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Illustration von Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

© Illustration von Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Schule war meine Rettung : Wenn ich „Homeschooling“ höre, bekomme ich eine Gänsehaut

Ich hatte ein unschönes Zuhause, aber zu meinem großen Glück Lehrer, die mich gefördert haben. Keine Ahnung, was sonst aus mir geworden wäre.

Von Sabine Schiffer

Die Sache ist mir so wichtig, dass ich mich zu einer Art Outing entschieden habe. Es geht um eine Frage, die mich nun schon seit Wochen und Monaten umtreibt: Was wäre aus mir geworden, wenn ich wie so viele Kinder jetzt in der Coronapandemie monatelang keinen oder nur eingeschränkten Schulzugang gehabt hätte?

Meine Familiensituation war so schwierig, dass ich bereits vor der Volljährigkeit auszog. Meine Anker waren stets das Lernen und die Schule. Schon in der Grundschulzeit hatte ich begriffen, dass sich Anstrengung in dem Bereich auszahlt. Reiner Notenfetischismus zunächst, aber mich haben auch die Dinge interessiert, die Welten jenseits meiner kleinen destruktiven.

Meine Eltern, Kinder des Krieges und ihren Traumata ausgeliefert , bekämpften sich vor allem selbst, konkurrierten mit jedem, grenzten sich im Heimatort ab und aus, unterstellten allen böse Absichten. Interesse oder Verstehen wollen gab es nicht. Und sie entschieden sich früh zur Bevorzugung eines Geschwisters, wir anderen kamen nicht vor.

Es gab keine Solidarität unter uns, es herrschte Angst

Heute würde man sagen, dass meine Eltern in vielfältigen Verschwörungsmythen lebten und in dieser Denke logisch den für weniger wert erachteten Kindern nur Böses unterstellen konnten. Die teilweise bedrohliche Lage führte nicht zur Solidarität unter den Ausgegrenzten, sondern es herrschte Angst. Insofern war schnell klar, dass sich Anstrengung zu Hause nicht auszahlte. Positives Feedback gab es nur in der Schule.

Es war die Schule und allen voran mein langjähriger Klassenlehrer der Realschule, die mir eine Aussicht ermöglichten. Die Schule war meine Rettung. Das Lernen bot sich mir als einerseits interessantes Erfahren dar und andererseits als eben diese Aussichtsplattform, ohne noch genau zu wissen, was daraus werden sollte.

Mein Traum war lange der Lehrerberuf, klar, bei den positiven Vorbildern, die ich in der Schule hatte. Wir alle haben ja so unsere Leitmotive aus der Kindheit, die wir später als Motor unserer Arbeit entdecken. Die Möglichkeit dazu gab mir die Bildung.

Gute Lehrkräfte sind oft der Schlüssel zum Lernerfolg.
Gute Lehrkräfte sind oft der Schlüssel zum Lernerfolg.

© imago images / Westend61

Mein Klassenlehrer unterrichtete bei uns Mathematik und Erdkunde. Er war streng und setzte mich als notorischen Störenfried ein ganzes Jahr hinter die Klasse, aber er brachte mich zum Lesen – etwas, das ich zu Hause verbergen musste, weil es als faul galt. Er wies mich auf Bücher hin, die ich mal lesen sollte. Ich habe ihn nie gefragt, warum gerade diese.

Hatte ich einen Autor entdeckt, las ich sein ganzes Werk

Auch nicht vor ein paar Tagen, als wir zuletzt sprachen. Aber während ich das hier schreibe, nehme ich mir vor, ihn nächstes Mal danach zu fragen. Es war nämlich mein Zugang zur französischen Literatur. Auch wenn ich sie auf Deutsch las, Französisch war meine zweite Sprache. Hatte ich erst einen Autor entdeckt, las ich immer sein ganzes Werk, was mir später im Studium noch zugutekommen sollte.

Sie schicken Ihre Tochter aufs Gymnasium. Die macht Abitur!

Das sagte mein Lehrer meinem Vater. Der gehorchte.

Es war dieser Klassenlehrer, der am Ende meiner Realschulzeit zu meinem Vater ging und ihm im richtig getroffenen Tonfall sagte: „Sie schicken Ihre Tochter aufs Gymnasium. Die macht Abitur!“ Das war meinem Vater Befehl.

Auch wenn es dem Autoritätsglauben meines Vaters geschuldet sein dürfte, dass er diesem Befehl Folge geleistet hat, versöhnt mich das ein bisschen mit ihm und seinem Unvermögen, seine Anerkennung anders auszudrücken.

