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Die Kleinfamilie ist ein Modell mit ungebrochener politischer Wirkmächtigkeit.

© Illustration: Martha von Maydell / mvmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Vater, Mutter, Kind: Das Modell Kleinfamilie und seine ungebrochene Macht

Der „Haushalt“ war die kleinste und wichtigste Einheit der Corona-Politik. Politisch wurde er vor allem als Kleinfamilie gedacht. Über ein Leitbild mit übergroßem Einfluss.

Ein Essay von Karin Christmann

Die Ehe von Olivier Sarkozy, Halbbruder des ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas, hat die Corona-Pandemie nicht überstanden. Seit 2015 war er mit Mary-Kate Olsen verheiratet, die in den USA seit Kindertagen als Schauspielerin berühmt und mittlerweile Multimillionärin ist. Im April 2020, kurz nach Beginn des globalen Ausnahmezustands, trennte sich das Paar. Den Ausschlag gab nach Einschätzung der Prominenten-Fachpresse Sarkozys Entscheidung, seine Exfrau und die beiden gemeinsamen Kinder in dem Haus aufzunehmen, das er mit Olsen bewohnte. Er wollte die drei vor der Pandemie schützen – Olsen hingegen hatte keinerlei Absicht, ihr Zuhause mit der Exfrau ihres Ehemannes zu teilen. Sie zog den Schlussstrich unter die ohnehin kriselnde Ehe.

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Olivier Sarkozy und Mary-Kate Olsen im Jahr 2014 auf der Tribüne eines Tennisspiels bei den US Open.
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Olivier Sarkozy und Mary-Kate Olsen im Jahr 2014 auf der Tribüne eines Tennisspiels bei den US Open.

© picture alliance / dpa

Wer gehört eigentlich zum Haushalt, wer zur Familie? Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? Die Pandemie hat diese Fragen erneut aufgeworfen. Zu Zeiten der Kontaktbeschränkungen ging es stets darum, wie viele Haushalte aufeinandertreffen dürfen. Oft waren es nur zwei. Der „Haushalt“ war dabei ein abstrakter Hilfsbegriff. Die Menschen im Haushalt wurden als Einheit definiert, und der „Haushalt“ war gleichzeitig die kleinste gedankliche Einheit der Corona-Gesellschaft und der Corona-Politik. Es wurde unterstellt, dass hier Menschen mit jenen anderen Menschen zusammenleben, die ihnen am wichtigsten sind, zu denen sie die engsten Beziehungen haben. Gleichzeitig schwang die Idee mit: Ein Haushalt, das entspricht einer Familie. Doch was ist etwa mit Menschen, die in Patchwork-Konstellationen leben und deren Familie sich auf mehr als einen Haushalt erstreckt? Ihnen signalisierte der Gesetzgeber: Ihr passt nicht ins Raster. Ein Signal, das diese Familien gewohnt sein dürften.

Denn das Leitbild der Kleinfamilie bestimmt die Diskussion über Familie in Deutschland, das Recht und die Sozialpolitik noch immer in einem Maße, das der gesellschaftlichen Realität nicht mehr entspricht. Vater und Mutter, miteinander verheiratet, leben mit den gemeinsamen Kindern in einem Haushalt. Jahrzehntelang war vonseiten der Politik nichts anderes vorgesehen.

Der historische Normalfall ist das Nebeneinander vieler unterschiedlicher Arten von Familien

Die Vorstellung, das Leben in der Kleinfamilie sei gleichsam naturgegeben, wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren begründet, als tatsächlich fast alle Menschen im entsprechenden Alter genau so lebten. Eine einzige Familienform war übermächtig – doch das war eine historische Ausnahme im Vergleich zum Normalfall, dem Nebeneinander vieler unterschiedlicher Arten von Familien in einer Gesellschaft.

Vor dem Aufkommen der Kleinfamilie fand das Zusammenleben in Form großer Haushalte statt, mit Mitgliedern etwa einer bürgerlichen oder bäuerlichen Familie und ihren Bediensteten. Erst mit Beginn der Industrialisierung wurden berufliche und private Sphäre stärker voneinander getrennt, die unterschiedlichen Bereiche jeweils Männern oder Frauen zugeschrieben. Die Erwerbsarbeit fand nicht mehr zu Hause, sondern in Fabriken oder Büros statt. Es entstand die bürgerliche Kleinfamilie als gesellschaftliches Leitbild und individuelles Glücksversprechen, und es kam die Vorstellung der Ehe als romantischer Gefühlsgemeinschaft auf. Nur so wurde es möglich, das Zuhause neu zu definieren als geschützten privaten Raum, der den Familienmitgliedern vorbehalten war.

