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Göring nach seiner Verhaftung. Das Bild illustriert nach viel Hin und Her seinen Wikipedia-Eintrag.

© Wikipedia, gemeinfrei

Tagesspiegel Plus

Irrtum vorbehalten: Was der Streit um ein Göring-Foto über Wikipedia verrät

Wikipedia lebt, das gedruckte Lexikon ist tot. So weit, so akzeptiert. Doch für die Verlässlichkeit historischer Informationen heißt das nichts Gutes.

Von Malte König

Vor 15 Jahren war es noch möglich, Wikipedia um wilde Behauptungen zu bereichern, etwa: „Ameisen verständigen sich per Klopfzeichen.“ Der Satz blieb stehen, oft monatelang. Unterstellte man hingegen heute dem Flugsaurier Anurognathus, dass er sich vorwiegend von Zitronenfaltern ernährte, würde die Ergänzung nicht freigeschaltet, sondern binnen weniger Minuten gelöscht.

In den 20 Jahren ihres Bestehens hat sich die Internetenzyklopädie zweifellos verbessert. Dennoch ist es in Wissenschaft und Erziehung üblich, vor dem Gebrauch zu warnen.

Wikipedia gilt als unzuverlässig, da ihre Autoren gemeinhin anonym sind und der angeblichen Schwarmintelligenz kein Vertrauen geschenkt wird. Seltener wird mit Inhalt oder Machart der Einträge argumentiert. Ohne die Kraft des Beispiels aber steht die Warnung auf schwachen Füßen, zumal Wikipedia inzwischen deutlich professioneller aussieht als früher. Was nottut, ist, ein Bewusstsein dafür zu wecken, was sich hinter den Kulissen abspielt.

Um welche Detailfragen ringen Autoren, Sichter und Administratoren, wenn ein Eintrag entsteht, sich ändert oder verteidigt werden muss? Wie ist es um die Fachkompetenz der Beiträger bestellt? Welche Reibungsverluste verursacht die Zusammenarbeit anonymer Mitarbeiter, die unterschiedliche Ziele verfolgen? Wer einschätzen will, ob und inwieweit Wikipedia zu trauen ist, muss einen Blick auf die Details werfen, auf Geschichte und Diskussion einzelner Artikel.

Wie illustriert man den Text über Hermann Göring? Und warum?

Ein komplexes Problem tut sich zum Beispiel auf, wenn man sich mit dem Einstiegsfoto des Eintrags „Hermann Göring“ beschäftigt. In den Anfangsjahren wechselten mehrere Bilder einander ab, weil sie eine schlechte Auflösung hatten, Göring nicht allein zeigten oder die Urheberrechte unklar waren.

Ab 2008 fand schließlich ein Schwarz-Weiß-Foto Verwendung, das den Reichsmarschall während des Nürnberger Prozesses zeigte – ein Konsens, der zehn Jahre Bestand hatte.

Erst 2018 regte sich unter den Autoren Widerstand, das Foto falle zu schmeichelhaft aus, es zeige den Kriegsverbrecher in „Denkerpose“. Kurzerhand wurde es durch ein Farbfoto ersetzt, auf dem Göring unmittelbar nach seiner Verhaftung zu sehen ist, als gebrochener Mann.

Dass dies nicht der Weisheit letzter Schluss ist, zeigte sich bereits im Februar 2020, als das Bild durch zwei erkennungsdienstliche Fotos ausgetauscht wurde. Diese „Knastfotos“ stießen jedoch wiederum auf Kritik, weil sie „die unverzichtbare Dignität der Darstellung dieser Person“ beeinträchtigten. Wie der um Worte ringende Beiträger wohl ahnte, begab er sich auf dünnes Eis, als er sich für die verletzte Würde Görings starkmachte.

Das Ergebnis aber war, dass man zu dem unvorteilhaften Farbfoto zurückkehrte, das bis heute den Artikel ziert. Ob es für Göring repräsentativ ist, sei dahingestellt. Doch die Debatte verdeutlicht, welch schwierige Fragen die Community lösen muss, will sie einen neutralen Artikel herstellen.

Dass dabei zum Teil mit harten Bandagen gekämpft wird, zeigt eine Auseinandersetzung, die sich um den Eintrag „Oldenbourg Grundriss der Geschichte“ abspielte. Im Dezember 2015 versuchte eine Autorin, die Einleitung durch den Hinweis zu erweitern, dass sich unter den „51 Autoren“ der renommierten Studienreihe nur „zwei Frauen“ befänden. Daraus entstand ein Konflikt, in dem die Ergänzung mehrfach zurück- und wieder eingesetzt wurde.

