Amnesty International : Unmenschliche Menschenrechtler

Mobbing, Stress und Rücksichtslosigkeit bestimmen das Arbeitsklima bei Amnesty International. Sieben Führungskräfte bieten ihren Rücktritt an.

Mitarbeiter und Aktivisten von Amnesty im Einsatz für mehr Gerechtigkeit, wie hier auf einer Demonstration gegen das niedersächsische Polizeigesetz - aber auch innerhalb der NGO gibt es unhaltbare Zustände.
Mitarbeiter und Aktivisten von Amnesty im Einsatz für mehr Gerechtigkeit, wie hier auf einer Demonstration gegen das...Foto: imago/Jannis Große

„Es war nicht unsere Absicht, andere zu verletzen, aber wir müssen leider eingestehen, dass das passiert ist.“ In einem Brief an den Generalsekretär von Amnesty International, Kumi Naidoo, räumen die sieben leitenden Chefs der Menschenrechtsorganisation ein, es gebe intern „ein Klima der Spannungen und des Misstrauens“. Alle sieben bieten den Rücktritt von ihren Ämtern an.

Zu den Unterzeichnern gehören die Managerin der Abteilung für Ermittlungen, Anna Neistat und Thomas Schultz-Jagow, Direktor für Kampagnen und Kommunikation, sowie die Zuständigen für Fundraising, Recht, Policy und für das Generalsekretariat. Es handelt sich um die gesamte Spitze der 1961 in London gegründeten, weltweit tätigen Organisation, bekannt durch Kampagnen für Menschenrechte und Lobbyarbeit für politische Häftlinge. Die Führung zieht die Konsequenz aus einem detaillierten Report, der Amnesty International ein „toxisches Arbeitsklima“ diagnostiziert. Einzig der 2018 neu bestellte Generalsekretär Kumi Naidoo, zuvor Leiter von Greenpeace International, will auf seinem Posten bleiben.

Die Organisation will Aufklärung

Ausgerechnet unter den berühmten Menschenrechtlern soll seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, Mobbing, Stress und Rücksichtslosigkeit geherrscht haben. 2018, während einer Phase der Umstrukturierung der Organisation, gab es zwei Suizide. Gaëtan Mootoo, der 30 Jahre bei Amnesty gearbeitet hatte, nahm sich am 25. Mai im Pariser Büro der Französischen Sektion das Leben.

Er hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem von unerträglichem Arbeitsdruck die Rede gewesen sein soll. Am 1. Juli brachte sich die engagierte, 28 Jahre alte Amnesty-Praktikantin Rosalind McGregor im Haus ihrer Familie in London um. Untersuchungen ihres Falls ergaben keinen direkten Zusammenhang mit Stress bei Amnesty International.

Doch die Organisation wollte Aufklärung. Sie beauftragte die internationale, hoch spezialisierte Beratungsgesellschaft KonTerra Group mit der umfassenden Evaluation der Arbeitsverhältnisse. Ihren Bericht legten die Verfasser am 31. Januar 2019 unter dem Titel „Amnesty International: Staff Wellbeing Review“ vor, der ist öffentlich einsehbar.

Eingangs warnt der Bericht die Betroffenen vor, die Lektüre könne schmerzhaft sein. Ausgewertet worden waren Fragebögen von 475 der 680 Mitarbeitenden der internationalen Abteilung, drei Viertel davon Frauen. Mit siebzig der Beschäftigten wurden Interviews geführt, unter anderem in England, Frankreich, Hongkong, Kenia, im Senegal, im Libanon, in Mexiko, Myanmar, Peru und den USA. Etwa ein Dutzend der Befragten waren frühere Angestellte.

Schonungslos hält der Report schwere Versäumnisse und unhaltbare Zustände fest: „The overall system is broken“, das Gesamtsystem sei kaputt, heißt es. Bereits während ihrer Recherche empfahlen die Verfasser des Reports für einige der Interviewten Maßnahmen zur psychologischen Sofortintervention. Zitiert werden Aussagen wie diese: „Es gibt bei uns eine ’Märtyrer-Kultur’, die Leute dazu treibt, ihr Wohlbefinden der enormen Bedeutung der Arbeit zu opfern“. Führungskräfte sollen Angestellte herabsetzend behandelt, beschimpft und bedroht haben, es soll Bemerkungen gegeben haben wie „Du bist Scheiße!“, „Du solltest kündigen!“, „Dir wird es hier schlecht gehen, wenn du bleibst“. Wieder und wieder sei in den Interviews mit Beschäftigten der Begriff „toxisch“ gefallen, um ein Arbeitsklima aus Machtmissbrauch, Mobbing und Misstrauen zu schildern, das bis in die 1990er Jahre zurückreichen soll.

Mehrere Faktoren verantwortlich

Mehrere Faktoren sind laut Report für die Missstände verantwortlich. Dazu zählt auch die für Arbeit wie bei Amnesty typische sekundäre Traumatisierung. Wer sich dauerhaft mit Kampagnen zu politisch Inhaftierten, Gewalt und Folter befasst, wird unweigerlich psychisch von der Thematik beeinträchtigt. Ein Echo der Gewaltverhältnisse hallt in die Arbeit derer wider, die gegen diese Gewalt angehen. Ausschlaggebend für die aktuellen Zustände sei jedoch, so der Bericht, vor allem die globale Umstrukturierung. Hunderte der Leute im Londoner Hauptbüro sollten ihre Arbeitsplätze an die Orte der Recherche selber verlegen, nach Asien, Afrika oder Lateinamerika. Dabei entstand offenbar ein dauernder Ausnahmezustand aus Überlastung, Postengeschacher, Begünstigungen, Benachteiligungen, mangelnder interner Kommunikation und fehlender Supervision, eine „spaltende Dynamik“. Schuldzuweisungen und ein grober Ton sollen zum Alltag gehören.

Dringend empfiehlt der Report, das Management besser zu schulen, eine Kultur des Feedbacks und der gegenseitigen Information zu stärken, und Führung wie Belegschaft professionell für die psychischen Implikationen ihrer Arbeit zu sensibilisieren. Die Mehrzahl der Interviewten identifiziert sich weiterhin mit der Arbeit bei Amnesty. So sagte eine Person im Interview: „Wir wurden schlecht behandelt und wir wollen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber wir wollen den Ruf der Organisation nicht schädigen und ihre Arbeit nicht unterminieren.“

Vor Generalsekretär Kumi Naidoo liegt allem Anschein nach ein anstrengender Weg. Er hat nach seiner Aussage noch nicht entschieden, ob er jedes der Rücktrittsangebote annimmt. Bis Ende März will Naidoo einen Plan zur Reform der Organisation vorlegen, schrieb er in einer öffentlichen Stellungnahme.

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