Die Kindheit wurde als Lebensphase eigener Prägung anerkannt, die Schulpflicht umgesetzt. Wo Kinder früher, von den leiblichen Eltern kaum beachtet, im großen Haushalt ihren Dienst verrichteten, wurden sie nun als Persönlichkeiten wahrgenommen, in deren Erziehung und Begleitung sich Zeit zu investieren lohnte.

Die Kleinfamilie im modernen Sinne hatte ihre Hochphase in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, möglich gemacht durch das im Zuge des Wirtschaftswunders rasant gestiegene Wohlstandsniveau. Als Miternährerinnen der Familie wurden Frauen nicht mehr benötigt – zumindest in der Bundesrepublik. Dort galt: Vati bekommt das beste Stück vom Sonntagsbraten, Mutti macht den Abwasch, die Kinder haben die Füße unter den Tisch zu stecken. Die Kleinfamilie der Fünfzigerjahre ist zum Klischee geronnen.

Die Kleinfamilie hat sich ihren schlechten Ruf redlich erarbeitet

Damals waren Ehefrauen rechtlich noch sehr umfassend von ihren Männern abhängig. Aus eigener Entscheidung heraus durften sie weder eine Arbeitsstelle annehmen noch ein Konto eröffnen. Vergewaltigungen blieben straffrei, wenn Täter und Opfer miteinander verheiratet waren. Die Kleinfamilie hat sich ihren heutigen schlechten Ruf im Kreise mancher, die für eine Anerkennung vielfältiger Familienformen streiten, redlich erarbeitet.

Jahrzehnte sind seit der Hochphase der Kleinfamilie vergangen. Es wurden – und werden – erbitterte gesellschaftliche und juristische Debatten über die Gleichstellung der Geschlechter ausgetragen. Es ereigneten sich die sexuelle Revolution und die Erfindung der Pille. Immer mehr Frauen entschieden sich für eine eigene Berufstätigkeit. Dass Kinder in Patchwork-Situationen aufwachsen, ist mittlerweile üblich, und eine Ehe muss schon längst nicht mehr halten, bis dass der Tod sie scheidet. Familie, so formulieren es heute viele Politiker:innen, ist dort, wo Kinder sind.

Aber wo sind sie denn, die Kinder? In einer aktuellen Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums heißt es, dass rund ein Viertel aller Kinder in den ersten 15 Lebensjahren zumindest zeitweise bei nur einem Elternteil aufwächst. Doch noch immer bekommen Familien, die nicht dem Modell Kleinfamilie entsprechen, von Staat und Gesellschaft signalisiert, dass sie nicht ins vorgesehene Raster passen.

Die Kleinfamilie bietet eine Verbindlichkeit, wie sie sich leichter herstellen lässt, wenn der Kreis der beteiligten Personen überschaubar bleibt.

Karin Christmann

Eine verheiratete Frau, die getrennt lebt und ein Kind von einem neuen Partner erwartet, muss aktiv werden, damit nicht der Ex juristisch als Vater gilt. Wenn zwei Frauen mithilfe eines Samenspenders eine Familie gründen wollen, wird eine von ihnen für das Kind, das sie als ihres sieht, rechtlich zunächst eine Fremde sein. Das Leitbild des eigenen Zuhauses für die Kleinfamilie bestimmt auch Baupolitik und Städteplanung.

Alle, die andere Familienformen leben wollen, haben besondere Schwierigkeiten zu überwinden. Hier setzt die Kritik vieler Menschen an, die sich für Anerkennung und Gleichstellung vielfältiger Familienformen starkmachen.

Dennoch ist die Beliebtheit der Kleinfamilie als Modell ungebrochen. In einer Forsa-Umfrage für die Zeitschrift „Eltern“ wünschten sich im Jahr 2016 knapp 90 Prozent der befragten jungen Erwachsenen, die noch keine eigenen Kinder hatten, als Kleinfamilie oder mit Großeltern in unmittelbarer Nähe zu leben.

Und es gibt gute Gründe, die für das Leben in einer solchen Konstellation sprechen. Sie bietet eine Verbindlichkeit, wie sie sich leichter herstellen lässt, wenn der Kreis der beteiligten Personen überschaubar bleibt. So wie in anderen Familienformen können auch in der Kleinfamilie Liebe, Geborgenheit und Vertrauen wachsen. Und die Kleinfamilie hat sich verändert, sie ist im positiven Sinne nicht mehr, was sie einmal war. Verheiratete Frauen sind ihrem Ehemann heute nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wo früher nur ein verheiratetes heterosexuelles Paar eine Kleinfamilie begründen konnte, sind nun auch zwei Väter mit ihrem Pflegekind als solche anerkannt. Kinder können heterosexuelle, miteinander verheiratete Eltern haben – und ganz selbstverständlich mit der Erkenntnis aufwachsen, dass es Liebe nicht nur zwischen Mann und Frau gibt und dass es überdies mehr gibt als nur Männer und Frauen.

