zum Hauptinhalt
Selbstinszenierung oder Selbstfindung?

© Illustration: Martha von Maydell

Tagesspiegel Plus

Wer will ich sein - und für wen?: Die digitale Selbstdarstellung wird zum Risiko fürs reale Ich

Immerzu senden, auffallen und checken, was ankommt: Die Welt der Sozialen Medien macht die Menschen zu Gefangenen ihres digitalen Spiegelbilds. 

Ein Geständnis vorneweg: Mein Badezimmerspiegel ist meist von kleinen Wasser- und Zahnpastaflecken übersät. Ich versuche zwar sporadisch, sie wegzuputzen, mache aber in Folge alles nur noch schlimmer. Ein Spiegel-Selfie, fester Bestandteil des Instagram-Posenrepertoires, verbietet sich hier. Bei den Spiegel-Selfies von Influencer:innen ist von Zahnpastaflecken nichts zu sehen. Deren Spiegel sind makellos – so makellos, dass man selbst den Spiegel meist gar nicht mehr sieht.

Kara Del Toro, US-amerikanisches Model und Influencerin mit Millionenpublikum auf ihren Social-Media-Kanälen, hat jüngst das Geheimnis des perfekten Spiegel-Selfie gelüftet und damit für einen Miniskandal gesorgt: Es gibt nämlich gar keinen Spiegel, sondern eine zweite, gegenüberstehende Smartphonekamera, die das Bild schießt.

Die perfekten digitalen Selbstporträts sind also nichts weiter als eine optische Täuschung. Hätte man es ahnen können? Sogar ahnen müssen?

Digitale Zerrbilder werden immer perfekter

Eigentlich schon, denn: Ist nicht alles inszeniert oder bis ins Detail bearbeitet, was über unsere Bildschirme flackert? Der Social-Media-Miniskandal offenbart jedenfalls viel über das Verständnis von digitaler Repräsentation und Authentizität und wie leichtgläubig man hier oftmals ist.

Hier setzt auch die US-amerikanische Autorin Jia Tolentino an, deren Essayband „Trick Mirror“ seit Kurzem mit dem Untertitel „Das inszenierte Ich“ auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Ihr „Trickspiegel“ ist eine Metapher für die digitalen Zerrbilder, für die tagtäglichen Selbsttäuschungen in den Sozialen Medien, die so perfekt sind, dass sie gar nicht mehr auffallen. Wie ein perfektes Spiegel-Selfie ohne Spiegel.

Tolentino, Jahrgang 1988 und regelmäßig im renommierten Magazin „The New Yorker“ zu lesen, löste mit dem Buch, das 2019 in der USA erschien, einen wahren Hype aus. Ihre Gegenwartskritik zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie nicht aus der Vogelperspektive geschrieben ist, sondern persönlich und ganz direkt aus dem Maschinenraum berichtet.

Ein Text erzählt davon, wie sie 2004 als Teenagerin an einer Reality-TV Show teilnahm. Es war eine in ihren Worten „nützliche, wenn auch fragwürdige Vorbereitung auf ein Leben in den Fängen des Internets“. Der Anpassungsprozess ihres äußeren Ichs sei so instinktiv verlaufen, dass sie ihn gar nicht mehr bewusst wahrnehmen konnte.

Jia Tolentino
Jia Tolentino

© imago images/ZUMA Wire

Im Reality-Fernsehen der frühen 2000er Jahre ist ihr zufolge eine Idee zementiert worden, die schon wenig später die Technologie und Kultur der Gegenwart getrieben hat: dass Menschen ihre Persönlichkeit problemlos an das anpassen, was bei anderen gut ankommt, und womit sie sich gut vermarkten können. In den meisten Fällen also die Illusion des interessanten, attraktiven, perfekten Ichs. Dass dies selten der Realität entspricht, ist ein offenes Geheimnis. Doch im ständigen Schatten des eigenen Ideals verwischen die Trennlinien zwischen Selbsttäuschung und Selbstwahrnehmung zunehmend.

Ist es überhaupt noch möglich, dem perfekten Ich abseits des Bildschirms gerecht zu werden? Die Frage stellt sich während Pandemie, die das Soziale noch stärker ins Digitale drängt und Selbstentfaltung im realen Leben erschwert hat, nochmal mit ganz neuer Wucht.

 In der gerade eröffneten Ausstellung «Immer Ich. Faszination Selfie» im Zeitgeschichtlichen Museum in Leipzig  macht ein Mädchen ein Selfie mit einem Foto der Influencerin Bianca Claßen.
In der gerade eröffneten Ausstellung «Immer Ich. Faszination Selfie» im Zeitgeschichtlichen Museum in Leipzig macht ein Mädchen ein Selfie mit einem Foto der Influencerin Bianca Claßen.

© Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/ZB

Die sozialen Medien sind regelrechte Identitästsbrutkästen, doch den Drang zur Inszenierung und gegenseitiger Bestätigung haben sie nur verstärkt, nicht verursacht. Selbstdarstellung ist ein menschlicher Wesenskern und Voraussetzung der Identitätsbildung. Der Soziologe Charles Cooley sprach bereits 1902 angesichts des intersubjektiven Ichs vom „Looking Glass Self“, dem gespiegelten Selbstbild. Cooley befand, dass jeder jedem ein Spiegel sei und die Identität sich nur durch die Reaktionen der Mitmenschen auf das eigene Auftreten herauskristallisiere.

Vom „Theater des Alltags“ zur „Ausdrucksontrolle“

Ging Cooley noch von einem recht einheitlichen Ich aus, schrieb der amerikanische Soziologe Erving Goffman in den 1950ern schon vom „Theater des Alltags“. In diesem tragen wir als Darsteller:innen für ein wechselndes Publikum verschiedene Rollen vor und gelangen mittels Ausdruckskontrolle („Impression Management“) zu unserem Selbst.

Die absolute Autonomie des Individuums rückt in den Mittelpunkt

Max Tholl

Zu Goffmans Zeit wurde dieser Entwicklungsprozess noch von strikten gesellschaftlichen Normen und großen politischen und religiösen Narrativen flankiert. Doch die reflexive Moderne des späten 20. Jahrhunderts löste einen Umbruch aus, der diese Traditionen beiseite fegte und die absolute Autonomie des Individuums in den Fokus rückte. Das hat dazu geführt, dass – um in Goffmans Bild zu bleiben – unsere Auswahl an Bühnenrequisiten und Kostümen heute vermeintlich unbegrenzt ist. Aus dieser Wahlfreiheit ergibt sich die Herausforderung der ständigen Persönlichkeitsbildung: Wer will ich sein? Und für wen?

Die oft beklagte Geltungssucht ist nur eine Steigerung des menschlichen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, die von den sozialen Medien rund um die Uhr versprochen wird. Allerdings nur für diejenigen, die den, wie Tolentino ihn nennt, eingebauten Darstellungsanreiz füttern. Das Gebot der effektiven Selbstdarstellung ist die ständige Performance: wir als Kurator:innen der eigenen Existenz, das Leben als fortwährende Insta-Story, um der Unsichtbarkeit zu entkommen.

Die Influencerin Cathy Hummels
Die Influencerin Cathy Hummels

© Tsp

Anders als etwa in Goffmans Analyse wechselt das Publikum im digitalen Resonanzraum nicht mehr, sondern verharrt Tag und Nacht kollektiv in den Sitzen. Sich im Internet erfolgreich zu inszenieren geht nur über Hypervisibilität: einem ständig wachsenden Publikum zu jedem Zeitpunkt alles versprechen zu können, das ist die Aufgabe. Wird das Leben abseits des Bildschirms somit nur noch persönlicher Rückzugsort, wird der menschliche Körper nur noch Hülle für das digitale Ich?

Der unendliche Prozess der Selbstoptimierung

Es sieht auf den ersten Blick so aus, als sei das Offline-Selbst entweder dazu verdammt, Abstand zum digitalen Ich herzustellen – oder ihm nachzuhecheln. Im digitalen Hallraum ist die angestrebte Persönlichkeit kein Ziel mehr, sondern ein unendlicher Prozess der täglichen Selbstoptimierung. Genau wie die mobilen Geräte, die wir zur Selbstdarstellung nutzen ist man immer nur so gut, wie das letzte Update es erlaubt.

Die beiden britischen Soziolog:innen Stephanie A. Baker und Chris Rojek sprechen diesbezüglich vom Zeitalter des „affirmativen Perfektionismus“. In dessen Logik sind Akzeptanz, Zustimmung oder Erfolg eben nicht mehr an das Befolgen von religiösen oder gesellschaftlichen Leitlinien gebunden, sondern an die Erschaffung eines begehrenswerten Selbst.

Influencer:innen, die Vorzeigewesen der heutigen Selbstvermarktung, ziehen ihr gesamtes Kapital – im doppelten Sinne – aus dem Narrativ der erfolgreichen Selbstverwandlung. Doch die ständige Veränderung, der „Imperativ der Selbstentgrenzung“, wie es Soziologe Andreas Reckwitz nennt, birgt immer auch das Risiko zum „strukturellen Enttäuschungsgenerator“ zu werden, weil subjektive Erwartungen unerfüllt bleiben. Der Selbstoptimierungsdrang macht einen nicht zu einem besseren oder interessanteren Menschen, sondern zum modernen Sisyphos, der diese alltägliche Absurdität verinnerlicht hat.

