Aktion "Deutschland spricht" : Für die Demokratie diskutieren, streiten, zuhören

Es ist zunächst nur eine Laborsituation: Menschen sollen miteinander sprechen, um herauszufinden, warum wir genau das nicht mehr können. Ein Kommentar.

Versuch einer Verständigung. Nach den Ereignissen in Chemnitz lud Bürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) zu einem Bürgerdialog.
Versuch einer Verständigung. Nach den Ereignissen in Chemnitz lud Bürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) zu einem Bürgerdialog.Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Die Allzweckwaffe jedes Paartherapeuten ist der Satz: „Reden sie miteinander!“ Doch kann ein Rat, der vielleicht einem entzweiten Paar hilft, auch für Millionen gelten? Gar eine gesamte Gesellschaft versöhnen?

Der Ton ist hierzulande in den vergangenen Jahren ruppiger geworden, unversöhnlicher. In einer zerrissenen Öffentlichkeit mit separierten Filterblasen wollen sich viele häufig nur noch des eigenen Standpunktes vergewissern.

Daher gehört Mut dazu, am Projekt „Deutschland spricht“ teilzunehmen. Auf Initiative von Zeit Online haben sich mehrere deutsche Medien, darunter auch der Tagesspiegel, zusammengeschlossen, um Menschen verschiedener politischer Ansichten an einen Tisch zu bringen, buchstäblich. Unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werden heute Zehntausende diskutieren, streiten – und einander zuhören.

Geburtstagsgeschenk für Jürgen Habermas

Fast wirkt es wie ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk für Jürgen Habermas, der in wenigen Monaten 90 Jahre alt wird. Keiner betont die Kraft der Kommunikation als „Versöhnung der mit sich selber zerfallenden Moderne“ stärker als er. Der Austausch über Werte, Ziele, Normen und Tatsachen bildet Habermas zufolge eine Ressource der gesellschaftlichen Integration. Denn jedem kommunikativen Akt liege ein gewisses Einverständnis zugrunde: Verständigung auf Basis von Freiwilligkeit und Gleichberechtigung sei somit auch Quelle der Vernunft.

Ja, „Deutschland spricht“ schafft zunächst nur eine Laborsituation, damit sich Menschen auf Augenhöhe begegnen und austauschen können, die sich sonst wahrscheinlich nie getroffen hätten. Wenn aber alle Teilnehmer die im Labor gesammelten Erfahrungen mit in die Realität nehmen, könnte sich die Gesprächs- und Debattenkultur hierzulande tatsächlich wieder verbessern.

Der Diskurs darf nicht verstummen

Der Mensch, zumal in einer demokratischen Gesellschaft, lebt in der sprachlichen Auseinandersetzung, reflektiert sich in und durch sie, reift an ihr. Schweigt er, steht seine Geschichte still. Wenn kritische Geister streiten, Normen und Autoritäten hinterfragen, ist Fortschritt möglich. Widerspruch untereinander ist der Garant dafür, dass eine Gesellschaft in Bewegung bleibt. Zumal in dieser Zeit, in der zynische Angriffe auf die sogenannte formale Demokratie deren weitere Schwächung zur Folge haben können. Die zunehmende Verbreitung von Angstparolen soll ja erkennbar dazu führen, dass der Diskurs verstummt. Das darf nicht passieren.

Das direkte Gespräch mit seinem Gegenüber, mag der auch völlig anderer Meinung sein, hat deswegen einen Wert an sich. Wer in einer solchen Situation Verständnis erfahren durfte, ist in anderen Situationen auch in der Lage, Empathie zu schenken. Belohnt mit dem Zauber des gelingenden Aufeinandertreffens wird nur, wer sich der Begegnung trotz eines ungewissen Ausgangs überantwortet. Ohne belehrendes Gebaren, ohne stures Beharren auf Standpunkten. Wer diskutiert, muss sich aus dem Schneckenhaus des eigenen Selbst wagen, sich verletzlich zeigen.

Nein, das Gespräch ist kein Allheilmittel. Es kann keine hinreichende Bedingung für das Gelingen einer Gesellschaft sein. Es ist aber eine notwendige Voraussetzung. Also: Sprechen wir miteinander, selbst wenn es erstmal nur darum geht, herauszufinden, warum wir nicht mehr miteinander sprechen können.

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