Dass gerade Eltern jüngerer Kinder permanent übermüdet sind, gilt als normal – doch sollte es das sein?

Karin Christmann

Die Kleinfamilie als Modell steht aber nicht nur deshalb in der Kritik, weil andere Familienformen politisch nicht gleichermaßen akzeptiert und gefördert werden. Immer mehr Menschen kommen außerdem zu dem Schluss, dass die Kleinfamilie von ihren erwachsenen Mitgliedern zu viel fordert. Erwerbsarbeit, Fürsorge für Kinder, der Haushalt, die Paarbeziehung der Erwachsenen: Das alles soll klappen, und zwar gleichzeitig.

Dass gerade Eltern jüngerer Kinder permanent übermüdet sind, gilt als normal – doch sollte es das sein? Die Gesellschaft streitet unter dem Stichwort „Care-Arbeit“ über den Stellenwert der unbezahlten Fürsorge und über die Anerkennung und Unterstützung für die Menschen, die sie leisten. Erwachsene Kinder hilfsbedürftiger Senior:innen leisten Care-Arbeit, und gerade auch Eltern minderjähriger Kinder, vom Wickeldienst bis zur Hausaufgabenhilfe, gefühlt oft rund um die Uhr. In der Kleinfamilie lastet das alles auf wenigen Schultern. Ließe sich die Fürsorge für Kinder anders organisieren, getreu dem geflügelten Wort, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen? Noch fehlt es an Modellen, um diesen Gedanken in großem Maßstab in die Tat umzusetzen.

Der Staat verschafft sich erst gar keinen Überblick darüber, welche Familienformen gelebt werden

Der Staat hängt der Kleinfamilie als Modell sogar so stark an, dass er sich erst gar keinen Überblick darüber verschafft, welche Familienformen in Deutschland gelebt werden. Eine hochrangige amtliche Statistik, die die Lebensrealität deutscher Familien von traditionell bis Patchwork abbilden würde, gibt es nicht. Der Staat fragt im Rahmen des Mikrozensus jährlich die Lebensverhältnisse seiner Bevölkerung ab. Gezählt wird auch, wie viele Haushalte es gibt, in denen mindestens ein minderjähriges Kind lebt. Unterschieden wird wie folgt: Sind die Erwachsenen in dem Haushalt ein Ehepaar, ein unverheiratetes Paar oder ist es eine alleinerziehende Person? Aus den Daten des Mikrozensus 2019 geht hervor, dass es 8,2 Millionen Haushalte mit mindestens einem minderjährigen Kind in Deutschland gibt. Grob gerundet lebt in siebzig Prozent dieser Haushalte ein Ehepaar, in zehn Prozent ein unverheiratetes Paar und in zwanzig Prozent eine alleinerziehende Person.

Die Kleinfamilie ist als Schablone erkennbar, die auf die Realität gelegt wird, selbst dort, wo Trauschein oder Ehepartner:in fehlen. Was sagt eine solche Statistik über tatsächliche Familienkonstellationen? Nicht viel. Sind beide Ehepartner in einem Haushalt die leiblichen Eltern des minderjährigen Kindes oder stammt dieses aus einer früheren Beziehung? Pendelt ein Kind im Wechselmodell zwischen den Haushalten zweier Elternteile? Hat ein Kind mehr als zwei Elternteile, beispielsweise zwei Mütter und einen Spendervater, die über zwei Haushalte hinweg eine Familie neuer Form miteinander gegründet haben? All dies lässt sich aus den amtlichen Daten nicht ersehen.

Der Staat hat ein Interesse daran, dass Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, ob nun als „Haushalt“ oder über Haushaltsgrenzen hinweg. Es gibt gute Gründe dafür, die Kleinfamilie zu fördern. Aber es gibt auch gute Gründe dafür, andere Formen des Miteinanders zu beachten und zu fördern. Die tendenzielle Überforderung der Kleinfamilie ist einer. Die Tatsache, dass es längst eine vielfältige Realität jenseits dieses Modells gibt, ist ein zweiter.

Für eine Debatte über die Zukunft der Kleinfamilie – und die Kleinfamilie der Zukunft – müssen Politik und Gesellschaft aber erst einmal wissen, was ist.

Dieser Text ist der erste Teil der Serie „Haushaltsfragen“: Liebe, Kinder, Sex? Nach Corona stellen wir die Frage, was wirklich einen „Haushalt“ ausmacht.

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