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Landschaft und Natur sowie Artenvielfalt wollen die Deutschen unbedingt erhalten – aber wie?

© imago images/Shotshop

Tagesspiegel Plus

Wie Klimapolitik funktionieren könnte: Die Menschen wollen mehr Gesetze, nicht mehr Eigeninitiative

Fünf Handlungsempfehlungen, wie Klimaschutz die Gesellschaft einen statt spalten kann. Ein Gastbeitrag.

Von
  • Jérémie Gagné
  • Laura-Kristine Krause

Das Klima ist aus der öffentlichen Debatte in Deutschland nicht mehr wegzudenken, und das jenseits der Umfragewerte der Grünen. Doch gerade deshalb stellt sich bei einer umfassenden Herausforderung wie dem Klimaschutz die Frage, wie sie gesamtgesellschaftlich gelingen kann, ohne dass das Miteinander auf der Strecke bleibt.

Seit 2019 forschen wir zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und stützen uns dabei auf das Modell von sechs gesellschaftlichen Typen, die wir in unserer Studie „Die andere deutsche Teilung“ identifiziert haben: die Offenen, die Involvierten, die Etablierten, die Pragmatischen, die Enttäuschten und die Wütenden. Sie alle haben aufgrund ihrer Werte und Grundüberzeugungen eigene Perspektiven und Prioritäten – beispielsweise bei politischen Themen.

Politisches Handeln ist nicht nur nötig, um das Klima zu schützen, sondern auch, um den Zusammenhalt zu sichern. 

Laura-Kristine Krause und Jérémie Gagné

Wir wollten wissen: Wie stehen unterschiedliche Menschen zum Klimawandel? Was treibt sie dabei um? Wen sehen sie in der Pflicht, wo werden sie selbst aktiv? Dafür haben wir mit dem Meinungsforschungsinstitut Kantar über 2000 Personen zu ihren Einstellungen rund um das Thema befragt.

1. Die Menschen nehmen den Klimawandel ernst – wegen der Natur

Drei Dürresommer in Folge haben Spuren hinterlassen. 65 Prozent der Menschen sagen, dass die Folgen des Klimawandels bereits im Land spürbar sind, weitere zwölf Prozent erwarten das für die kommenden zehn Jahre. Nur drei Prozent glauben, dass es keine spürbaren Folgen geben wird. 80 Prozent sagen, dass sie sich Sorgen über den Klimawandel machen.

Dabei geht es den Menschen weniger um das persönliche oder nationale Wohlergehen, sondern vor allem um die Natur. Die größten Sorgen beziehen sich auf die Artenvielfalt, die Landschaft und die Meere. Diese Einschätzung teilen alle gesellschaftlichen Typen, egal ob sie eher progressiv oder konservativ geprägt sind.

Die Artenvielfalt liegt den Deutschen am Herzen, hier Kraniche im Flug.
Die Artenvielfalt liegt den Deutschen am Herzen, hier Kraniche im Flug.

© dpa / Jens Büttner/dpa

Die Politik in Deutschland hat es also mit einer Bevölkerung zu tun, die ganz überwiegend das Problem anerkennt: Das „Ob“ scheint geklärt. Doch ganz anders sieht es mit dem „Wie“ aus, also damit, wie das Thema diskutiert und angepackt werden kann.

2. Die Menschen empfinden die Klimadebatte als spaltend

80 Prozent empfinden die öffentliche Klimadebatte derzeit als spaltend. Im privaten Gespräch vermeiden viele Menschen das Thema eher. Auch mit Blick auf die Klimabewegung fühlen sich nicht alle wohl: Zwar teilen 68 Prozent deren grundsätzliche Anliegen, in manchen Segmenten sieht aber fast jede Zweite dort keinen Platz für sich selbst.

Außerdem ist die Kernemotion vieler gegenüber dem Klimawandel vor allem Hilflosigkeit (45 Prozent), gefolgt von Enttäuschung (31 Prozent) und Wut (27 Prozent). Mit verbindenden, handlungstreibenden Emotionen ist das Thema im gesellschaftlichen Empfinden bisher eher nicht verbunden.

