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Wolfgang Schumann

© privat

Nachruf auf Wolfgang Schumann: „So, jetzt bin ich wieder normal“

Ein vernünftiger Mensch, eigentlich. Nur wenn er anderen beim Ballspiel zusah, geriet er öfter außer sich

Stand:

Sie muss ja nicht gleich brennen, die Schule. Doch ein kleiner Rohrbruch oder Schnee, der vom Dach rutscht, würden schon ausreichen, um die Schüler glücklich zu machen. Wenn aber, im wunderschönen Monat Mai, als die Sonne nur mild die Luft erwärmte, der Schulleiter persönlich um halb zwölf Hitzefrei gab, staunten alle. Wer dann, kurz nach halb zwölf, noch einmal aus dem Fenster schaute, konnte zwei Männer beobachten, die raschen Schrittes das Schulgelände verließen. Einer von ihnen der Schulleiter selbst, Wolfgang Schumann, der andere ein Kollege.

Warum die Eile? Weil in Kürze Steffi Graf im Grunewald bei den „German Open“ spielen würde. Und Wolfgang und der Kollege hatten Karten ergattert.

Wolfgang war ein Tennisnarr, so wie er ein Sportnarr im Allgemeinen war. Sport hatte schon immer einen herausragenden Platz in seinem Leben eingenommen, von früh an, als er selbst noch Schüler war, am Canisius-Kolleg, unter seinem Sportlehrer und späteren Präsidenten des Deutschen Sportbundes Manfred von Richthofen, dem Neffen des Jagdfliegers mit gleichem Namen.

Der Sportlehrer sah, wie talentiert Wolfgang mit dem Fußball umging und redete ihm zu, die Sache professionell anzugehen. Aber irgendetwas mit Wolfgangs Knie stimmte nicht, es murrte und pochte und verhinderte die Fußballerkarriere.

Tischtennis im Kunstsaal

Was ihn keineswegs hinderte, sich körperlich weiter zu betätigen. Mit kleineren Bällen zum Beispiel. Tischtennisbällen. Manchmal, nach der sechsten oder siebten Stunde, schob er zusammen mit einigen Kollegen der Nikolaus-August-Otto-Oberschule, heute Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule, eine Tischtennisplatte in den riesigen Kunstsaal oben im Schulgebäude, um ein paar Partien zu spielen.

Normalerweise nahm er die Kelle in die linke Hand, obwohl er mit der rechten schrieb (er gehörte zu den Linkshändern, denen die Linkshändigkeit während der Kindheit ausgetrieben wurde); hier jedoch, im Angesicht der deutlich schwächeren Gegner, wechselte er zur rechten, damit jene nicht sofort die Lust verloren.

Trieb er nicht selbst Sport, schaute er anderen beim Sportmachen zu. Mit Vorliebe den Fußballern von Werder Bremen.

Während des Zuschauens wurde er ein vollkommen anderer Mensch. Aus dem überaus freundlichen, nie polarisierenden Mann wurde einer, dem die Kontrolle zu entgleiten schien. Die Wolfsburgreise zum Beispiel: Wolfgang und ein Freund saßen im Stadion, unten in der dritten Reihe, und Wolfgang geriet über eine Schiedsrichterentscheidung so außer sich, dass der Freund ihn zweimal fest packen musste, damit er nicht aufs Spielfeld rannte, um dem Fehlentscheider seine Meinung ins Gesicht zu brüllen. Die gutmütigen Niedersachsen ringsherum verstanden die ganze Aufregung nicht. Als Wolfgang sich halbwegs gefangen hatte, fragte der Freund: „Hast du deine Blutdrucktabletten genommen?“

Derselbe Freund, ein anderer Ort, das Olympiastadion in Berlin. Werder Bremen spielte gegen Hertha. Der Freund ist Hertha-Fan. Ein Elfmeter wurde für Hertha gegeben. Eine Unverschämtheit! Wolfgang platzte fast. Dann flog der Ball ins Tor, und Wolfgang sprach mit dem Freund kein einziges Wort mehr. Für eine halbe Stunde.

Ähnliche Szenen beim Eishockey oder Basketball. Ein Kollege weigerte sich irgendwann, noch ein weiteres Mal mit Wolfgang zu einem Spiel zu gehen, weil der ihm in Rage einen dieser Pappfächer, die dazu gedacht sind, Lärm zu erzeugen, auf den Kopf geschlagen hatte.

Am Ende eines Spiels, außerhalb von Stadion oder Halle, lächelte Wolfgang milde und sagte: „So, jetzt bin ich wieder normal.“

Was können sie denn noch?

Vielleicht wäre er gern Sportlehrer geworden. Vielleicht hatte ihm das Knie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er studierte Geografie auf Lehramt. Der Rektor der Hauptschule, an der er als Lehrer anfing, fragte ihn: Was können sie denn noch? Deutsch, Geschichte und Mathe, sagte er und unterrichtete dann auch diese Fächer. Mathe war sein Steckenpferd, allerlei Rechenoperationen, Zahlen im Allgemeinen. Welchen Platz belegte Rosi Mittermaier beim Weltcup 1974/75? – Den dritten. Zack. Wie oft gewann Ivan Lendl die Australien Open? – Zwei Mal, ist doch klar!

Seinen Schülern gefiel das. Ein Lehrer, der ihnen nicht uralt vorkam (am Anfang lagen auch nur zehn, zwölf Jahre zwischen ihnen), der wusste, welche Musik gehört wurde, welche Kleidung cool war. Und manche von ihnen erinnern sich noch 50 Jahre später an ihn: „Er ließ den langweiligsten Geschichtsstoff wie ein Abenteuer erscheinen.“ – „Schumi, mein Motivator.“ – „Besonders geschätzt habe ich an ihm, dass er uns respektvoll und nie von oben herab behandelt hat!“

Keine Selbstverständlichkeit für Hauptschüler, denen so oft anhaftet, sie seien nicht die Hellsten und würden es ohnehin nicht sehr weit bringen. Ein Skandal für Wolfgang.

Alle akzeptierten, was er sagte. Seine Lehrerkonferenzen waren die einzigen, auf denen es nicht turbulent zuging.

Hin und wieder konnte man ihn in der großen Pause bei einer Runde Offiziersskat entdecken. Skat, auch die richtige Variante, beherrschte er ebenso ausgezeichnet wie Schach. Und, Spieler durch und durch, nahm er an Fußballwetten teil. Zu Beginn der Saison legte man sich fest, welcher Bundesligist auf welchem Platz landen würde. Zum Ende der Saison gab es dann ein „Tipperfest“, der Erste erhielt einen kleinen Pokal, der Letzte eine Zitrone, Wolfgang moderierte. Ohnehin ließ er kaum eine Geselligkeit aus, Geburtstage, Jubiläen, auf denen alle immer auf seine launigen Reden warteten.

Seit 1975, immer freitags um halb elf, man konnte die Uhr danach stellen, rief er bei einem Freund an. Jeder der beiden tippte auf die Spiele der ersten und zweiten Bundesliga. Sie setzten kein Geld, der Verlierer lud den Gewinner in ein Restaurant ein. Am 31. Oktober um halb elf klingelte wie immer das Telefon, am 7. November blieb es still.

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