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Die ukrainische Armee und Separatisten liefern sich blutige Gefechte in der Gegend von Donezk. Am 8. August heißt es von offizieller Seite, innerhalb von 24 Stunden seien 19 Menschen getötet worden.

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Von der Ritterschlacht zum Hybridkrieg: Auf in den Kampf!

In mittelalterlichen Ritterschlachten war ein Ziel, möglichst niemanden zu töten, denn Tote waren ein schlechtes Geschäft. Später verdrängte die Ideologie die Ökonomie als Kriegsräson. Und heute ist auf nichts mehr Verlass.

Von Robert Birnbaum

Der Krieg ist zurück in Europa. Nicht hier, nicht im Zentrum; doch von den Rändern rückt er an den Kontinent heran. Und die Ränder sind uns näher, als wir lange wahrhaben mochten. Seit eine Rakete ein Flugzeug zerfetzt hat, das zufällig über Kampfgebiet flog, sind mitten im alten, friedlichen Europa Kriegsopfer zu beklagen. Seit Wladimir Putins „grüne Männchen“ in der Ukraine ihr Unwesen treiben, grübeln Nato-Stäbe darüber nach, ob ihre Verteidigungspläne derlei „hybrider Kriegführung“ gewachsen wären, diesem Mischding aus Rambo-Guerilla und Hightech-Gefecht. Der Krieg hat sein hässliches Gesicht gewandelt, wieder einmal. Wahrscheinlich ist das seine einzige Konstante. Wer den Krieg im Zaum halten will, muss seine Mechanismen verstehen – also seinen Wandel.

Nun herrscht in diesem Jahr an historischer Nachhilfe kein Mangel. 100 Jahre Erster Weltkrieg – das Gedenkjahr zieht Kreise bis in die Heimatmuseen. Nie zuvor sind so viele Bilder zu sehen gewesen vom Schrecken der Schützengräben, vom Horror des Gaskriegs, von den ersten Panzern in den Kraterlandschaften Flanderns. Die Wissenschaft führt den Streit um Kriegsschuld und Verantwortung noch einmal neu.

Die ideale Ritterschlacht? Zeichnet sich aus durch Fairness und Edelmut

Warum aber dieser August 1914 und die vier Jahre danach so einzigartig waren, warum die Zeitgenossen erst verständnislos und dann entsetzt vor den Leichenfeldern standen, gerät leicht in den Hintergrund. Dabei steckt darin eine der wichtigsten Lehren aus der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts: Der Erste Weltkrieg ist geführt worden, weil die, die ihn führten, ihn so nicht für möglich hielten.

Am 27. Juli 1214 kommt es zwischen dem französischen König Philipp II. und dem Braunschweiger Otto IV. zur Schlacht, die als "Sonntag von Bouvines" berühmt wird.

© akg-images / British Library

Die Blindheit hat erstaunlich viel zu tun mit einem Ereignis, das sich ebenfalls gerade zum vollen Jahrhundert jährt, allerdings weitgehend unbemerkt. Am 27. Juli 1214 lieferte der französische König Philipp II. dem Braunschweiger Otto IV. bei der Ortschaft Bouvines eine Schlacht. Philipp gewann, mit nachhaltigen Folgen für die Ordnung Europas, doch das soll hier nicht interessieren. Der Sonntag von Bouvines gilt als eine der großen Schlachten der mittelalterlichen Ritterheit. 700 Jahre später lieferten sich Krieger wieder Schlachten auf der gleichen flandrischen Ebene. Durch ihre Köpfe spukte immer noch das Idealbild, das Jahrhunderte vorher entstand. Die Folgen waren fatal.

Das Ideal ist schnell beschrieben, weil die zentralen Begriffe uns heute noch begleiten: Der Kampf der Ritter zeichnet sich durch Fairness aus, durch Mut, durch Edelmut. Die Realität war weniger edel. Man bezahlte Söldnerhaufen, schmutzige Helfer, bewaffnet mit verächtlichem Gerät wie dem kurzen Messer, das sich heimtückisch zwischen Lücken in der Rüstung stechen ließ. Die Kirche tobte, die Auftraggeber hatten ein schlechtes Gewissen, trösteten sich aber mit dem uralten Argument, dass der Gegner es noch schlimmer treibe.

