. Restaurants, die hier mitmachen, zahlen pro Monat und Reservierung. Restaurants, die nicht mitmachen, existieren dann nur noch im realen Raum. So verzerren solche Apps, solche Portale die Wirklichkeit noch radikaler als Google Maps. Während dort am Ende jedes Restaurant an seinem Platz erscheint, ist bei OpenTable oder booking.com nur gelistet, wer kooperiert. Die App produziert eine Ordnung des Raumes auf der Basis finanzieller Zuwendung. Wer nicht zahlt, wird zum digitalen Nicht-Ort.

Nichts symbolisiert die Veränderung des Raumes durch das Digitale stärker als Menschen, die ihn navigieren, mit dem Handy voran, wie mit einer Wünschelrute oder einem Metalldetektor, der allerdings nur anzeigt, was anderswo dafür freigegeben wird. Entscheidend aber ist, dass die Veränderung, die das Navigieren per App dem Raum bringt, nicht nur für diejenigen stattfindet, die diesen so erleben.

Unternehmen leben von ihren Kunden. Verlieren sie diese an die Konkurrenz, weil sie nicht genügend in Google Maps investieren oder die Zahlung an OpenTable und booking.com verweigern, werden sie früher oder später in eine billigere Gegend ziehen oder aufgeben müssen. Smombies entziehen also nicht nur sich dem Raum, sondern zugleich diesen allen anderen.

Der tiefere Grund des Entzugs ist die Angst vor dem Zufall oder jedenfalls das mangelnde Interesse an diesem. Der Zufall ist das Unbestimmte, das wir umso mehr aus unserem Leben verbannen, je mehr Daten uns dafür zur Verfügung stehen. Der Zufall ist ein zivilisationskritischer Einspruch zur "Absolutmachung des Menschen", so sagt es der Philosoph Odo Marquard 1986 in seinem Essay Apologie des Zufälligen.

Der Zufall hat gegen die Absolutmachung der Technik verloren

Als der Zufall Mitte des 20. Jahrhunderts in der Kunst beschworen wurde, geschah dies unter dem Einfluss des Buddhismus als "ein elementares, entschiedenes Akzeptieren des Lebens in seiner Unmittelbarkeit". Ein Offensein für das, was unser Umfeld für uns parat hält. 70 Jahre später steht fest: Der Zufall hat verloren, nicht gegen die Absolutmachung des Menschen, wohl aber seiner Technik.

Es beginnt mit dem Navi. "In 20 Metern links abbiegen! In 100 Metern im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt nehmen!" Wie bequem ist es, so geführt zu werden. Aber was weiß man vom Raum, dem man auf diese Weise begegnet? Das Navi ersetzt die Vorhersage der Karte, wie man von A nach B kommt, durch die Ansage, wie man sich bewegen soll. Es befreit von der Orientierung im Raum, der sich fortan ohne Blick durchqueren lässt. Fände man sich zurecht, wenn das GPS versagt oder der Akku? Man fände zurück in den Raum, denn man müsste Straßenschilder lesen, sich an Häusern orientieren, Menschen fragen.

Alle Wege führen in Rom herum.

© Imago/Westend

Andere Möglichkeiten, die Macht des Zufalls zu minimieren, sind Apps wie Yelp und Tripadvisor, die uns auf Restaurants, Geschäfte, Hotels hinweisen. Selbst die Taxi App Uber befreit vom Ungewissen: Lange bevor wir das fremde Auto steigen, sehen wir es auf der Karte, wir kennen den Fahrpreis, wir kennen den Namen der Fahrerin.

Die Gefahr liegt nicht im leeren Akku, sondern im Gehorsam, mit dem wir die Vorschläge der Apps zur Kenntnis nehmen, statt selbst einen Weg zu wählen. Denn was wissen wir schon! Die App aber hat Millionen Daten zur Verfügung. Wie dumm wäre es, schlauer sein zu wollen.

