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Verbraucherschutz: Im Supermarkt einfach mal das Hirn einschalten

Betrogen, missbraucht, desinformiert. Als Verbraucher sehen wir uns gern als Opfer, wie nun im jüngsten Fleischskandal. Doch die Politik kann uns nicht vor uns selbst schützen.

Von Anna Sauerbrey

Der arme Verbraucher. In diesen Tagen kriegt er es dicke. Ein Hersteller dreht Frauen minderwertige Brustimplantate an. Die Kontrolleure, denen das hätte auffallen sollen, haben versagt und zu spät gewarnt. Auf Hähnchenfleisch finden sich resistente Keime, herangezüchtet in Mastbetrieben, die ihre Küken mit Antibiotika dopen. Menschen könnten daran erkranken. Reicht abspülen und durchbraten? Welchem Produkt kann man noch trauen? Da irrt er umher, der arme Verbraucher, im düsteren Dschungel der Warenwelt. Betrogen, missbraucht, desinformiert. Im Stich gelassen von seinen Beschützern. Skandal.

Ohne Zweifel: Das Politikfeld Verbraucherschutz wird bedeutender. Kaum jemand hat die Zeit, stundenlang nach nachteiligen oder betrügerischen Klauseln im Kleingedruckten von Finanzprodukten zu fahnden. Kaum jemand kann sich den Unterschied zwischen natürlichen und naturidentischen Aromastoffen merken, geschweige denn, was von beidem das Bessere ist. Die Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass Medizintechnik penibel überprüft wird, bevor sie auf den Markt gelangt und dass die Kontrolleure dabei auch einmal unangemeldet die Herstellung besichtigen, um Betrügern das Leben schwer zu machen. Hier ist der staatliche Verbraucherschutz in der Pflicht, da, wo Fachkenntnis und Kompetenz des Einzelnen überfordert wären, wo Unternehmen und Dienstleister am längeren Hebel sitzen.

Der schlimmste Feind des Verbraucherschützers allerdings ist ein anderer: der Verbraucher selbst. Seine Bedürfnisse und Laster definieren die Grenzen des institutionellen Verbraucherschutzes. Dem Wunsch, einem auf natürlichem Wege unerfüllbaren Schönheitsideal zu entsprechen, ist politisch nicht beizukommen. Die Grenze zwischen der notwendigen und überflüssigen ästhetischen Chirurgie zu definieren, ist dem Gesetzgeber kaum möglich. Auch der Geiz, der Leute dazu bringt, die billigste Hähnchenbrust zu kaufen, um sie dann unter den Augen der niedlichen Küken vom Küchenkalender zu verspeisen, liegt außerhalb des politischen Zugriffs.

In den USA werden Verbraucher bereits wie Kleinkinder behandelt. Wollen wir das?

In den USA sind nicht Institutionen, sondern Gerichte für den Verbraucherschutz zuständig. Aus Angst vor millionenschweren Schadenersatzklagen haben es sich amerikanische Unternehmen angewöhnt, Verbraucher wie Kleinkinder zu behandeln, denen man erklären muss, dass Herdplatten heiß und Messer scharf sind. Sie drucken absurd klingende Warnhinweise auf jede Verpackung. Das Schlimme ist, dass sie damit recht haben. Auch deutsche Verbraucher benehmen sich, wenn nicht wie Kleinkinder, so doch zumindest wie Teenager. Sie fordern Freiheit und lehnen Verantwortung ab. Freiheit ist aber nur im Doppelpack zu haben – gepaart mit Verantwortung. So komplex die Warenwelt ist, sie entzieht sich nicht völlig dem gesunden Menschenverstand.

Die Probleme der Massentierhaltung sind hinreichend bekannt. Wer eineinhalb Kilo Hähnchenfleisch für 2,99 Euro kauft, weiß, was er tut. Dafür, dass betrügerische Firmen gesundheitsgefährdende Implantate in den Markt drücken, können Frauen nichts. Doch wer sich ohne medizinische oder psychische Not einem chirurgischen Eingriff unterzieht, muss abwägen, ob er bereit ist, mögliche Konsequenzen zu tragen. Wir müssen als Verbraucher erwachsen werden und die Verantwortung übernehmen für die Risiken, die wir eingehen. Etwa das Risiko, das entsteht, wenn man im Supermarkt sein Hirn ausschaltet.

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