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John Sweeney ist ein britischer Journalist und recherchiert seit fast 30 Jahren zu Russland.

© FOTO: ANTONIO OLMOS/GUARDIAN/EYEVINE/LAIF

Tagesspiegel Plus

Der Biograf des russischen Präsidenten: „Putin kann unglaublich sanft lügen“

„Der Killer im Kreml“ heißt das neueste Buch von John Sweeney. Der Journalist über die Verbrechen des russischen Präsidenten, seine Rolle im Krieg und sein mögliches Ende. 

Von Hans Monath

Der heutige 64-jährige Sweeney wuchs in Südengland auf und arbeitete für den Observer und die BBC. Seit langem recherchiert er zu den Geschäften und Verbrechen der Mächtigen Russlands. Die Verbindung des Kreml zu Donald Trump untersuchte er 2017 in einer BBC-Dokumentation. Sweeney gilt als hartnäckiger investigativer Journalist, der sich einmischt und Partei nimmt. Für die BBC berichtete er vor und während des russischen Krieges aus Kiew.

Mr. Sweeney, dürfen Sie als Brite und notorischer Kritiker Wladimir Putins noch nach Russland reisen, oder steht Ihr Name auf der Liste der Personen, die das Land aussperrt?
Bisher ist noch gegen mich kein Einreiseverbot ausgesprochen worden, das ist natürlich ärgerlich und ich frage mich, was ich falsch gemacht habe. Aber ich habe mich selbst entschieden, nicht mehr nach Russland zu fliegen. Der russische Geheimdienstapparat hat sehr dunkle Seiten. Bei meinem letzten Russlandaufenthalt im Auftrag der BBC war ich 2018 unter absurden Vorwänden verhaftet worden.

Was war passiert?
Putin-Anhänger von der rechten Gruppe SERB (South East Radical Block) nahmen uns zu einer Gedenkstätte für den 2015 erschossenen Oppositionellen Boris Nemzow mit. Dort rissen sie Kränze und Blumen herunter, was unser Kamerateam dokumentierte. Wir wurden die ganze Zeit observiert, ich wurde in eine Polizeistation gebracht und befragt. Zur gleichen Zeit beschimpften mich die Kreml-nahen Medien schon als Vandalen und Hooligan. Wir haben nur einen kleinen Vorgeschmack davon erhalten, wie das Leben für die russische Opposition ist, die regelmäßig ins Visier der russischen Staatsmedien gerät. Ich gehe nicht mehr zurück.

Sie haben viele Dokumentarfilme über Russland, über Wladimir Putin und über die Ukraine gedreht. Was fasziniert Sie an diesen Themen?
Ich war schon immer von Russland fasziniert, lernte in der Schule russisch, wenn auch nur unvollständig. Es waren dunkle Momente in der Geschichte, als Wladimir Putin im September 1999 Ministerpräsident wurde und wenig später in Moskau zwei Wohnblöcke durch Bombenanschläge zerstört wurden. Das war das Ende der zehn „happy years“ (glücklichen Jahre) nach dem Fall der Mauer, in denen die Demokratie in Russland noch eine Chance hatte. Dann begann die Demokratie in Russland zu sterben. 

Putin ist körperlich krank, davon ist sein Biograf John Sweeney überzeugt.

© Foto: REUTERS

Wie ist die Lage heute, 32 Jahre nach dem Fall der Mauer?
Putin hat mit seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine die europäische Friedensordnung zerstört. Das tat er schon, als er 2014 die Krim annektierte und half, die Hälfte der Oblaste Donezk und Luhansk zu besetzen. Aber der Angriff auf die Ukraine und die Schlacht um Kiew sind ein historischer Wendepunkt. Der Westen muss sich ihm nun entgegenstellen, das tun, was er aus Furcht, Gier und wegen Korruption bisher nicht gemacht hat. Nur wenn wir der Ukraine helfen, Putin zu besiegen, werden die Menschen in Europa und der Welt wieder sicher sein.

Warum sollte das die Menschen in der ganzen Welt betreffen?
Sie müssen sich klar machen, dass die Chinesen diesen Krieg und das Verhalten des Westens sehr genau beobachten und ihre Schlüsse daraus ziehen werden. Wenn Putin gewinnt, wird die Welt noch unsicherer.

Ihr Buch heißt schlicht und hart: „Der Killer im Kreml“. Was war Putins erster Mord?
Putin ist nie wegen eines Mordes angeklagt worden. Für die Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland 1999 mit fast 400 Toten war der russische Geheimdienst verantwortlich, deshalb sage ich: Putin ist ein Serienmörder, er hatte keine Skrupel, seine eigenen Leute umbringen zu lassen. Aber er machte die Tschetschenen dafür verantwortlich, der Zweite Tschetschenienkrieg, den er deshalb ausrief, stärkte seine Macht in Moskau.