Auch die eigene Stadt könnte eine Kultur des Fremden sein

So erlauben wir der Technik und den Menschen hinter ihr, unsere Begegnung mit dem Raum zu bestimmen: von den Wegen, die wir gehen, bis zu den Orten, die wir aufsuchen. Und das gilt nicht nur in fremder Gegend. Auch die Kultur der eigenen Stadt ist eine Kultur des Fremden, der Diversität und der Kreativität, die aus der Befragung des Eigenen in der Begegnung mit dem Anderen folgt.

Der urbane Raum ist voll von Vielfalt, denen aufmerksame Passanten tagtäglich begegnen. Das Reisen, um das es hier geht, ist keine Frage der Kilometer, sondern der Begegnungen, die es mit sich bringt. Wenn in der "ambient attention" des Smombies das Andere nur noch als schattiges Hindernis wahrgenommen wird, unterbleibt dieses Begegnen. Die Stadt verliert so ihr kosmopolitisches Potenzial, das sie von der Enge kleiner Orte abhebt, sie verliert die Funktion, die der amerikanische Stadtsoziologe Richard Sennett an ihr preist: Schule der Komplexität zu sein, die den Menschen hilft, gelassen zu reagieren, wenn sie Schwarzen begegnen oder einem Flüchtling.

Der Verlust dieser Kultur, dieses Schulungspotenzials droht auch dann, wenn die virtuelle Parallelwelt, in die die Smombies sich entziehen, ein soziales Netzwerk von globaler Reichweite ist. Denn der Bereich, den man im Cyberspace frequentiert, ist oft nicht mehr als ein Dorf, in dem man sich kennt, prinzipiell einer Meinung ist und Fremde nur zulässt, wenn sie sich assimilieren. Auch so eine Filterblase der ‚eigenen Leute' negiert das Angebot des öffentlichen Raums, das Angebot, an anderen Erfahrungen und Perspektiven zu wachsen. Das Problem ist die Organisation des Netzwerks im Zeichen des Einklangs, des Beifalls und des Abgleichs. Denn im Cyberspace gelingt, wovor die Begegnung im öffentlichen Raum der Stadt gefeit ist: Personalisierung.

Die Kommunikationsbedingungen der App sind mehr als ihr Interface, das durch die Programmierer und Managerinnen in den Silicon Valleys dieser Welt kontrolliert wird. Entscheidend sind die Daten, die uns in die eine oder andere Richtung schicken. Diese Daten kommen von Menschen, die vor uns die App benutzt haben, die den vielen Bitten um Bewertungen Folge leisteten, die dem Smartphone geschickt werden, sobald es sich irgendwo länger als zehn Minuten aufhält.

Schon im 18. Jahrhundert warnten Reisende die ihnen Nachfolgenden

Folge ich der Bewertung, die daraus entsteht, statt dem eigenen Erkundungstrieb, bestimmt die Raumerfahrung früherer Reisender meine eigene. Man nennt das heute Crowdsourcing. Die Sache selbst ist freilich wesentlich älter. Schon die Instruktionen für Reisende des 18. Jahrhunderts sammelten Empfehlungen zu den besten Wegen und Wirtshäusern und verbanden dies mit der Warnung vor betrügerischen Wirten, schlechten Unterkünften oder gesundheitlichen Gefahren.

Seit den Kindheitstagen des Reisens als Massenphänomen zielen Ratgeber auf die Zähmung des Ungewissen. Oder haben Sie vor dem Internet nie einen Reiseführer konsultiert? Das eigentliche Problem ist die Durchsetzung des Vermessungsparadigmas, wenn wir dauernd bewerten und Bewertungen konsultieren. So wird das Crowdsourcing ein Mittel, die Bewertenden daran zu gewöhnen, bewertet zu werden. Und vor allem ein Mittel, ihrer habhaft zu werden. Denn wann immer das Smartphone im Spiel ist, entstehen Daten, die sich analysieren lassen. Und am Ende steht das, worum es in der Zukunft geht: die intelligente Stadt.

