50 Jahre Bundeskanzler Willy Brandt : Maas nennt SPD-Vorsitz „eine Verlockung“

Heiko Maas gilt als möglicher Kandidat für den SPD-Vorsitz. Im Interview mit dem Tagesspiegel kritisiert er, dass Politiker manchmal „zu anspruchslos“ seien. 

Außenminister Heiko Maas im Interview mit Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff.
Außenminister Heiko Maas im Interview mit Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff.Foto: Atila Altun

Das Amt des SPD-Vorsitzenden stellt für Außenminister Heiko Maas „eine Verlockung“ dar. Dies gelte für jeden SPD-Spitzenpolitiker, der nicht lüge oder am falschen Platz sei, sagte Maas dem Tagesspiegel in einem Video-Interview zum 50. Jubiläum der Kanzlerwahl Willy Brandts. Brandt war auch 23 Jahre Parteichef der Sozialdemokraten.

„Da ich nicht lügen will und da ich auch nicht am falschen Platz bin, würde ich immer sagen: Natürlich ist es eine Verlockung“, sagte Maas. „Trotzdem würde ich nicht jedem empfehlen, der das als Verlockung empfindet, danach zu streben.“ Maas gilt als ein möglicher weiterer Kandidat für den SPD-Vorsitz, für den die Meldefrist am 1. September endet.

Seiner Partei empfiehlt Maas ein klares Bekenntnis zum Thema Leistungsgerechtigkeit. Das Wohlstandsversprechen der SPD habe immer darin bestanden, „dass man für die Leistung, die man erbringt, auch angemessen entlohnt oder vergütet wird.

Sich einer solchen Entwicklung zu verschreiben, ohne aber nicht auch zu sagen, dass das auch Leistung von jedem Einzelnen verlangt und abverlangt, halte ich für falsch.“ Deshalb sei ihm „der Umgang mit dem Wort Leistung in Teilen der Sozialdemokratie viel zu defensiv“.

Außenminister Maas plädiert außerdem dafür, dass Politiker sich Willy Brandt zum Vorbild nehmen und mutiger sein sollten. Maas kritisierte, dass Politiker heute manchmal „zu anspruchslos“ seien. Eine Figur wie Willy Brandt, die in der historischen Rückschau vielleicht etwas übermächtig sei, sei von daher „kein schlechter Maßstab“.

Maas über die Verdienste Willy Brandts:

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50 Jahre Bundeskanzler Willy Brandt
50 Jahre Bundeskanzler Willy Brandt

Willy Brandt habe sich beispielsweise bei seiner Ostpolitik durch Kritik nicht vom Weg abbringen lassen. Er habe Dinge getan, die nicht von Anfang an mehrheitsfähig waren, sondern habe um diese Mehrheitsfähigkeit gekämpft, betonte Maas. „Das gibt es heute vielleicht zu wenig, zu wenig Mut.“ Im Gegenteil: „Heute neigt die Politik manchmal dazu, Umfragen zu machen und nach den Umfragen ihre Positionen zu bestimmen.“

Maas fordert mehr osteuropäische Initiativen

Außenminister Heiko Maas fordert zudem mehr osteuropäische Initiativen Deutschlands. Im Moment drohe die Spaltung der Europäischen Union in Ost und West, warnt Maas in dem Videointerview. Ausgehend von der Ostpolitik des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt sagte Maas: „Mehr Initiativen mit Blick auf unsere osteuropäischen Nachbarn ist nicht nur für Deutschland historisch wichtig, sondern es ist auch für die Zukunft der Europäischen Union existenziell.“

Er fügte hinzu: „Deutschland kann die Brücke innerhalb der EU sein. Und das ist eine Rolle, die wir auch ausfüllen müssen.“ Dabei müsse berücksichtigt werden, dass die osteuropäischen Nachbarn heute „das gegenteilige Verhältnis zu Russland haben wie damals zur Sowjetunion“.

Brandt hat nach Ansicht von Maas „mehr als jeder andere“ das Vertrauen des Auslands in Deutschland wieder möglich gemacht. Der Außenminister betonte: „Die wichtigste Währung der Außenpolitik ist Vertrauen. Ohne Vertrauen kann man nichts bewegen“.

Grafik: Tagesspiegel

Das Videointerview mit Heiko Maas ist Teil einer Reihe zum 50. Jahrestag der Kanzlerwahl Willy Brandts, die der Tagesspiegel in Zusammenarbeit mit der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung veröffentlicht.

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