Es machen zu wenig Frauen mit, auch das wird kritisiert

Parallel diskutierten die Beiträger über die Relevanz der Information. Die Autorin meinte, dass aus Gründen der Gleichstellung auf diese Diskrepanz hingewiesen werden müsse; der geringe Frauenanteil sage etwas über die Herausgeber aus. Dem wurde entgegengehalten, dass es sich lediglich um ein Symptom handele; unter den „alten Koryphäen“, die für die Bände infrage kämen, habe es über Jahrzehnte kaum Frauen gegeben.

Des Weiteren kritisierte der Hauptgegner, dass die Ergänzung rein politisch motiviert sei und als „missionarische Anklage“ in dem Artikel nichts zu suchen habe. Dass der Versuch scheiterte, lag am Ende jedoch weniger an inhaltlichen Gründen als an der Vorgehensweise. Zu Fall brachte die Autorin, dass sie sich weitere Pseudonyme zulegte, um in der Diskussion mit Unterstützern aufwarten zu können.

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Ihr Hauptgegner wurde misstrauisch und beantragte eine Überprüfung der Accounts, was zur Folge hatte, dass die Autorin nebst ihren Pseudonymen entlarvt und gesperrt wurde. Paradoxerweise festigte der Vorgang somit den niedrigen Frauenanteil, der unter Wikipedia-Autoren herrscht. Einer Umfrage zufolge lag dieser 2015 unter 15 Prozent.

Zum seriösen Erscheinungsbild der Enzyklopädie tragen zunehmend die Belege bei, die seit einigen Jahren von den Beiträgern eingefordert werden. Anhand des Eintrags „Syphilis“ lässt sich allerdings zeigen, dass das Setzen von Fußnoten allein nicht ausreicht, um einen Eintrag vertrauenswürdig zu machen; die Belege müssen auch korrekt sein. So behauptete im März 2018 ein Nutzer auf der Diskussionsseite, dass Syphilis bis 1973 „eine anerkannte Berufskrankheit von Matrosen“ gewesen sei, und bat darum, dies in den Artikel aufzunehmen.

Gehört Syphilis zu den Berufskrankheiten von Matrosen?
Gehört Syphilis zu den Berufskrankheiten von Matrosen?

© Bernd Wüstneck dpa/lmv

Auf die Nachfrage, woher die Information stamme, nannte er eine Studie zur Gesundheitspolitik der Nachkriegszeit, inklusive Seitenangabe. Dankbar für die prompte Antwort übernahm der Fragesteller Behauptung und Beleg, wobei er die Tippfehler des Nutzers stillschweigend korrigierte. Das Buch selbst nahm er offenkundig nicht in die Hand; andernfalls wäre ihm aufgefallen, dass auf der zitierten Seite nichts über Matrosen, Berufskrankheiten oder das Jahr 1973 steht.

Im Eintrag „Wallenstein“ hingegen gelang es, einen begeisterten Mitstreiter zu zügeln, der den Artikel 2017 umfangreich ergänzte und sich dabei stets auf die Studie von C. V. Wedgwood berief. Den Hinweis, dass dieses Werk im Jahr 1938 erschienen sei, konterte der Beiträger mit den Worten, dass es sich dem Schriftsteller Daniel Kehlmann zufolge um das beste Buch zu dem Thema handele. Der Überblick über die Fachliteratur, den er daraufhin erhielt, zeugt von Sachkenntnis und macht deutlich, dass es unter den Wikipedia-Autoren belesene Experten gibt.

Die meisten Autoren betreiben das Metier als Hobby

Trotzdem fällt in den Belegen immer noch auf, dass mit Vorliebe die leicht lesbaren Bücher von Golo Mann und C. V. Wedgwood herangezogen werden. Die meisten Autoren betreiben das Metier eben als Hobby und verwenden die Bücher, die ohnehin daheim im Regal stehen. Anders als im Brockhaus oder in der Britannica kann niemandem der Auftrag erteilt werden, den aktuellen Wissensstand zu ermitteln; stattdessen handelt es sich zumeist um irgendeinen Wissensstand, etwa den von 1938.

Seit der Episode um Karl-Theodor zu Guttenbergs elften Vornamen ist bekannt, wie weitreichend sich durch Wikipedia Fehlinformationen verbreiten lassen. Selbst Bundespräsident Horst Köhler erwähnte bei einer Rede vor der Fußballnationalmannschaft der Frauen ein Bügelbrett, das die Spielerinnen 1989 zur Europameisterschaft erhalten hätten – als sei das Kaffeeservice nicht schlimm genug gewesen.

