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Blockade der Gleise. Während eines Laternenumzugs besetzen Demonstranten die Bahn-Strecke des Castors.

© dapd

Proteste im Wendland: Castor-Transport: Die Rallye zu den Gleisen

In Metzingen im Wendland liefern sich Anti-Atom-Aktivisten und Polizei ein Versteckspiel im Wald. Dort muss der Castor-Zug entlang, dort wollen die Gegner ihn stoppen.

Der schlammige Waldweg endet plötzlich, in Baumstämmen, Zweigen und Ästen. Castor-Gegner haben das Holz aus dem Wald zu einer Barrikade aufgeschichtet.

Von solchen Hindernissen gibt es derzeit viele in der Göhrde, dem hügeligen Waldgebiet in der Nähe von Dannenberg und Gorleben. Sie sollen die Wege versperren, die zu den Bahnschienen führen; und die Barrikaden werden ständig mehr. Zwei junge Männer in schwarzen Kapuzenpullovern ziehen einen dünnen Stamm auf den Weg. Sie und Dutzende weitere Atomkraft-Gegner bereiten Störaktionen an und auf den Gleisen vor, die den Castor-Zug aufhalten sollen. Die Barrikaden sollen die Polizeifahrzeuge von den Waldwegen fernhalten. So wollen die Castor-Gegner verhindern, dass die Beamten sich schnell bewegen können.

Durch den sonst so ruhigen Laubwald hört man Menschen rufen, irgendwo tuckert ein alter Motor. Eine Gruppe Jugendlicher rennt durch den Wald. "Die Polizisten kommen", ruft einer und alle erhöhen das Tempo. Beamte sind nirgends zu sehen, es ist nur die Probe für den Ernstfall. Die jungen Männer, die sich Mützen und Kapuzen tief in die Stirn gezogen haben, machen bei der traditionellen Rallye Monte Göhrde mit. Bei dieser Art Schnitzeljagd sollen die Teilnehmer die Gegend auskundschaften, Schleichwege an der Polizei vorbei zu den Schienen finden. "Geht bis zu den Gleisen, geht über die Gleise", hatte ihnen eine Organisatorin mit auf dem Weg gegeben. Und zur Vorsicht geraten, denn beim vergangenen Castor-Transport 2008 seien Aktivisten von der Polizei drangsaliert worden.

Dutzende Gruppen von vier bis 20 Castor-Gegnern waren am Nachmittag vom Informationspunkt in Metzingen aufgebrochen. Ihnen dicht auf den Fersen: drei Mannschaftsbusse der Polizei und Begleitfahrzeuge. Mehrere Hundertschaften der Polizei sind in der Region verteilt, viele von ihnen aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Sie kennen sich daher in der Gegend genauso wenig aus wie die angereisten Aktivisten.

Die Polizisten halten Fahrzeuge an, kontrollieren die Identität der Fahrer. "Gehört ihnen hier ein Anwesen?", wollen die Beamten wissen. Wer nicht mit "Ja" antwortet, wird gebeten, weiterzufahren. Die Teilnehmer der Rallye Monte Göhrde halten sich aber nicht daran. Ihr Motto ist, sich nicht erwischen zu lassen. Und: "Gemeinsam kommen wir zum Zug".

Der Zug mit den Castor-Behältern muss die Göhrde passieren, um den Umladekran bei Dannenberg zu erreichen. Dort werden die elf Castoren dann – geplant ist das für Sonntag – auf Tieflader umgesetzt. Das Zwischenlager Gorleben ist nur über die Straße zu erreichen. Aber soweit sollen die Behälter mit dem radioaktiven Müll gar nicht erst kommen, sagen die Protestler in Metzingen.

Den kleinen Ort an der Bundesstraße 216 haben Bauern in ein "Widerstandsnest" verwandelt. Sie haben ihre Höfe geöffnet und Castor-Gegner aus ganz Deutschland aufzunehmen. Anti-Atomkraft-Gegner bauten Mobiltoilette, Bauwagen, eine Volksküche und ein Zirkuszelt auf. Veteranen der Widerstandsbewegung, wie die bäuerliche Notgemeinschaft, treffen dort auf junge Linke aus der Hamburger Flora oder Berlin Kreuzberg, sowie Umweltschützer aus ganz Deutschland.

Seite 2: Überraschend hohe Teilnehmerzahl

Allein rund 800 Aktivisten übernachten in Metzingen und übertreffen damit die Einwohnerzahl bei weitem. In den anderen Orten an den möglichen Castor-Strecken auf Schiene und Straße sind es noch viel mehr. Organisatoren und Polizei rechnen mit mehr als 30.000, vielleicht sogar 40.000 Demonstranten. Die zahlreichen Initiativen haben unzählige Widerstandsformen angekündigt: Kundgebungen und Protestmärsche zum einen, außerdem wollen sich Aktivsten an Gleise ketten, auf Bäume klettern und sich über den Schienen abseilen. Und schließlich sind Sitzblockaden und das sogenannte Schottern geplant, also das Aushöhlen des Gleisbettes. Dafür wollen hunderte Aktivisten die Schottersteine zwischen den Gleisen entfernen. Auch in Metzingen bereiten sich dafür viele Castor-Gegner mit Trainingseinheiten vor.

Wenige Stunden nach dem Beginn der Rallye Monte Göhrde begann in Lüneburg eine große Anti-Atom-Demonstration. Die hohe Teilnehmerzahler sorgte für Überraschung bei Veranstaltern und Polizei: Am frühen Abend warteten rund 800 Demonstranten vor dem Bahnhof auf den Beginn des Protestmarsches. Kurz vor dessen Ende sollen es sogar 2.500 Teilnehmer gewesen sein. Noch nie hätten so viele Menschen teilgenommen, sagte ein Veranstalter. Das sei ein gutes Zeichen für die kommenden Tage.

Lauter Jubel brach aus, als ein Redner der Menge zurief, der Castor-Zug stehe seit eineinhalb Stunden in Frankreich. Eine Gruppe von französischen Atom-Gegnern hätte sich an die Gleise gekettet. Fast drei Stunden lang hielten die Franzosen den Transport auf. "Sie kommen mit Gorleben nicht durch und sie kommen mit dem Castor nicht durch", schrie eine Mitveranstalterin ins Mikrofon. "Atomausstieg bleibt Handarbeit."

Dieses Motto hat sich die Initiative Castor Schottern zum Slogan erkoren. Ein Vertreter der Schotterer erklärte vom Lautsprecherwagen, was seine Bewegung vorhat. "Wir werden zu den Gleisen gehen, auf die Gleise gehen und den Schotter entfernen." Lauter Beifall unterbrach ihn. "Wir stehen alle zusammen und wir werden alle dafür sorgen: Dieser Castor kommt nicht durch."

Im rund 50 Kilometer entfernten Metzingen planen zur selben Zeit weitere Aktivisten ihr Wochenende. Am Samstag werden viele zunächst demonstrieren, in Splietau findet am Mittag die große Kundgebung mit dutzenden Traktoren statt. Wenn der Castor-Zug näher kommt, soll die heiße Phase beginnen. Die Polizei hat angekündigt, hart gegen die Schotterer und andere potentielle Straftäter vorzugehen. Doch, so sagen die Schotterer, die Göhrde ist weit und unübersichtlich. Die "Grünen" und die "Blauen" können schließlich nicht überall sein. Dem Wendland stehen unruhige Tage bevor.

Quelle. Zeit Online

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