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Ich, ich, ich! hab’s geschafft.

© Illustration von Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Warum die Gemeinschaft zerfällt : Die Leistungsgesellschaft bringt nur noch Einzelkämpfer hervor

Doch die Demokratie braucht den Blick fürs Gemeinwohl. Wie wir ihn wiederbeleben können.

„Das hast du dir verdient!” „Die Besten sollen es am weitesten bringen.“ „Du kannst alles erreichen, wenn du dich anstrengst.” Drei Aussagen, denen die meisten Zeitgenossen mit einem Nicken begegnen würden. Ja, wer sich anstrengt soll es zu etwas bringen. Wer gut in einer Sache ist, soll damit weit kommen.

Und wenn das erreicht ist, kann man sich auch einmal zurücklehnen und sich etwas gönnen. Bedeutet das in Konsequenz nicht, dass alle jene, die Geld, Macht und Einfluss besitzen, hart gearbeitet haben und nun unter Jubel ernten, was sie mit Tränen gesät haben? Wer so denkt, denkt meritokratisch.

Das Versprechen der Demokratie: Allen steht alles offen

Meritokratie heißt übersetzt „Herrschaft der Verdienstvollen“. Demokratien sind Meritokratien, da in ihnen weder Ethnie, Religion oder Besitzstand entscheidende Kriterien für die Zugehörigkeit sind, sondern jede und jeder aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft, voraussetzungslos, zum Gemeinwesen gehören.

Es ist das Versprechen der Demokratie, dass allen alles offensteht. In echten Demokratien sind deshalb der Besuch der Schule, die Ausbildung und das Studium ebenso kostenlos, wie eine Krankenversicherung für alle erschwinglich sein muss. Wo das nicht gegeben ist, können sich die Einzelnen nicht gemäß ihren Anlagen zum Besten entwickeln. Zwei Fragen drängen sich auf: Erstens, können Gesellschaften überhaupt in dieser Weise meritokratisch sein – und zweitens, sollten sie es?

Der Harvard-Ethiker Michael Sandel kritisiert in seinem neuen Buch „Die Tyrannei der Meritokratie — was wurde aus dem Allgemeinwohl?”, dass in Demokratien, vor allem in der US-amerikanischen, aus Streben nach Verdienst eine Anspruchshaltung geworden sei: Menschen gingen davon aus, dass sie allein und aus sich heraus ihres Glückes Schmied seien. Wahr sei aber, so Sandel, dass der Ort, an dem eine Person geboren wird, ihr Elternhaus und das gesellschaftliche Umfeld entscheidend vorgeben, formen und prägen, was eine Person gestalten kann.

In den USA gehen rund 40 Prozent derer, die in der Highschool eine Zulassung für ein College erworben haben, nicht zur Universität. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Ein maßgeblicher davon ist, dass die Eltern dieser Schüler selbst nicht auf dem College waren.

In Deutschland sieht der Befund ähnlich aus: Nur einer von einhundert Promovierenden kommt hierzulande aus einem Handwerkerhaushalt. Und das, obwohl in der Bundesrepublik der Besuch der Universität gratis ist. Es gibt also gläserne Decken, an denen Menschen auch in grundsätzlich meritokratisch ausgerichteten Demokratien scheitern.

Das meritokratische Anspruchsdenken hat zwei weitreichende Konsequenzen: Zum einen empfindet sich der Erfolgreiche selbst als so mächtig, dass er vermeintlich ohne die Gemeinschaft auszukommen vermag. Zum anderen schaut er auf jene herab, die es nicht geschafft haben. Denn es nicht zu schaffen, heißt in diesem Kontext, sich nicht genug angestrengt zu haben.

Obdachlose gehören zu denen, die es nicht geschafft haben in der Meritokratie. Auf sie wird herabgeschaut.
Obdachlose gehören zu denen, die es nicht geschafft haben in der Meritokratie. Auf sie wird herabgeschaut.

© picture alliance/dpa

In den USA werden Sonntag für Sonntag die Besucher der Mega-Churches – das sind Stadien, die etliche Zehntausend Menschen fassen – von diesem „Wohlstands-Evangelium” elektrisiert: Gott will deinen Erfolg, du kannst alles erreichen! 

In den Vereinigten Staaten gehört dieser Glaube auch zur säkularen Zivilreligion. Alle Präsidenten seit Ronald Reagan haben es gepredigt: Jede und jeder soll es nach ihren Möglichkeiten und „gottgegebenen Talenten“ nach oben schaffen. Einzig Donald Trump wollte hier nicht einstimmen: Wo seine Vorgänger von „unbegrenzten Möglichkeiten“ sprachen, sah er nur von der Globalisierung abgehängte Amerikaner, die er mit seiner Drohbotschaft radikalisieren wollte. 