Sie beschreiben in Ihrem Buch weitere Morde, die Sie Putin anlasten…
Der nächste verdächtige Todesfall war der seines frühen Förderers, des Petersburger Bürgermeisters Anatoli Sobtschak. Er starb im Jahr 2000 an einem Herzinfarkt. Sobtschak und seine Leibwächter wurden vergiftet, aber es gab nie eine ordentliche Untersuchung dieses Falles. Der russische Journalist Artjom Borowik recherchierte die These, wonach Putin pädophil sei. Kurz vor der Präsidentschaftswahl im März 2000 stürzte der Privatjet, in dem er flog, ab, alle Insassen starben. Es gibt es keinen Zweifel, dass der zu den Briten übergelaufene Ex-KGB-Offizier Alexander Litwinenko 2006 in London mit Polonium 210 vergiftet wurde. Ich bin überzeugt, das geschah auch deshalb, weil er Putin einen Pädophilen genannt hatte. Putin hatte auf dem Weg zum Kreml einen etwa fünfjährigen Jungen entdeckt, dessen T-Shirt hochgehoben und ihn auf den Bauch geküsst. Das ist kein Beweis, dass Putin pädophil ist. Aber er dieser Vorwurf ist bis zu ihm durchgedrungen. Alle zwei Leute, die Putin entweder einen Pädophilen nannten oder diese Geschichte recherchierten, starben eines mysteriösen Todes.

Haben Sie Hinweise, dass Putin für diese Morde verantwortlich ist?
Ja, und es gibt sehr viele weitere Morde. Der emeritierte Physikprofessor Norman Dombey von der Universität Sussex hat drei Fälle identifiziert, in denen Menschen vor Litwinenko mit Polonium 210 vergiftet wurden, diese Methode wurde in Russland ausprobiert. Es geht um den Menschenrechtler Juri Schtschekotschichin, er starb 2003, nachdem er zu den Bombenanschlägen auf die Wohnhäuser recherchiert hatte; der tschetschenische Feldkommandant Lecha Islamow starb 2004 in russischer Haft; schließlich der Petersburger Gangster Roman Zepow, der alle Geheimnisse des damaligen Petersburger Vizebürgermeisters Putin kannte, starb im gleichen Jahr. 

Ohne Rücksicht auf Völkerrecht und Verluste: So lässt Putin seine Armee den Krieg gegen die Ukraine führen.

© FOTO: ALEXANDER ERMOCHENKO/REUTERS

Halten Sie Putin für einen Psychopaten?
Mein Freund, der ukrainische Professor für Psychatrie, Semen Hlusman, vertritt die These, dass Putin nicht in einem medizinischen Sinn verrückt ist. Aber man kann auch ein Psychopath sein, ohne dass man verrückt ist. Hlusman sagt: Putin ist nicht verrückt, er ist böse (im Original: He ist not mad, he is bad). Das halte ich für richtig. James Fallon von der University of California hat über Psychopathen in der Politik geforscht. Eine ihrer wichtigsten Fähigkeiten ist das Lügen. Putin kann unglaublich sanft lügen. Das zweite Kriterium Fallons ist, ob jemand eigene Verbrechen anderen zuschreibt. Das trifft auch auf Putin zu. Das dritte Kriterium ist, dass Risiken nicht einkalkuliert werden. Putin wurde vom KGB deshalb nach Dresden und nicht auf wichtigere Missionen nach Bonn oder Berlin geschickt, weil ihm mangelnde Empathie und mangelnde Bereitschaft, Risiken zu erkennen, bescheinigt wurden. 

Weil Sie Putins Arbeit für den KGB in Dresden erwähnen: Was ist ihm von damals geblieben?
Damals hat er mit den Feinden der westlichen Demokratie zusammengearbeitet, und er tut das heute noch. Er versucht, Menschen im Westen für seine Zwecke einzuspannen, besticht oder erpresst sie. Denken Sie an Gerhard Schröder. Ich bin noch höflich, wenn ich sage: Gerhard Schröder ist der nützliche Idiot der Russen. Er ist eine Schande. Der Kreml hat auch alles getan, damit Donald Trump 2016 die Präsidentenwahl in den USA gewann, das wurde genau untersucht. Es gibt weitere Fragen: Hat Russland Politiker in Deutschland bestochen? Hat der Kreml den Brexit befördert? Ich halte es für dringend erforderlich, dass Großbritannien und die EU das in einer öffentlichen Untersuchung klären. Putin nützt die Offenheit des Westens, um ihn zu zerstören. All das begann in Dresden, das hat er nie vergessen. 

Der frühere KGB-Offizier Alexander Litwinenko, hier ein Wandbild in Moskau, wurde im Exil in London vergiftet.