3. Deutschland steckt im Kooperationsdilemma

Die Bürgerinnen und Bürger befinden sich in einer Zwickmühle. Zwar glauben 76 Prozent, dass sie mit ihrem persönlichen Verhalten einen Unterschied beim Klimaschutz machen können. Sobald es jedoch um andere geht, fällt das Urteil deutlich schlechter aus: 70 Prozent sagen, die meisten Menschen nehmen den Klimawandel nicht ernst genug, weshalb 84 Prozent auch glauben, genauso viel oder sogar mehr für Klimaschutz zu tun als die jeweils anderen.

Der Eindruck, in „Vorleistung“ zu gehen, lähmt schlimmstenfalls.

Laura-Kristine Krause und Jérémie Gagné

Hier liegt die Krux: Die Menschen sind nur dann bereit, selbst einen wachsenden Beitrag zu erbringen, wenn sie spüren, dass andere mitziehen. Der Eindruck, auf eigene Faust in „Vorleistung“ gehen zu müssen, lähmt schlimmstenfalls.

4. Individualisierung des Themas birgt Sprengkraft

Vor allem die Individualisierung des Themas macht den Menschen zu schaffen. Das Gefühl, vorrangig mit der eigenen Konsumweise auf ein so großes Problem einwirken zu müssen, überfordert viele – und löst Gegenreaktionen aus.

Vor allem, wenn man das Gefühl hat, dass andere gesellschaftliche Akteure keinen vergleichbaren Einsatz bringen müssen. 70 Prozent der Befragten sagen, dass die Wirtschaft zu wenig tut. Alle Typen sagen mehrheitlich, dass es nichts bringt, „als Privatperson das Klima zu schützen, solange große Unternehmen weiter verschmutzen“.

Mancher mag denken, dass Menschen es sich zu einfach machen, wenn sie zuerst auf die Umstände und andere zeigen. Andersherum zeigt sich hierin aber auch Gegenwehr gegen das beispielsweise auch vom Ölmulti BP geförderte Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“, das Verschmutzung auf das Individuum herunterrechnet: Die Menschen reagieren empfindlich, wenn ihnen gefühlt Verantwortungslast von jenen weitergereicht wird, die selbst an den Hebeln sitzen. Weniger als um individuelle geht es ihnen um gesellschaftliche Weichenstellungen.

5. Die Politik muss den gesellschaftlichen Rahmen gestalten – und das verbindlich

Unsere Ergebnisse zeigen: Es besteht der Wunsch nach entschiedenerem und planvollerem politischen Handeln. 68 Prozent halten die bisherige Klimapolitik für planlos. Überraschend dabei: 66 Prozent befürworten sogar mehr Vorschriften und Regeln, damit alle genug für den Klimaschutz tun.

Wo es den einen schlicht darum geht, dass auch die anderen mitziehen müssen, wünschen sich andere eine Entlastung: Vorschriften sind zwar grundsätzlich unbeliebt, nähren aber die Hoffnung, nicht ständig privat den Klimawandel mitdenken zu müssen.

Was kann man nun aus anderen Politikbereichen für die Klimadebatte lernen? Es gibt also einen Konsens in der Klimadebatte – vor allem in der Problemdiagnose und in der Erwartung, dass Klimaschutz verbindlicher und fairer gestaltet wird.

Für politische Akteure ist das trotzdem keine einfache Ausgangslage. Denn es ist das Nebeneinander von grundsätzlichem Handlungswillen, Überforderungsgefühlen, Kooperationsdilemmata und der Angst vor relativer Benachteiligung, das für Reibung in der Gesellschaft sorgt. Politisches Handeln ist nicht nur nötig, um das Klima zu schützen, sondern auch, um den Zusammenhalt zu sichern.

Abhilfe könnte ein neuer Umgang mit Klimapolitik bringen – und zwar stärker nach dem Modell „herkömmlicher“ Politikbereiche wie etwa der Sozial- oder Infrastrukturpolitik. Für letztere gilt es als selbstverständlich, dass das Gemeinwesen einen Rahmen setzt, Güter schafft und Beiträge bestimmt, und nicht auf Privatentscheidungen verweist.

Ein solcher gemeinschaftlicher Fokus würde auch in der Klimapolitik dem Zusammenhalt nützen, wenn es gut gemacht ist. Angesichts der Bedeutung, die die Menschen dem Thema Klima zurechnen, wäre es hingegen falsch, die Einzelnen gegeneinander auszuspielen.

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