Ohne wirtschaftliche Möglichkeiten gibt es auch keine Teilhabe

Alexander Görlach

Fakt ist, dass in den meisten westlichen Demokratien in den vergangenen drei Jahrzehnten die Wirtschaftsleistung durch Automatisierung und Digitalisierung zwar gestiegen ist, sich davon aber wenig bis nichts in den Haushaltseinkommen der Menschen spiegelt. Doch ohne wirtschaftliche Möglichkeiten gibt es keine Teilhabe an der Gesellschaft und ohne Teilhabe keine Meritokratie.

Meritokratie ist wiederum eine Grundlage der Demokratie. Gibt es keine Meritokratie in einer Gesellschaft, stirbt das demokratische Versprechen und mit ihm der Blick auf das Allgemeinwohl. Denn wer glaubt, dass er alles alleine schafft, wird sich dahin versteigen, die Gemeinschaft nicht zu brauchen. Und der, der an der Gesellschaft nicht teilhaben kann, wird das demokratische Versprechen als Lüge zurückweisen.

Der angeblichen politischen Gleichheit nicht auf den Leim gehen

Wenn aus Meritokratie eine ungesunde Anspruchshaltung erwächst, wie Sandel konstatiert, die den Sinn für das Gemeinwohl verachtet, sollten Gesellschaften dann überhaupt nach Meritokratie streben? Der chinesische politische Philosoph Tongdong Bai schreibt dazu in seinem in den USA neu erschienenen Buch „Gegen politische Gleichheit – die konfuzianische Sichtweise”, man möge der Botschaft, wonach alle alles erreichen könnten, nicht auf den Leim gehen.

Das demokratische Prinzip „eine Person, eine Wahlstimme” sei die Grundlage für eine Haltung, die den Menschen die Last auferlege, Meriten zu simulieren, die sie gar nicht besitzen. Nicht alle können über alles Bescheid wissen. Experten und Technokraten sollten daher mit den Antworten auf Fragen betraut werden, auf die der einfache Bürger keinen Rat weiß. 

Diese Überlegung gibt es auch in demokratischen Gemeinwesen. Gerade jüngst wurde in Italien eine Expertenregierung vereidigt. Dasselbe geschah bereits auf dem Höhepunkt der Finanz- und Euro-Krise vor einem Jahrzehnt. Mario Monti wurde, in seiner Eigenschaft als Experte, vom Staatspräsidenten beauftragt, ein Kabinett zu bilden, das den Untergang der Nation abwenden sollte. Keines der Kabinettsmitglieder gehörte einer Partei an, um den Menschen in Italien zu signalisieren, dass es hier nicht um Parteipolitik gehe, sondern um Fachwissen. 

Schon in der Antike wurde diskutiert, wie viel Experten und wie viel Wahl ein Gemeinwesen braucht.
Schon in der Antike wurde diskutiert, wie viel Experten und wie viel Wahl ein Gemeinwesen braucht.

© mauritius images / Westend61

Seit der Antike wird diskutiert, wie viel Wahl und wie viel Experten eine politeia, ein Gemeinwesen, oder eine res publica, ein Staat, braucht. Die Experten waren in der Antike die Aristokraten, was aus dem Griechischen übersetzt „die Besten” heißt. Für einen Moment nicht in Betracht ziehend, dass für die Politik in der alten Welt nur Männer mit Besitz infrage kamen, bedeutete das, dass man Bildung braucht, um Politik machen zu können, und diese nur zu erwerben ist, wenn man dafür die Muße findet, also von der Last der täglichen, harten Arbeit befreit ist.

Dass eine solche Aristokratie nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, zeigt der Wert, den politische Denker von Aristoteles bis Rousseau der Bildung für alle beimessen: Ohne sie geht es nicht. Bildung wird durch die Geistesgeschichte konsequent nicht als das Abspulen von Fakten verstanden, sondern stets auch mit Philosophie und Ethik verbunden. „Fachidioten“ sind, zumindest wenn man den Großen der Politischen Philosophie folgen will, nicht dasselbe wie „Experten” im Sinne von „die Besten”.