In der Schlacht von Bouvines von 1214 gab es genau sieben Tote

Fairness, Mut, Edelmut – die Ideale haben bis heute überdauert. Sie geistern durch unsere Debatte, ob Drohnen „unfaire“ Waffen sind, weil die Killermaschinen sich dem Kampf Mann gegen Mann verweigern. Sie prägen unsere Wahrnehmung von Kriegstechniken – Bombenanschlag und Hinterhalt gelten als feige.

1914 leitete diese alte Idee vom Krieg Mannschaften wie Generäle furchtbar in die Irre. Die einen zogen ins Gefecht mit dem Säbel an der Seite und dem ruhmreichen Zweikampf vor Augen; die anderen hielten Kühnheit für ein taugliches Mittel gegen Maschinengewehre. Erst als Hunderttausende sinnlos im Kugel- und Granatenhagel verbluteten, ging den letzten Generalstäblern auf, dass dies keine Zeit für Helden mehr war.

Bei genauerem Studium der Geschichte hätten sie es früher ahnen können. Denn die ritterlichen Ideale entstanden unter sehr speziellen Bedingungen. Die wichtigste ist so verblüffend wie einfach: Der Ritter des 13. Jahrhunderts wollte nicht töten. Der französische Historiker George Duby zitiert in seiner Analyse der Schlacht von Bouvines einen Chronisten, der bei einem ähnlichen Feldzug genau sieben Tote zählt. Zwei fielen im Kampf, die anderen waren Opfer tragischer Unfälle – einem schlug beim Plündern ein Truhendeckel auf den Kopf.

Der Krieg als Kräftemessen mit Regeln? Heute eine fast romantische Vorstellung

In der Schrift "Vom Kriege I" formuliert Carl von Clausewitz 1832 seinen berühmten Satz vom Krieg "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln".

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Einen Gegner zu töten, erschien aus mehreren Gründen als bedauerliche Panne. Erstens gab so was nur Scherereien mit der rachedurstigen Verwandtschaft. Zweitens galt die Schlacht, so wie der Zweikampf, als Gottesurteil: Ihr Ausgang bewies, wer recht gehabt hatte. Damit war der Krieg beendet und die Rechtfertigung entfallen, noch mehr Christenleben in Gefahr zu bringen. Vor allem aber war ein toter Ritter ein wertloser Ritter, ein Gefangener hingegen eine Art wandelnder Verrechnungsscheck: Er versprach ein schönes Lösegeld.

Die Schlacht des Hochmittelalters war ein Geschäft und zugleich das, was viel später der preußische Offizier Carl von Clausewitz als eine „Politik mit anderen Mitteln“ beschreiben sollte. Wenn es nicht anders ging, zogen die Geharnischten ins Feld. Aber ausgewachsene Schlachten waren selten; die meisten Probleme wurden auf dem Vertragsweg gelöst. Dass gleichzeitig ein Dauergeplänkel ritterlicher Streifzüge gegen die Kollegen in der Nachbarschaft das vormoderne Europa durchzog, steht dazu nur scheinbar im Widerspruch – da ging es um Beute, also das alltägliche Geschäft.

Plündern erlauben war eine billige Art, Kämpfer zu entlohnen

Für die, die wir heute Zivilisten nennen würden, waren diese Beutezüge trotzdem eine üble Plage, nur noch übertroffen von den umherschweifenden Söldnerhaufen. Bestenfalls fraßen die Bewaffneten nur die Vorräte weg, im Schlimmeren plünderten sie Haus und Hof und schändeten die Frauen.

Beides gehörte, so zynisch dies klingt, zur Ökonomie des Krieges. Fern der Heimat blieb dem Kämpfer zum Überleben nur, was das Land ihm bot. Und ein feindliches Gebiet zur Plünderung freizugeben, war der billigste Weg, die eigenen Leute zu entlohnen. Diese grausige Logistik sollte ihren Höhepunkt im Dreißigjährigen Krieg finden. Kriegsunternehmer vom Schlage eines Wallenstein machten die Vermietung von Kämpfern zum Geschäftsmodell. Aus dem furchtbaren Gemetzel erwuchs der moderne Nationalstaat und mit ihm das Völkerrecht, das den Krieg für die nächsten Jahrhunderte einzuhegen suchte. Dem staatlichen Gewaltmonopol entsprach das stehende Heer und die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten, das „Recht im Kriege“, das die Untertanen schützen sollte, und das „Recht zum Kriege“, das nur noch Staaten zugestanden wurde.

Nachdem am 6. und 9. August 1945 US-amerikanische Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fallen und hunderttausende Opfer fordern, gelten Atombomben als "unmögliche Waffen". Sie wurden seither nie wieder als Kriegsmittel eingesetzt.