In diesem Dickicht der Uneindeutigkeiten, in dem sich jeder ständig neu erfinden soll und alles erstmal als „fake“ betrachtet werden muss, ist Authentizität zu einer Chiffre für Beständigkeit und Wahrheit geworden. Dabei ist sie selbst kein objektiver Wert, sondern ebenfalls bloß subjektive und willkürliche Wahrnehmung. Trotzdem wird sie herangezogen, um in der digitalen (Selbst-)Betrugsmaschine das Wahre vom Inszenierten zu unterscheiden. Authentisch ist, wer sich so selbst offenbart, dass es den Erwartungen des Publikums entspricht. Dieses ist eben nicht perfekt, sondern höchstens als perfekt inszeniert – und selbst das immer weniger.

Der Trend geht mehr zum persönlichen Makel

Max Tholl

Der makellose Körper hat auf Instagram längst ausgedient. Der Trend geht vielmehr hin zum persönlichen Makel, der dann als authentisches Selbst vermarktet wird. Körperdetails abseits des Schönheitsideals, aber auch innere Unsicherheiten und Probleme stehen längst in der Aufmerksamkeitsvitrine vieler Influencer:innen.

Kürzlich postete Leni Klum, die 16-jährige Tochter von Model und TV-Moderatorin Heidi Klum, ein Foto ihrer Hautunreinheiten, um zu zeigen, wie normal solche sind. Prompt gab es reichlich Beifall dafür, dass sich hier jemand mutig von seiner echten, natürlichen Seite entblöße. Solche filterlosen Bilder oder sogenannter „Real Talk“, in dem etwa über mentale Erkrankungen oder andere gesellschaftliche Tabus gesprochen wird, sind keine Seltenheit mehr und können dabei helfen das allzu Menschliche zu entstigmatisieren.

Doch traut man der vermeintlich guten Absicht? Geht es hier tatsächlich darum, gegen die Inszenierung des Perfekten anzuposten, oder hat sich einfach gezeigt, dass das Unperfekte sich als Rebellion des Realen besser vermarkten lässt?

Die Unklarheit darüber lässt einen in einer Zwischenwelt aus Authentizitätssucht und -misstrauen zurück, in der kaum noch zwischen Persönlichem und Performance zu unterscheiden ist.

In diesem Spannungsfeld ist es schwierig geworden, das „reale“ Ich von seiner medialen Darstellung zu trennen. In einem sehr persönlichen Essay für das „New York Magazine“ beschrieb die bekannte US-amerikanische Bloggerin und Autorin Tavi Gevinson 2019, wie die Selbstdefinierung mittels Instagram zu ihrem Standard-Modus wurde und sie ihr „teilbares Ich“ als das authentischere definierte und dem alle inneren Gedanken und Tendenzen unterordnete. „Nach all den Jahren“, so Gevinson, „scheitere ich immer noch daran, so viele Realitäten schnell und akkurat auf einmal zu managen.“

Die Harmonisierung der digitalen Selbstdarstellung und der Offline-Realität ist nicht etwa so schwer, weil diese sich zwingend unterscheiden, sondern vielmehr, weil das inszenierte Ich ein Destillat unserer vielen verschiedenen Persönlichkeitsentwürfe ist. Und auch zu dem Fokus auf das äußere Erscheinungsbild – was will ich darstellen –, gehört in der Regel die Reflexion des inneren Selbstbilds: Entspricht mir das? Es gibt da keine klaren Grenzen, es gibt viel eher Überlappungen.

Realität ist immer eine Vermittlung - sie war nie ungefiltert

Der Social-Media-Theoretiker Nathan Jurgenson argumentiert, dass das Narrativ, dass alles, was wir online zu sehen bekommen, ohnehin gefälscht oder verzerrt sei, vor allem bestätigen solle, dass im Umkehrschluss alles andere echt und wahr sein müsse. Dabei sei unsere Realität immer schon eine vermittelte gewesen, in der es keine ungefilterte Reinheit gebe. Jia Tolentino schließt sich dem Urteil an. Selbst wenn man sich den Bühnen des Internets entziehe, lebe man immer noch in einer Welt, die von diesen geprägt sei, schreibt sie in „Trick Mirror“.

Vielleicht ist es die größte Illusion des digitalen Spiegelkabinetts, uns glauben zu lassen, in der Welt abseits der Bildschirme sei es jederzeit möglich, eine glassaubere Linie zwischen „Fake“ und „Real“ zu ziehen. Dabei ist sie so verschwommen wie mein Spiegelbild in meinem Badezimmer.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false