So wurde ich mit folgendem Satz aufs Gymnasium geschickt: „Das Mädchen soll ruhig was lernen und eine vernünftige Ausbildung machen, falls dem Mann mal was passiert.“ Das war Anfang der 1980er Jahre.

Dieser Satz blieb lange mein Leitgedanke, und so landete ich später eher zufällig an einer Universität und durchlief auch das Studium eher zufällig erstaunlich gut – nämlich, weil ich mich mit einer Kommilitonin zusammentat, deren Eltern Lehrkräfte waren und die wussten, wie es geht.

Man muss Strukturen kennen, um sie nutzen zu können

Erst heute weiß ich, wie viel Zeit und Kraft es kostet, herauszufinden, was sich auf einem Bildungsweg für Möglichkeiten bieten, und was Barrieren sind, wenn man bestimmte Strukturen nicht frühzeitig kennt und versteht. Das sei den Verantwortlichen in Bildungsministerien mit auf den Weg gegeben.

Auch Studieren will gelernt sein. Da hilft es, wenn die Eltern Universitäten besucht haben.
Auch Studieren will gelernt sein. Da hilft es, wenn die Eltern Universitäten besucht haben.

© Rolf Vennenbernd/dpa

Nun kommen wir auf die Eingangsfrage zurück; also die, die mich morgens beim Hören der Nachrichten beschäftigt, bei den Berichten über coronabedingte Schulschließungen, bei der Reduktion der Thematik auf technische Ausstattungsfragen. Beim Lesen des Begriffs „Homeschooling“ bekomme ich eine Gänsehaut. Ich war morgens so froh, aus dem Haus gehen zu können, und hatte es nie eilig, zurück zu kommen.

Vor ein paar Tagen telefonierte ich mit meinem Lehrer – der Kontakt ist nie abgerissen – und fragte ihn nach seiner Einschätzung. Es machte ihn sehr nachdenklich, zumal er damals zwar einen guten Blick für seine Schüler hatte, aber nicht genau die Umstände kannte. Wir beendeten das Telefonat ratlos. Und ich bleibe es auch weiterhin.

Heute gehöre ich zu den Privilegierten, die vom Homeoffice aus ungestört arbeiten können. Meine Kinder gehen längst ihre eigenen Bildungs- und Lebenswege. Allerdings machen sie sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Digital Learning, angesichts so vieler Ablenkungsangebote.

Ich fühle mich also nicht direkt selbst betroffen von der Frage: „Was wird aus den Kindern, die jetzt nicht das Glück haben zur Schule zu gehen, dieses aber dringend bräuchten?“, fühle mich aber aufgrund meiner eigenen Erfahrung angesprochen, Stellung zu nehmen.

Natürlich weiß ich auch, dass Bildung nicht alles ist und beruflicher Erfolg kein glückliches Leben garantiert. Wer das missversteht, hat sich der Aushöhlung des Bildungsbegriffs unterworfen, der eben nicht nur Skills fürs Geldverdienen umfasst; sondern die Fähigkeit zu denken, nachzufragen und einzuordnen, sich überhaupt zu interessieren für Sein und Sinn und den Grundfragen des Lebens nachzugehen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen – also einem philosophischen Menschenbild verpflichtet ist und Menschwerdung im ganzheitlichen Sinne begreift.

Bildung ist tatsächlich mehr als Ausbildung

Nicht, dass Geldverdienen verächtlich wäre. Im Gegenteil, es ermöglicht die Sicherung des Lebensunterhalts. Auch wenn eine gute Ausbildung noch nicht garantiert, dass man einen lukrativen Job erhält (wie man nicht zuletzt an den schlecht bezahlten, hoch qualifizierten Pflegeberufen sieht). Bildung ist tatsächlich mehr als Ausbildung, und die

Schule ist der wichtigste Ort dafür, gerade für jene, die zu Hause keine Perspektive bekommen und auch keinen anderen Ort finden, der ihnen eine gute Entwicklung ermöglicht.

Wenn meine Schilderung etwas dazu beitragen kann, dass man über nüchterne Statistiken hinausdenkt und die Menschen in ihren realen Lebenswelten genauer in den Blick nimmt, dann wäre mir das ein kleiner Trost. Am Notenspiegel lässt sich die Misere sicher nur bedingt ablesen.

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