Bei Konfuzius ist der Gedanke prinzipieller Gleichheit zurückgestellt

Alexander Görlach

Dieses Denken existiert mitnichten nur in der europäischen Welt. Im antiken China denken Konfuzius, ein Zeitgenosse des Sokrates, und seine Schüler ähnlich: Die ganzheitliche Bildung ist es, die den Menschen zum Dienst im Staat befähigt. Im konfuzianischen Denken ist der Gedanke einer prinzipiellen Gleichheit aller zurückgestellt zugunsten eines hierarchischen Denkens. Nicht alle können überallhin aufsteigen. Ein strenges Prüfungswesen, das den Hof, an dem Konfuzius wirkte, auszeichnete, sollte dafür sorgen, dass Menschen Aufgaben auferlegt werden, die sie in der Tat auch zu meistern befähigt sind.

Für die Demokratie bedeutet das nach Tongdong Bai, dass sie zweierlei Elemente ausweisen sollte: Zum einen sollen sich Menschen auf der lokalen Ebene, also da, wo sie sich am besten auskennen, auf demokratischem Wege ihre Meinung bilden und Entscheidungen treffen. Auf den weiter spezialisierte Feldern, ein konkretes Beispiel könnte die Bekämpfung einer Pandemie sein, sollte den Experten das letzte Wort eingeräumt werden. Bai vergleicht dies mit den beiden Kammern des englischen Parlaments, dem House of Commons und dem House of Lords. Wichtig ist ihm zu betonen, dass dieses hierarchische System Rechenschaftspflicht verlangt („checks and balances”) und Menschen für das, was sie tun oder unterlassen, zur (politischen) Verantwortung zieht. Diese Rechenschaftspflicht gibt es heute in keinem anderen Gesellschaftsmodell außer der Demokratie.

Das Modell der beratenden Demokratie funktioniert im Lokalen

Im kalifornischen Stanford forscht der Politologe James Fishkin an einer solchen Variante der Demokratie, die er „deliberative” – also beratende – Demokratie, nennt. Fishkin hat Experimente mit dieser Form der Demokratie überall auf der Welt durchgeführt, auch in Ländern, die alles andere als eine Demokratie sind, so wie die Volksrepublik China.

In Fishkins Modell sorgt eine algorithmische Auswahl auf der lokalen Ebene dafür, dass in einem ad hoc zusammengerufenen Parlament, welches eine lokal relevante Frage wie beispielsweise die Wasserversorgung entscheiden soll, eine wirkliche Repräsentanz aller von dem Problem betroffenen Personengruppen stattfindet. Fishkin sagt, dass diese ideale Repräsentanz seines deliberativen Parlamentes dazu führe, dass Menschen aufeinander hören, zu- und abgeben und am Ende einen Kompromiss finden. Kurz: Die Sorge für das Gemeinwohl, hinter das persönliche oder Partikularinteressen von Gruppen zurücktreten, konnte laut seinen Erkenntnissen so wieder belebt werden. 

In Ost und West, im antiken China und der griechisch-lateinischen Welt, sind sich die Quellen der politischen Philosophie einig: Ohne Meritokratie kann es kein Gemeinwesen geben. Trifft das nur auf die Demokratie zu oder auf jede politeia, was Gemeinwesen im Griechischen heißt?

Das heutige China entspricht den konfuzianischen Ansprüchen nicht. In dem Land ist jede Bildung der Kommunistischen Partei und nicht den Tugenden verpflichtet, wie es sich Konfuzius wünscht. Indem Präsident Xi Jinping die Begrenzung für seine Amtszeit aufgehoben hat, wird es künftig bei der Besetzung von Posten um Loyalität zu ihm gehen und nicht darum, dass die Besten in die Lage versetzt werden, dem Gemeinwesen zu dienen.

Und in der freien Welt? Hier hat sich das meritokratische Denken in eine Anspruchshaltung verkehrt, die es unmöglich macht, die Leistung aller Beteiligten am Aufbau des Gemeinwesen zu sehen und zu würdigen. Ein Anspruchsdenken, das fälschlicherweise eigene Leistung beansprucht, und im Umkehrschluss bereit ist, auf jene herabzuschauen, die vermeintlich selbst daran schuld sind, dass sie es nicht geschafft haben, weil sie nicht hart genug gearbeitet hätten.

Das kann so nicht bleiben. Eine Diktatur wie die chinesische kann ohne Meritokratie auskommen, denn in ihr wird Herrschaft durch Furcht ausgeübt. In einer Demokratie dagegen wird Herrschaft durch Empathie ausgeübt, also durch das Verständnis für die Belange aller. Wer dazu in der Lage ist, gehört zu den Besten, nicht selbstverliebte Einzelkämpfer. 

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