Chancengleichheit : Mangelnde Durchmischung an Schulen ist ein großes Hindernis

Chancengleichheit nimmt langsam zu. Eine Blockade für den Aufstieg ist aber, dass sozial schwache nicht mit privilegierten Kindern zur Schule gehen.

Wo länger und qualitativ besser gemeinsam gelernt wird, werden die besten Pisa-Ergebnisse erzielt.
Wo länger und qualitativ besser gemeinsam gelernt wird, werden die besten Pisa-Ergebnisse erzielt.Foto: dpa

Achtmal mehr Akademikerkinder erwerben einen Hochschulabschluss als Kinder, deren Eltern keinen solchen Abschluss haben. Auch das steht in der neuen Auswertung der jüngsten Pisa-Studie, und das ist ein bitteres Faktum. Gleichwohl, die Ergebnisse stimmen generell optimistischer. Die Rohdaten stammen von 2015, sie sind publik. Jetzt wirft ihre Auswertung einen verfeinerten Blick auf „Chancengleichheit in der Bildung: Abbau von Hindernissen für soziale Mobilität“.

Das positive Fazit lautet: Bildungsarme holen auf. Um einige Pisa-Punkte haben sich auch in Deutschland seit 2006 diejenigen, in deren Elternhäuser Bücher und Zeitungen, schriftliches Material auf Papier oder aus Pixeln, etwas Ungewohntes sind, denen, die in lesenden Haushalten groß werden, angenähert.

Mehr und mehr Teilhabe wäre also möglich. Doch eine der größten Blockaden für sozialen Aufstieg, so die Studie, ist nach wie vor die mangelnde Durchmischung der Schulen, von der Forschung seit Längerem beklagt. Solange Kiezkinder mehrheitlich Brennpunktschulen besuchen und Kinder, die zwischen Stuck, Parkett und Bücherwänden aufwachsen, die besseren Gymnasien in den Vierteln mit Gärten, wird sich die Klassenkluft nur sehr langsam schließen, selbst da, wo Cheyenne oder Hassan intelligenter sind als Sohn und Tochter von Apotheker Müller oder Bankier Meier.

Denn in der Lage sind weiter subtile Dynamiken der Exklusion am Werk. Bildungsferne verraten sich unter anderem über ihren Habitus. Daran ändert sich wenig, während sie gettoisiert bleiben und keine Chance besteht, dass Bildungsnahe und Bildungsferne in alltäglicher Selbstverständlichkeit miteinander umgehen.

Es geht beim Habitus nicht nur um das temperierte Selbstvertrauen im Umgang, wie es Bildungsbürgern meist wie von allein mitgegeben wird. In besonders hohem Maß gilt das für Sprache, die schon beim ersten Telefonkontakt entscheidend sein kann.

Wer weder im privaten Umfeld noch auf dem Schulhof täglich wie nebenbei klares, komplexes Hochdeutsch hört und sprechen lernt, bleibt häufig etwa durch Kiezdeutsch und grammatische Defizite auf eine Weise stigmatisiert, die sich mit keinem Pisa-Test verlässlich messen lässt. Auch Bürgerkinder kennen die Schulhofcodes, aber sie können Codes je nach Situation wechseln und wissen recht gut, wie sie sich den Kollegen ihrer Eltern für ein Praktikum vorstellen oder an einer Hochschule beim Aufnahmegespräch.

Durchmischung senkt das Niveau nicht

1970 warnte John Lennons ergreifender Song „Working Class Hero“ vor der Illusion, durch angepassten Aufstieg ließe es sich „clever and classless and free“ werden. Zu brutal und undurchlässig wirkte die Klassengesellschaft von Großbritannien. Dort wurde unter anderem mit Sprechunterricht, mit „elocution lessons“, versucht, Kinder, die etwa Cockney, den Londoner Arbeiterdialekt, sprachen, weniger beruflicher Diskriminierung auszusetzen.

Dagegen stehen inzwischen eher Konzepte, Diskursmarker wie Kiezdeutsch in ihrer Differenz zu feiern. Linguistische Studien weisen auf die kreativen, witzigen Aspekte von Kiezdeutsch hin, auf das Widerständige im Verweigern normierter Standardsprache. Sie haben allerdings gut reden.

Wer sich auf Laufbahnen für führende Positionen bewirbt, dem hilft leider ein lässig genuscheltes „schwaissnisch“ weniger weit als ein selbstbewusstes „ich weiß nicht“. Ähnliches gilt für Floskeln wie „ich sag mal so“ oder für den dauernden Funkenflug von Modalpartikeln wie „halt“ und „genau“ im Dialog.

Mehr Durchmischung schafft mehr Chancen. Das ist bewiesen. Doch gegen mehr Durchmischung halten Reformgegner Kaskaden von Einwänden parat. Schon rein logistisch sei das undenkbar, busseweise müssten Schülerinnen und Schüler umhergekarrt werden.

Privatschulen der Wohlhabenden würden wie Pilze aus dem Boden schießen, die Kluft werde sich noch vertiefen. Vor allem aber werde das Gesamtniveau aller Kinder absacken – was widerlegt ist. Das Gegenteil stimmt. Wo länger und qualitativ besser gemeinsam gelernt wird, werden die besten Pisa-Ergebnisse erzielt.

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Allein der politische Wille wird dafür gebraucht. Setzt man nicht auf Altruismus, könnten krude Zahlen nachhelfen. In Berlin kosten zwölf Jahre Schule pro Kind rund 100.000 Euro. Bleibt jemand danach chancenlos, addieren sich dazu Jahre der Transferleistungen. Bildungsferne Karrieren zu produzieren, ist nicht nur eine Frage individueller Chancen zu Glück und Erfüllung. Es ist auch die dümmste aller Investitionen. In der Politik sollte hier zumindest das Rechnen beginnen.

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