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Nelson Mandela hat immer noch viel Einfluss in Südafrika. Nach seinem Tod könnte das Land in alte Muster zurückfallen.

© dpa

Südafrika: Demokratie sucht Demokraten

Angst am Kap: Die Nachfolger von Nelson Mandela gefährden Südafrikas Verfassung und das System der Gewaltenteilung. Es droht ein vom ANC gleichgeschalteter Einparteien-Staat.

Als Jacob Zuma vor drei Jahren Präsident von Südafrika wurde, versprach er den Menschen einen Neuanfang. Nach der enttäuschenden Präsidentschaft seines Vorgängers Thabo Mbeki, eines Aids-Leugners, wollte Zuma das gespaltene Land neu zusammenführen und der Welt als Vorbild präsentieren. Die Korrektur der realitätsblinden Aids-Politik seines Vorgängers wurde allgemein mit Erleichterung aufgenommen. Auch die erfolgreiche Ausrichtung der Fußball-WM sorgte vorübergehend für gute Stimmung im Land und stärkte dessen Ansehen in der Welt.

Doch von Beginn an war unklar, wofür Zuma eigentlich steht. Daheim klang er oft wie ein schwarzer Nationalist, der eine immer stärkere Dominanz des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) in allen gesellschaftlichen Sphären wollte. Im Ausland redete er gerne Investoren nach dem Mund und versprach ein wirtschaftsfreundliches Umfeld. Klare Positionen bezog er jedoch nicht. Pessimisten warnten frühzeitig davor, dass Zuma allein an der Macht interessiert sei – und die Verfassung des Landes früher oder später in den Papierkorb werfen werde. Inzwischen scheinen sich einige dieser Befürchtungen zu bewahrheiten.

Immer deutlicher wird, dass Zuma seine politischen Schulden gegenüber alten Verbündeten wie etwa den (militanten) Gewerkschaften begleicht – und gleichzeitig immer schärfer gegen Presse und Justiz vorgeht. Gerade erst hat der mit komfortabler Mehrheit regierende ANC verkündet, im Zuge einer „zweiten Transformation“ Südafrikas die Gerichte des Landes einer Überprüfung zu unterziehen, da sie womöglich den heutigen Anforderungen des Landes nicht mehr gerecht würden. Besonders empört ist die Regierung über jene Richter, die Zuma mehrfach für personelle wie politische Fehlentscheidungen gerügt haben. Richter seien nicht vom Volk gewählt und hätten deshalb kein Anrecht darauf, sich in die Politik einzumischen, so der Präsident. Selbst die Urteile des Verfassungsgerichts will Zuma einer Überprüfung unterziehen.

In Südafrika bedeutet das Wort „Transformation“ nichts anderes als die offene Bevorzugung jener Rassengruppen, die unter der Apartheid diskriminiert wurden. Wer die Regierung kritisiert, wird deshalb schnell als Transformationsbremser oder Besitzstandswahrer verteufelt. Kein Wunder, dass der ANC für regierungskritische Gerichtsurteile inzwischen oft „konterrevolutionäre Richter“ verantwortlich macht. Man könnte glauben, die einstige Widerstandsbewegung befinde sich noch immer mitten im Befreiungskampf.

Bei jeder Erkrankung Mandelas verfallen die Südafrikaner in Panik - nicht zu Unrecht.

Immer deutlicher zeigt sich, dass der ANC die Gesellschaft nun nach seinen eigenen ideologischen Vorstellungen umbauen möchte. Manche Kritiker sehen darin Parallelen zur Apartheidregierung, die ebenfalls eine ideologisch motivierte Umgestaltung der Gesellschaft nach Rassenkriterien anstrebte. Die liberale Opposition hat dieses Vorhaben als „Zumafication“ beschrieben. Ziel sei es, dem Präsidenten und seinen politischen Freunden die volle Kontrolle über den Staat zu geben und sie vor einer in der Verfassung verankerten Überwachung durch unabhängige Institutionen zu schützen.

Während Nelson Mandela, der selbst Anwalt war, die Verfassung stets respektierte und in vieler Hinsicht versinnbildlichte, fühlen sich seine heutigen Nachfolger dem international als vorbildlich gelobten Dokument immer weniger verpflichtet. „Sie wollen die Verfassung nicht nur verändern, sondern sie aushöhlen, ihr Innerstes beseitigen und der Gesellschaft am Kap ihre eigenen Vorstellungen aufzwingen“ warnt Barney Mthombothi, Chefredakteur der „Financial Mail“.

Der Wunsch des ANC nach uneingeschränkter Macht dürfte auch erklären, weshalb viele besorgte Südafrikaner bei jeder Erkrankung Mandelas in Panik verfallen. Nicht wenige glauben, dass die konstitutionelle Demokratie nur dank der physischen Präsenz des Freiheitskämpfers überlebe. Dieser Fatalismus hat sicherlich viel mit Mandelas übergroßem Schatten auf Südafrika zu tun. Er dürfte aber auch eine instinktive Reaktion auf den schwindenden Respekt der gegenwärtigen Machthaber für die Verfassung sein.

Südafrika zeigt von Neuem, dass allgemeine Wahlen und eine vorbildliche Verfassung für eine Demokratie zwar notwendig, aber keineswegs hinreichend sind. Was eine Demokratie vor allem braucht, sind Demokraten. Doch genau daran mangelt es am Kap. Noch hat das Land zwar eine effektive Opposition und aktive Zivilgesellschaft, die den Machtmissbrauch moniert. Doch angesichts des totalen Machtanspruchs von Mandelas Erben und ihrer immer schrilleren Drohungen gegen Justiz und Presse zeigen sich immer stärker die Konturen eines vom ANC gleichgeschalteten Einparteien-Staates.

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