Deutsche Außenpolitik : Ratlos vor der Krisen der Welt

Wie gut gerüstet ist Berlins Außenpolitik für die Krisen der Welt? Gar nicht gut, meint Ex-Diplomat Volker Stanzel in einem neuen Buch. Eine Rezension.

Große Worte auf der Weltbühne: Außenminister Heiko Maas im UN-Sicherheitsrat, in dem Deutschland einen Monat lang den Vorsitz hatte.
Große Worte auf der Weltbühne: Außenminister Heiko Maas im UN-Sicherheitsrat, in dem Deutschland einen Monat lang den Vorsitz...Foto:Don Emmert/AFP

Die deutsche Außenpolitik nach 1949 gilt als eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Der Aufstieg vom Paria der Weltgemeinschaft zur Zentralmacht Europas, die in globalen Umfragen viel Zustimmung erfährt, ist beeindruckend. Diese Geschichte, so glauben viele intelligente Zeitgenossen, habe Deutschland bestens auf künftige Aufgaben vorbereitet und mache das Land zum Vorkämpfer einer besseren Welt, an dem sich andere ein Beispiel nehmen sollten. Volker Stanzel hält diese Ableitung für eine gefährliche Illusion.

Der frühere Spitzendiplomat hat nun ein Buch vorgelegt, das hart ins Gericht geht mit den Selbsttäuschungen der deutschen Außenpolitik. Die gibt sich etwa als Gralshüterin des Multilateralismus aus, handelt aber mit erstaunlich gutem Gewissen oft nach nationalen Kriterien. Schon der Titel des Buches verrät, dass der wie ein Mantra vorgetragene Bezug auf hehre Werte allein nicht den Königsweg ins 21. Jahrhundert weist, wie Schönredner behaupten: „Die ratlose Außenpolitik und warum sie den Rückhalt der Gesellschaft braucht“.

Unaufgeregt, aber beinhart im Urteil analysiert der Vizechef der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), was schief läuft in Deutschlands Verhalten zur Welt – und das ist eine ganze Menge. Der unbestreitbare Erfolg der ersten vier Jahrzehnte Bundesrepublik, so warnt er, könne zu Arroganz verführen. Die zweite Gefahr, nämlich die Fehleranfälligkeit, „führte hinein in die heutige gefährliche Krisenlandschaft – und ein gerütteltes Maß an Ratlosigkeit“. In der Flüchtlingskrise, konstatiert er, sei Deutschland „krachend gescheitert“.

Endlich reißt jemand den Schleier der Selbstgewissheit zu Seite!

Seine Schlussfolgerung: Nirgendwo scheine Deutschland wirksam auf die Krisenakteure in wichtigen Weltregionen einwirken zu können: „Damit wird aus den Krisen anderer unsere eigene Krise, und kein Silberhorizont ist in Sicht.“

Die Außenpolitik habe statt den Zusammenhalt der EU zu stärken, auf eine starke deutsche Führung gesetzt, meint der Autor. Sie habe die Konsequenzen der Globalisierung falsch eingeschätzt, keine Antwort auf den Isolationismus der USA und die neuen Ansprüche Chinas gefunden und kein Rezept gegen die Verhärtung des Verhältnisses zu Russland.

Stanzel analysiert den Zusammenhang von gesellschaftlichem Wandel und Diplomatie und fordert eine neue Einbindung der Bürger in Entscheidungen auf diesem Feld. Der Ex-Diplomat hat ein wichtiges Buch vorgelegt, das den Leser fast aufatmen lässt: Endlich reißt einer auf der Bühne der Außenpolitik den Schleier der Selbstgewissheit zur Seite!

Ein Patentrezept zum Umgang mit den Krisen bietet auch der Autor nicht, aber erst das Benennen  der Defizite ermöglicht eine bessere Politik. Weil Stanzel auch einen konzisen Überblick über die Geschichte der deutschen Diplomatie und eine Analyse wichtiger aktueller Konflikte vorlegt, eignet sich der Band auch bestens als Einführung in eine komplizierte Thematik.

- Volker Stanzel, "Die ratlose Außenpolitik und warum sie den Rückhalt der Gesellschaft braucht", Dietz Verlag 2019, 255 Seiten, Euro 26,00.

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