© FOTO: NATALIA KOLESNIKOVA/AFP

Ist seit Russlands Angriff auf die Ukraine am 24. Februar nicht das Bewusstsein dafür gewachsen, dass Russland versucht, im Westen Einfluss zu nehmen?
Seit zehn bis 15 Jahren hatte Russland dem Westen den Krieg erklärt, wir wollten es nicht wissen. Wenn es etwas Positives an diesem brutalen Krieg gibt, dann das: Wir, der Westen, der an Demokratie, eine regelbasierte Weltordnung und die Freiheit der Rede glaubt, sehen jetzt klar, dass wir im Krieg mit Russland sind. Den Blutzoll zahlen die Ukrainer am Boden. Unsere Verpflichtung ist es, ihnen zu helfen. Wenn die Ukraine verliert, werden wir die nächsten sein.

Erfüllt Deutschland diese Aufgabe?
Ich finde die Weigerung von Kanzler Olaf Scholz, das klar zu sehen, zum Schämen und schändlich. Ich verstehe seine Haltung nicht, mir kommt sie wie Appeasement gegenüber der russischen Aggression vor. Ich bin froh, dass Boris Johnson bald sein Amt abgibt, weil ich ihm wegen seiner Verbindung zum früheren KGB-Offizier und Oligarchen Alexander Lebedev misstraue. Aber nach Ausbruch des Krieges hat er richtig gehandelt und schnell Waffen an die Ukraine geliefert.

Scholz hat drei Tage nach Ausbruch des Krieges eine „Zeitenwende“ ausgerufen, Deutschland liefert schwere Waffen an die Ukraine, etwa die Panzerhaubitze 2000…
Die Rhetorik fand ich gut. Deutschland hat einige schwere Kanonen geliefert, aber bei weitem nicht genug. Meine ukrainischen Freunde sind enttäuscht, dass sich Deutschland so viel Zeit gelassen hat. Sie halten es für aberwitzig, dass deutsche Intellektuelle wie der Philosoph Jürgen Habermas der Ukraine raten, sich der russischen Dominanz zu ergeben. Ich glaube, die Deutschen haben so viel Angst, Hitlers Fehler zu wiederholen, dass sie heute den gegenteiligen Fehler begehen. Das Gefühl der Scham über die eigene Geschichte ist so groß, dass es die Wirklichkeit ausblendet. Deshalb merken die Deutschen nicht, dass sie damit einer faschistischen russischen Regierung helfen. 

Er hilft nach Ansicht von Biograf Sweeney der Ukraine zu wenig: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).

© FOTO: BRITTA PEDERSEN/DPA

Ich widerspreche Ihnen. Scholz und seine Berater fürchten vielmehr, in einen Nuklearkrieg mit Russland hineingezogen zu werden. Deshalb wägen sie die Entscheidungen ab…
Ich glaube nicht, dass Putin es auf einen Nuklearkrieg ankommen lässt. Die USA haben Russland unmissverständlich damit gedroht, dass sie Moskau mit konventionellen Waffen bombardieren werden, wenn der Kreml eine taktische Atomwaffe in der Ukraine einsetzt.

Sie sind sicher, dass Putin nie den roten Knopf drücken wird?
Absolute Gewissheit gibt es nicht. Aber wenn wir Putin erlauben, uns zu bestimmen, haben wir schon verloren. Wenn wir im Westen nervös oder ängstlich werden, treibt ihn das nur weiter an. Er versucht eine dreifache Erpressung: Er straft die Ukraine auf furchtbare Weise, er versucht eine nukleare Erpressung und nutzt Hunger in der Welt als Waffe. Wenn wir uns von Putins atomarer Drohung einschüchtern lassen, ist er der Herr und wir sind die Sklaven. Wir müssen ihn schlagen, denn solange er lebt, wird keiner von uns mehr ruhig schlafen können.

Wie, glauben Sie, wird das Ende von Putins Herrschaft aussehen?
Wenn Putin sich einmal entschließen sollte, den Atomknopf zu drücken, wird er feststellen, dass der nicht mehr funktioniert. Der russische Präsident ist heute in einer erheblich schwächeren Position, als er noch am 23. Februar war. Die Oligarchen um ihn herum haben ihn immer gehasst, aber nun überlegen sie, wie sie ihn stoppen können. Sie haben viel Geld und werden versuchen, im Kreml einen Komplott gegen ihn zu schmieden.

Das heißt?
Es ist möglich, dass ihn ein gedemütigter General erschießt. Putin ist krank. Es ist möglich, dass ein Arzt dafür sorgt, dass er von einer Operation nicht mehr aufwacht. Ich halte es auch für möglich, dass er durch die Einnahme von Steroiden Krebs bekommen hat. Wenn das stimmt, dann könnte er ein Ende finden wie in einem Stück von William Shakespeare: Der Mann, der für viele Giftmorde verantwortlich ist, stirbt, weil er sich selbst vergiftet hat. 

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