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Hilfe für displaced people. Passantin vor einem Lager am Rande von Port-au-Prince in Haiti, das nach dem verheerenden Erdbeben 2010 errichtet wurde.
© Andres Martines Casares / REUTERS

Humanitäre Hilfe und ihre Tücken: Das ganze System muss geändert werden

Lokale NGOs führen bei Krisen aus, was die internationalen Geldgeber vorgeben. Das ist nicht nachhaltig. Ein Gastbeitrag zum "Tag der humanitären Hilfe".

Marion Lieser ist Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende von Oxfam Deutschland.

Im System der internationalen humanitären Hilfe spielen lokale Organisationen nur eine untergeordnete Rolle, jedenfalls wenn es darum geht, wer Hilfsgelder empfängt und Entscheidungen trifft. Das ist nicht nachhaltig, krisenanfällig und teilweise auch rassistisch - und muss geändert werden.

2019 flossen nur magere 2,1 Prozent der weltweiten humanitären Finanzmittel direkt an nationale und lokale Akteure in den von Krisen betroffenen Ländern, Tendenz fallend. Mehr als 90 Prozent erhielten internationale NGOs wie Oxfam und UN-Organisationen. Diese reichen das Geld zwar zum Teil an lokale Partner weiter. Doch dies alleine stellt nicht sicher, dass Projekte gemeinsam entwickelt werden.

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Häufig sind die lokalen Akteure schlicht für die Umsetzung von Maßnahmen zuständig, die anderswo erdacht und entschieden werden – dabei sollte es genau umgekehrt sein. Deshalb hatte sich die humanitäre Weltgemeinschaft 2016 darauf geeinigt, dass bis 2020 25 Prozent aller Hilfsleistungen an lokale und nationale Akteure gehen sollen. Doch an der Umsetzung hapert es gewaltig.

Umverteilung von Kompetenzen

Auch bei Oxfam sind wir von diesem Ziel noch ein gutes Stück entfernt. Aber immerhin arbeiten wir bei Entwicklungsprogrammen ausschließlich über lokale Partnerorganisationen.

Wie wichtig auch bei humanitären Hilfseinsätzen die Umverteilung von Kompetenzen an lokale Projekte ist, zeigt nicht zuletzt die Corona-Krise: Während internationale Fachkräfte nicht mehr reisen konnten, erforderte die Pandemie schnelle und effektive Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus.

Die lokalen Organisationen stehen vor einem weiteren Problem: Die meisten Mittel, auf die sie direkten Zugriff haben, sind zweckgebunden, das heißt, sie fließen nur im Rahmen eines konkreten Nothilfeeinsatzes. Wenn das Projekt zu Ende ist, läuft die Finanzierung aus, sodass keine Planungssicherheit besteht, die für den Kapazitätsaufbau aber sehr wichtig wäre.

Eine Oxfam-Untersuchung ermittelte, dass 2013 für die Grundfinanzierung lokaler Akteure nur magere 3,9 Millionen US-Dollar zur Verfügung standen. An diesem Missverhältnis hat sich seither wenig geändert. Wie sollen so in Krisenländern dauerhaft Strukturen entstehen, die flexibel auf humanitäre Notlagen reagieren können?

Zugang zu den Menschen vor Ort

Es ist effektiver und effizienter, wenn lokale Akteure eng in die Entwicklung und Umsetzung humanitärer Hilfseinsätze eingebunden sind und diese, wo möglich, auch leiten. Während internationale Organisationen oft über eine sehr große technische Expertise und langjährige Erfahrung verfügen, kennen lokale Organisationen die Bedingungen vor Ort am besten.

Sie haben besseren Zugang zu den Menschen und Institutionen und bleiben vor Ort, auch nachdem die Aufmerksamkeit der Medien und internationalen Öffentlichkeit sich anderswohin orientiert. Zudem gelingt in einem von lokalen Akteuren mitgestalteten Nothilfe-Einsatz der Übergang hin zu Wiederaufbau und Entwicklung oft leichter.

Nur so können wir den wachsenden humanitären Herausforderungen auf der Welt gerecht werden: Bewaffnete Konflikte verursachen und verschärfen eine Krise nach der anderen, fast 80 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Die Zahl der klimabedingten Katastrophen nimmt seit Jahren zu. Überschwemmungen, Stürme, Hitzewellen, Dürren und Waldbrände verursachten laut Vereinte Nationen in den vergangenen 20 Jahren mehr als doppelt so hohe Schäden wie in den 20 Jahren davor.

Sträfliche Unterfinanzierung

Weltweit sind fast 170 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Gleichzeitig sind die Nothilfe-Aufrufe der Vereinten Nationen stets sträflich unterfinanziert. 

Doch es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund für die so genannte Lokalisierung von Nothilfe-Einsätzen: Es gilt, die neokoloniale und zum Teil rassistische Struktur des internationalen humanitären Systems endgültig zu überwinden.

Wenn Organisationen aus dem Globalen Norden Umfang und Zuschnitt humanitärer Hilfseinsätze in Ländern des Globalen Südens bestimmen, verhindert dies, dass dort lokale, politisch unabhängige Strukturen entstehen. Diese paternalistische Bevormundung reproduziert zudem das Bild des „weißen Helfers“.

Erleichterungen für humanitäre Finanzierung

Die „Lokalisierung“ humanitärer Hilfe ist sicher kein Allheilmittel und auch nicht immer sinnvoll oder möglich, etwa in fragilen Staaten oder bei Katastrophen, die ein Land alleine nicht bewältigen kann. Doch der Grundsatz muss lauten: Kapazitäten und Strukturen in Krisenländern müssen konsequent genutzt und gestärkt werden, bevor externe Akteure im Land aktiv werden. Und wenn letzteres nötig ist, sind möglichst auch langfristig tragfähige lokale Strukturen und Kapazitäten aufzubauen. 

Damit das passiert, müssen internationale Geber wie die EU oder die Bundesregierung nationalen und lokalen Akteuren den direkten Zugang zu humanitärer Finanzierung erleichtern und hierfür ihre Vergabepraxis ändern. So sollten Gelder nicht ausschließlich über Mittler in Form der UN oder internationaler NGOs fließen, sondern auch über direkte Verträge.

Zudem kann die Bundesregierung einen noch größeren Anteil ihrer Mittel in die sogenannten Country Based Pooled Funds einzahlen, die in den Krisenländern selbst verwaltet werden und lokalen Akteuren offen stehen. Dieser Paradigmenwechsel ist überfällig. Doch dazu fehlt in Deutschland und Europa bislang der politische Wille. 

Marion Lieser

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