Die intelligente Stadt weiß alles über ihre Bewohner, weil diese alles am Smartphone tun: sich bewegen, sich orientieren, sich entscheiden - und natürlich Bewertungen erstellen. Dass ausgerechnet Google, der größte Datenmonopolist des Internets, eine intelligente Stadt in Torontos Bezirk Quayside plante, erstaunt kaum. Erstaunlich ist allerdings, dass das nun doch nicht realisiert wird, wegen der Vorbehalte von Kommunalpolitikerinnen, die offenbar nicht daran glauben, dass sich die Probleme einer modernen Stadt durch den Einsatz moderner Technologie lösen lassen.

Besser Leben durch Daten, das ist die Losung von Google und allen, die für die "smart city" in Toronto waren. Für ihre Kritiker ist die smarte Stadt aber nur der nächste Schritt zur Überwachungsgesellschaft. Die Befürchtung: Google wird die Daten, die diese Stadt über ihre Bewohner liefert, für sein Geschäftsinteresse nutzen. Das Schlagwort zum Vorwurf macht längst die Runde: Überwachungskapitalismus. Überwachung nicht um zu bestrafen, sondern um personalisierten Service anzubieten.

Böses im Schilde?

© imago images/teamwork

Die intelligente Stadt wird trotzdem kommen. Zu vieles spricht für sie: optimierte Verkehrsführung, effektiver Energieeinsatz, erhöhte Sicherheit, flexible Verwaltung. Alles willkommene Versprechen, die schwerer wiegen als Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung. Will man wirklich verstehen, was in der Stadt passiert, braucht man Daten mit Namen und Adresse. Anonymität ist keine kluge Idee für die smarte Stadt.

Das Versprechen der "smart city" ist das Ende des Unkontrollierten, das Ende auch des Zufalls. Und ihr Erfüllungsgehilfe sind die Smartphones. Sie sind das trojanische Pferd der totalen Kontrolle und Manipulation, und die Smombies reiten es hemmungslos durch die Stadt. Vielleicht ist es das, was so unangenehm an ihnen aufstößt. Diese Kollaboration, willfährig oder ahnungslos, mit einer unerwünschten Zukunft.

Natürlich können auch Apps aufklären. Das setzt aber Downloads voraus

Auch das, allerdings, ist noch nicht alles. Die gesellschaftliche Bedeutung der Medien liegt auch in der Trennung, die sie vornehmen. Wenn das ‚Fahrzeug' Smartphone uns von dem Raum zwischen A und B trennt, trennt es auch von den Menschen, die einem dort begegnen könnten: den Obdachlosen, den Unicef-Aktivisten und den von den Nationalsozialisten ermordeten Juden, an die die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern. Natürlich können entsprechende Apps einen auch per Smartphone über all das informieren, aber dazu müsste man bereits vorab interessiert sein, andernfalls hätten wir diese Apps gar nicht installiert.

Das Smartphone ist ein Fahrzeug, weil es den Raum zwischen A und B tilgt. Wohin ist dieses Fahrzeug unterwegs? Welche Zukunft verkündet die Botschaft, die es als Medium ist? Man ahnt es in Ländern, wo "gated communities" zur Normalität gehören und die Oberschicht sich notfalls per Hubschrauber dem Kontakt mit der Unterschicht entzieht. Und so lässt sich vorhersagen: Das Smartphone ist mehr als U-Bahn und Flugzeug, es ist der Helikopter des kleinen Mannes.

Vielleicht ist es diese Aussicht auf eine unmenschliche Gesellschaft isolierter Individuen, die uns wirklich ärgert, wenn ein Mensch am Handy uns ausweicht, ohne aufzuschauen, wann immer wir uns ihm in den Weg stellen, trotzig und hoffnungsvoll.

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