Bundeswehr : Selbstbewusst aus dem Afghanistan-Einsatz

Wissenschaftler haben den Einsatz von Bundeswehrsoldaten untersucht. Die Ergebnisse überraschen – viele Erfahrungen sind positiv.

Bundeswehrsoldaten im Einsatz in Kundus.
Bundeswehrsoldaten im Einsatz in Kundus.Foto: Fabrizio Bensch/REUTERS

Die Bundeswehr steht seit Dezember 2001 am Hindukusch. Mehr als 6300 Tage dauert der Krieg in Afghanistan schon – dreimal so lange wie der Zweite Weltkrieg. 55 deutsche Soldaten sind in dem Einsatz ums Leben gekommen, der Deutschland bisher mehr als zehn Milliarden Euro gekostet hat.

Ein Sieg ist nicht in Sicht, ein Frieden unwahrscheinlicher denn je. Die radikalislamischen Taliban kontrollieren inzwischen wieder mehr als die Hälfte des Landes. Was macht das mit den mehr als 90.000 Bundeswehrangehörigen, die unter Einsatz ihrer Gesundheit und ihres Lebens in Afghanistan gedient haben?

Eine erste Antwort darauf gibt eine Studie, die ein Team um die Soziologin Anja Seiffert vom Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr verfasst hat. Die Wissenschaftler haben Männer und Frauen des „22. Kontingents Isaf“ befragt. Vor, während und nach ihrem Einsatz im Jahr 2010. Das Thema: „Leben nach Afghanistan“. Was auch meint: Leben mit Afghanistan – mit dem Erlebten und dem Erlittenen.

Die Studie zeichnet ein differenziertes Bild. Auffälligster Befund: Die politische Bilanz fällt oftmals deutlich düsterer aus als die persönliche. So glauben viele nicht an einen Erfolg der Mission, an der zeitweise Truppen aus 50 Ländern beteiligt waren, in einem Kampf, der mehr als 150.000 Menschen auf allen Seiten das Leben kostete.

Nur jeder Zweite vermag in dem Einsatz einen sinnvollen Beitrag zur Hilfe für die Menschen vor Ort zu erkennen. Jeder Vierte hält ihn rückblickend für nutzlos. Dennoch sind vergleichsweise wenige Befragte der Ansicht, dass die Bundeswehr das Land umgehend verlassen sollte – zu groß ist die Befürchtung, die Gewalt in Afghanistan werde eskalieren, sobald die internationalen Truppen, wie von US-Präsident Donald Trump gewünscht, abziehen.

Überwiegend positive Erfahrungen

Trotz dieser Zweifel am Sinn des Einsatzes hat der überwiegende Teil der Rückkehrer die Erfahrungen in Afghanistan positiv in das Selbstbild integriert: Viele geben an, sie seien an den Herausforderungen gewachsen, fühlten sich gelassener, psychisch belastbarer und wüssten das Leben in Deutschland jetzt mehr zu schätzen. Sie berichten von einem gewachsenen Selbstbewusstsein durch den Einsatz. Was alles in allem eher nach Reifeprozess als nach posttraumatischer Belastungsstörung klingt.

Dazu passt der Befund, dass trotz hoher familiärer Belastungen die meisten Partnerschaften der Soldaten stabil geblieben sind. Nicht wenige Paare sind im Erleben der Befragten sogar gestärkt aus der Einsatzzeit hervorgegangen. Tatsächlich sind Soldaten und Veteranen der Untersuchung zufolge sogar häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung in Partnerschaften gebunden. Auch der Anteil Geschiedener fällt geringer aus als im bundesrepublikanischen Durchschnitt.

Die Verfasser der Studie legen gleichwohl Wert darauf, über diese positiven Befunde nicht jene aus dem Blick zu verlieren, denen die Einsatzerfahrungen zu schaffen machen – den im Einsatz psychisch oder physisch Verwundeten.

Die Angehörigen des 22. Kontingents hatten es 2010 in Afghanistan mit einem hochkomplexen Einsatzumfeld zu tun, wie es in der Studie heißt: Sie mussten kämpfen, sollten die Lage in ihrem Verantwortungsbereich stabilisieren und afghanische Sicherheitskräfte ausbilden. Das Jahr ihres Einsatzes war das gewaltintensivste für die Bundeswehr in Afghanistan. Das 22. Kontingent zählte sieben Tote und 28 teils schwer Verwundete.

Etwa die Hälfte der Befragten berichtete: Sie seien von Aufständischen beschossen worden, hätten erlebt, wie Kameraden getötet oder verwundet wurden. 36 Soldaten mussten vorzeitig nach Hause geschickt werden, weil Angst, Unsicherheit und Stress zu viel wurden. Und jeder Fünfte aller Befragten gab an, sich direkt nach Einsatzende und Rückkehr in ärztliche oder psychologische Behandlung begeben zu haben.

Auch drei Jahre nach dem Abzug sagte jeder Vierte, dass die Erinnerung ihn zumindest manchmal noch belaste. Einige gaben an, aggressiver geworden zu sein, sich immer mehr vom privaten Umfeld zurückgezogen zu haben oder sich fremd im eigenen Leben zu fühlen.

Gespräch mit Kameraden

Die Soldaten haben verschiedene Strategien entwickelt, um mit den Erfahrungen des Einsatzes umzugehen. Das wichtigste ist das persönliche Gespräch. Und zwar das mit den Kameraden – weniger das mit Freunden und Familien: Viele Befragte scheuen davor zurück, ihre Partner mit den oft einschneidenden Erlebnissen des Einsatzes zu belasten.

Fast jeder Zweite hat noch gar nicht mit der Familie über das Erlebte gesprochen. Besonders Gefechtserfahrenen fällt es schwer, sich anderen mitzuteilen. Offen erzählen sie darüber nur im Kameradenkreis.

Womöglich auch deshalb, weil hier nicht begründet werden muss, was manchen Zivilisten angesichts dessen, was man über den Krieg weiß, irritieren könnte: Die meisten Einsatzsoldaten würden trotz allem freiwillig erneut an einem Auslandseinsatz wie in Afghanistan teilnehmen.

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