Porzellan zum Titel ist schon schlimm genug. Wikipedia machte ein Bügelbrett draus. Und Bundespräsident Köhler zitierte das.
Porzellan zum Titel ist schon schlimm genug. Wikipedia machte ein Bügelbrett draus. Und Bundespräsident Köhler zitierte das.

© Boris Roessler dpa/lhe

Während Desinformationen dieser Art harmlos sind, gibt es jedoch auch Fälle unangenehmerer Natur. So konnte sich 2007 im Artikel „Stahlpakt“, der das deutsch-italienische Militärbündnis von 1939 beschreibt, über vier Monate ein Zitat halten, dem zufolge vereinbart worden sei, für drei bis fünf Jahre den Frieden in Europa zu sichern. Dergleichen steht nirgends im Vertragstext. Es handelt sich um einen Wunschtraum der italienischen Delegation, der nicht schriftlich fixiert wurde.

Damit nicht genug. Seit Dezember 2009 ist der Eintrag zudem mit einer absurden Bibliografie ausgestattet. Allein ein Aufsatz, der das Wort „Stahlpakt“ als Zeitbegrenzung im Titel trägt, wurde entfernt – nach knapp sieben Jahren.

Inzwischen haben schon Bücher die Fehlinformationen aus Wikipedia übernommen

In welchem Ausmaß Wikipedia Fehlinformationen in Umlauf bringen kann, lässt sich an dem Eintrag „Galeazzo Ciano“ veranschaulichen, einst Außenminister unter Mussolini. Über zwölf Jahre, von 2005 bis 2017, stand in der deutschsprachigen Wikipedia, der Italiener habe seinen Jura-Abschluss in Jena erworben. Jedem Faschismus-Forscher, der mit den Sprachkenntnissen Cianos vertraut ist, mussten angesichts dieser Behauptung Zweifel kommen.

Weder in der italienisch- noch in der englischsprachigen Wikipedia fand sich der Hinweis, vom Nachschlagewerk Treccani ganz zu schweigen. Sucht man hingegen unter Google Books mit den Stichworten „Galeazzo Ciano“ und „Jena“, finden sich inzwischen sogar Bücher, die die Fehlinformation übernommen haben und somit verfestigen. In Zukunft braucht sich niemand mehr auf Wikipedia zu berufen, wenn er auf Cianos angebliches Studium an der Friedrich-Schiller-Universität verweisen möchte; man kann jetzt gedruckte Schriften heranziehen. Das heißt, in Fällen wie diesen kontaminiert Wikipedia unseren Forschungs- und Wissensstand nachhaltig.

Außer Frage steht, dass Wikipedia ein beeindruckendes Projekt ist

Malte König, Historiker

Außer Frage steht, dass Wikipedia ein beeindruckendes Projekt ist. Nicht wenige Beiträger engagieren sich seit Jahrzehnten auf der Plattform, ehrenamtlich, uneigennützig und auf hohem Niveau. Beeinträchtigt wird ihre Arbeit allerdings durch eine offensive Streitkultur und einen rauen Ton, der bereits viele Mitarbeiter vertrieben hat. Wer Administratorenrechte erhält und sich entsprechend einbringt, kann regelrecht unter Beschuss geraten, sobald es um die Löschung irrelevanter Artikel oder die Sperrung von Nutzerkonten geht.

Die Einführung von Etiketten hat das Miteinander nur geringfügig verbessert. Und inhaltlich helfen Regelwerke auch nicht immer weiter. Grundprinzipien wie etwa der Neutralitätsanspruch können nur so gut angewendet werden, wie die Beiträger ausgebildet sind.

Einige langjährige Autoren beklagen etwa, dass sich in jüngster Zeit „eine Art Hausmeisterwesen“ breitgemacht habe. Mancher arbeite sich durch unzählige Artikel, um überall das Regulativ „Neutraler Standpunkt“ anzuwenden, ohne sich in der Thematik auszukennen. Im Bereich der Geisteswissenschaften stößt ein solches Vorgehen aber rasch an seine Grenzen. „Wer seinen Standpunkt nicht kennt“, so ein Administrator, „kann auch keinen Abstand zu ihm gewinnen."

Wikipedia und ihre Autorenschaft verdienen Respekt und Anerkennung; die Erschaffung und Pflege dieser Enzyklopädie ist eine große Leistung. Inwieweit sie aber unser Vertrauen verdienen, sollte sich jeder Nutzer gut überlegen.

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