„Das war erst einmal ein Schock“ : Hanauer Moschee erhält Drohschreiben

Die Hanauer Moschee hat einen Brief erhalten, in dem der Anschlag gerechtfertigt und die Opfer verhöhnt werden. Und gibt es eine zweite Drohung gegen Muslime.

Muslime beten nach dem Anschlag in Hanau während des Freitaggebets in der Hanauer Ditib Moschee.
Muslime beten nach dem Anschlag in Hanau während des Freitaggebets in der Hanauer Ditib Moschee.Foto: AFP/Odd Andersen

Rund eine Woche nach dem rechtsextremen Anschlag auf eine Shisha-Bar und einen Kiosk in Hanau hat ein Drohbrief eine Hanauer Moschee erreicht. Das Schreiben ist am Donnerstagmittag bei der Hanauer Moschee, die zu dem türkisch-islamischen Verband Ditib angehört, per Post eingegangen.

Die hessische Kriminalpolizei übernahm die Ermittlungen. Die Polizei ist derzeit mit einer Dauerpräsenz vor Ort und schützt die Einrichtung.

In dem Schreiben heißt es unter anderem: „Der deutsche Mann hat es Idioten wie euch gezeigt.“ Auch die Opfer des Anschlags werden verhöhnt. Der Brief wurde handschriftlich in großen Druckbuchstaben verfasst und anonym versendet.

Zweiter Vorsitzender der Hanauer Ditib-Gemeinde: „Das war erst einmal ein Schock“

„Wir haben bereits vorher Schreiben erhalten, aber nicht so extrem“, sagte der zweite Vorsitzende Adem Arslan am Freitag dem Tagesspiegel. „Das war erst einmal ein Schock.“ Er wisse nicht, wie man so ein Schreiben eine Woche nach dem Anschlag veröffentlichen könne, das sei „unmenschlich“.

An den Zentralrat der Muslime wurde ebenfalls ein Drohschreiben adressiert. Es liegt dem Tagesspiegel exklusiv vor. Aus ermittlungstaktischen Gründen wird nur indirekt daraus zitiert. Der Verfasser gibt darin an, dass er bereits seit mehreren Jahren die Idee verfolge, einen Anschlag auf Muslime zu verüben.

Dabei bezieht er sich direkt auf den Anschlag von Hanau. In dem zweiseitigen computerverfassten Schreiben bedient er sich einem menschenverachtenden Duktus und völkisch-rassistischer Sprache. Am 19. Februar hatte Tobias Rathjen in Hanau neun Menschen mit einem migrantischen Hintergrund ermordet. Anschließend soll der 43 Jahre alte Deutsche seine Mutter und sich selbst getötet haben. Die Tat löste eine bundesweite Debatte über Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland aus.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Aiman Mazyek sagte dem Tagesspiegel, viele Muslime hätten das Gefühl, dass aus dem Terror des NSU und dem Anschlag von Halle keine Konsequenzen gezogen worden sein. Deshalb sei es nun wichtig, dass es einen sichtlichen Schutz gebe, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.

Mazyek: Polizeipräsenz und Aufarbeitung notwendig

Ein verstärktes Polizeiaufgebot vor gefährdeten Einrichtungen sei deshalb notwendig. „Das Polizeiaufgebot wird nicht helfen antimuslimischen Rassismus zu bekämpfen, aber es wird helfen, weitere Opfer zu verhindern“, sagte Mazyek. Es bedürfe letztlich zwei Maßnahmen: polizeilicher Präsenz und einer Aufarbeitung. „Die beiden Maßnahmen dürfen jedoch nicht vermengt werden“, erklärte der Vorsitzende.

Will ein verstärktes Polizeiaufgebot vor gefährdeten Einrichtungen: Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland
Will ein verstärktes Polizeiaufgebot vor gefährdeten Einrichtungen: Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in...Foto: imago images/photothek/Janine Schmitz

Der Zentralrat der Muslime zeigte sich auch von dem Schreiben an die Hanauer Mosche betroffen. Es sei schlimm, dass der Text im Kontext von Hanau geschrieben wurde und wie „martialisch“ die Tat gutgeheißen werde. „Das zeigt einmal mehr, dass der antimuslimische Rassismus in unserem Land längst angekommen ist“, sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime.

Zentralrat der Muslime: Wir müssen von einer realen Gefahr sprechen

„Wir müssen nun deutlich machen, dass das eine große Gefahr für unsere Demokratie und unser Land ist“, sagte Mazyek weiter. „Wir können nicht mehr von einer abstrakten, sondern müssen von einer realen Gefahr sprechen.“ Es sei nun wichtig, dass die Glaubensgemeinschaft beruhigend auf ihre Mitglieder einwirke. „Wir erleben derzeit eine sehr angespannte Gemengelage“, sagte Mazyek.

Gleichzeitig müssten Racheakte verhindert werden: „Wir setzen nun alles in unserer Macht mögliche, um Racheakte Einzelner einzudämmen. Denn das ist das, worauf die Rechtsradikalen setzen“, sagt der Vorsitzende.

„Das muss mit aller Macht verhindert werden. Aber das geht nur, wenn der Staat und die Gesellschaft konkret benennen, dass der antimuslimische Rassismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und erklärt wird, wie er bekämpft werden kann und wie die Muslime davor sichtbar geschützt werden können“, erklärte Mazyek. Nun bedürfe es Aufklärungsmaßnahmen und demokratiefördernder Projekte sowie einer Aufarbeitung im Bundestag.

Arslan vom Verein Ditib Hanau betonte, es müsse nun Ruhe bewahrt werden. „Wir müssen die Community beruhigen“, sagte er. „Wir müssen Ruhe bewahren und den Leuten, die den Mist machen, nicht die Aufmerksamkeit schenken.“ Dennoch seien viele Mitglieder der Gemeinde besorgt: „Klar hat man Angst.“

Politik soll „strikt“ vorgehen

Einige Mitglieder wollten erst einmal nicht glauben, dass es sich um ein echtes Schreiben handele. „Viele haben gedacht, dass das gar nicht stimmt.“, sagte Arslan. Er erwarte nun von der Politik, dass die Bedrohungslage aufgegriffen werde und „strikt“ vorgegangen werde.

Der Journalist Tarek Baé veröffentlichte ein Foto des Schreibens auf seinem Twitter-Account. Der Beitrag wurde bis zum Freitagmittag rund 1000 Mal geteilt.

Unter dem Twitter-Beitrag drücken viele Nutzer ihr Bedauern aus. So schreibt etwa Nutzer „theVirus_1909“: „Das ist nicht mehr mein Deutschland. Und so langsam wird mir immer klarer: es ist es nie gewesen. Es tut mir so unendlich leid. Ich bin traurig und gleichermaßen wütend. Unfassbar.“

Nutzer „KNordlichtW“ hofft auf Konsequenzen für den Verfasser des Schreibens: „Das ist so unvorstellbar grauenhaft, gibt es denn keine Möglichkeit, diesen Wahnsinn zu stoppen, die Urheber zu finden und hart zu bestrafen?“

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