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Das Modell bestimmt im Großen noch heute unser Bild und unsere Begriffe vom Krieg: ein Kräftemessen mit Regeln, die Reste von Menschlichkeit wahren sollen, eine symmetrische Auseinandersetzung. Hitlers „totaler Krieg“ war kein Gegenbeweis; er hat als Negativbeispiel das Prinzip der Verhältnismäßigkeit von Zweck und Mitteln eher bestärkt. Die Atombombe galt folgerichtig als „unmögliche Waffe“. Der drohende Weltuntergang schien den Krieg selbst an sein logisches Ende gebracht zu haben.

Er war es bekanntlich keineswegs. An den Rändern Europas tobte er wie nie zuvor, unter Mithilfe der Supermächte, die ihre Machtproben nicht mehr direkt austragen konnten. Zugleich änderte er wieder seine Form. Clausewitz kannte die Neuigkeit seinerzeit aus Spanien als den „kleinen Krieg“, sein aufmerksamer Leser Mao Tse-tung entwickelte die Skizze des preußischen Offiziers zur Theorie der Volksguerilla. In ihren Mitteln und Methoden steckte schon der nächste Schritt – das, was wir heute als „asymmetrische Kriegführung“ kennen, die Ermüdungs- und Nadelstichtaktik des technisch weit Unterlegenen gegen den gepanzerten Goliath.

Als die Ideologie in die Politik kam, wurden Kriege zu Abschlachtereien

Damit wäre im Groben alles beisammen, was man braucht, um in die Gegenwart zurückzukehren. Nur eins fehlt noch: Ideologie. Der Krieg galt im christlichen Abendland moralisch immer als Ausnahmezustand, der nach einer höheren Rechtfertigung verlangt. Schon Karl der Große zog ins wilde Germanien erklärtermaßen in der frommen Absicht, die Sachsen zu bekehren. Aber erst in der Neuzeit, nach den Jahrhunderten der Fürsten- und Kabinettskriege, nach dem Krieg als Mittel der Politik wurde er durch Zugabe von Ideologie zum entgrenzten Abschlachten. Erst der Kampf im Namen von Rasse und Vaterland, von Gott und Allah setzte die Regeln außer Kraft, die den Krieg hegen sollten. Vom Brand der Universitätsbibliothek von Leiden, den deutsche Landser im August 1914 legten, über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht auf dem Marsch nach Osten führt ein direkter Weg bis zum 11. September. Im terroristischen Extrem wird das zivile Opfer zum Ziel – sei es, um Schrecken beim Gegner zu verbreiten oder, in der besonders perfiden Form, um eine Gegenwehr zu provozieren, deren zivile Opfer man dann anklagend vor Kameras halten kann.

Wenn es einen Trend gibt, dann den zur Unübersichtlichkeit

Wann ist ein Krieg vorbei? Am 9. April 2003 erklärt George W. Bush den Sieg über Saddam Hussein, als dessen Statue in Bagdad stürzt. Ein Irrtum.

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Womit wir nun also wirklich in der Gegenwart angekommen wären. Was den Krieg angeht, bietet sie ein irritierendes Bild. Nie hatte er so viele Gesichter. Warlords in Afrika, gegen die Wallenstein ein Ehrenmann war. Massaker zwischen Volks- und Religionsgruppen. Atomgefahr von Nordkorea bis Nahost, asymmetrische Konflikte von Nahost bis Afghanistan. Nur der klassische Staatenkrieg macht gerade Pause nach dem Panzervorstoß, mit dem eine Koalition der Willigen seinerzeit Bagdad eroberte.

George Bush war übrigens auch kein guter Historiker. Der US-Präsident erklärte feierlich den Sieg, als die Hauptstadt des Feindes gefallen und, wenn schon nicht Saddam Hussein selbst, dann doch immerhin seine Statue gestürzt war. Im Mittelalter wäre der Zeitpunkt für die Siegesfeier der richtige gewesen. In der Gegenwart ging der Krieg nach der Invasion erst richtig los.

Ein klarer Trend lässt sich in alledem nicht leicht ausmachen. Wenn überhaupt einer, ist es der Trend zur Unübersichtlichkeit, zur Vermischung von Strategien, Waffen und Kämpfern ganz unterschiedlicher Art. Der Krieg von Staaten und Armeen wurde zur Ausnahme, aber auch neue Kategorien taugen oft nur noch kurze Zeit. Kaum hatten Strategen den asymmetrischen Konflikt als neue Hauptform ausgemacht, war auf die Asymmetrie auch kein Verlass mehr.

In der Ukraine ist der "Hybridkrieg" auf den Kopf gestellt

Im Libanonkrieg 2006 feuerte die Hisbollah einen Marschflugkörper auf ein israelisches Schnellboot. Die Israelis wurden völlig überrumpelt. Eine derart anspruchsvolle Waffe – in China entwickelt, im Iran umgebaut – hatte keiner bei den Religionskriegern erwartet. Dass die Attacke das Zeug hatte, eine neue Geschichte „hybrider Kriege“ einzuleiten, war aber sofort klar. Manche asymmetrischen Gegner sind für Überraschungen aus dem Arsenal hochmoderner Waffen gut.

Die irritierendste Anschauung dafür liefert die Ukraine. Was dort passiert, ist eine Art Hybridkrieg auf den Kopf gestellt. Nicht technisch unterlegene Kämpfer verschaffen sich Hightech-Waffen – umgekehrt, eine Großmacht verkleidet ihre Spezialeinheiten als einheimische Amateurkrieger. Die wirklichen Separatisten waren kaum mehr als die Staffage, hinter der die „grünen Männchen“ das Nachbarland überrannten.

Der Vorgang hat Züge einer strategischen Revolution. Denn der Trick beruht auf einem Zusammenspiel von Militärtaktik und politischer Psychologie, das deprimierend ausbaufähig erscheint. Er funktioniert nach dem Prinzip der kalkulierten Dreistigkeit. Eine russische Invasionsarmee wie in Tschetschenien hätten die Freunde der Ukraine kaum tatenlos hinnehmen können.

Der russische Präsident Wladimir Putin trieb die westlichen Gesellschaften mit seinen schrittweisen Grenzüberschreitungen vor sich her. Wie umgehen mit ihm?

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Aber Putin betreibt seine Grenzüberschreitung Schritt für Schritt, immer knapp unterhalb der Schmerzschwelle westeuropäischer Wohlstandsgesellschaften. Auch die westliche Diplomatie war überrumpelt – wie umgehen mit einem russischen Präsidenten, der Unschuldsmiene aufsetzte und mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker wedelte? Die List war plump – aber wirksam.

Was Wunder, dass sie in Litauen, Lettland, Estland nervös werden bei dem Anblick. Sicher, das Baltikum ist Nato-Gebiet. Gewiss, es gibt den Artikel 5 im Nato-Vertrag. Doch die Pflicht zum Beistand ist vage gehalten, von einer Pflicht zum eigenen Opfer steht da nichts. Sterben für Tallinn? In letzter Konsequenz die Atomkeule schwingen, bloß weil auch im Baltikum plötzlich selbst ernannte Retter einer russischen Minderheit den Drang heim ins Russenreich bekunden und irgendjemand grüne Männchen sieht?

Was kommt als Nächstes? Eine Großmacht, die sich als Terrorbande verkleidet?

Man möchte den Test auf westliche Standhaftigkeit lieber nicht erleben. Immerhin, so verrückt wirkt Wladimir Putin ja auch einstweilen nicht, dass er sich mit dem immer noch stärksten Militärbündnis der Welt anlegen würde statt mit einem wehrlosen, scheiternden Staat.

Trotzdem verändert die Methode Krim die Grundbedingungen des Friedens auf dem Kontinent. Die Invasion der grünen Männer hat gezeigt, dass der Krieg hier und heute wieder möglich ist – ein Krieg unterhalb der Atom-Schwelle, ein hässlicher kleiner konventioneller Krieg mit Panzern und Raketen und zugleich mit allen Tricks des Asymmetrischen.

Was kommt als Nächstes? Eine Großmacht, die sich als Terrorbande verkleidet? Nur dass sie keine Bomben schickt, sondern Cyber-Sprengsätze? Ach, das hatten wir vielleicht schon? Stimmt: Estland, 2007. Die Angreifer legten Computer lahm, Experten vermuteten einzelne russische Nationalisten. Oder waren das schon digitale grüne Männchen?

Der Krieg ist zurück in Europa. So wenig mit dem Fall der Mauer die Geschichte insgesamt endete, so wenig endet seine Geschichte. Man muss ihn nicht beschwören, aber vor ihm auf der Hut sein. Der Krieg hat mehr Gesichter denn je.

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