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Gareth Newham vom Institute for Security Studies in Pretoria.
© Dorothee Nolte

Südafrika: „Die Morde an weißen Farmern gehen zurück“

Gareth Newham vom Institute for Security Studies in Pretoria über Gewalt in Südafrika. Ein Interview.

Südafrika hat eine der höchsten Kriminalitäts- und Mordraten weltweit. Bei den Parlamentswahlen am Mittwoch tritt auch die Partei der „Economic Freedom Fighters“ an, die dazu aufrufen, den überwiegend weißen Farmern ihr Land wegzunehmen, gleichzeitig gibt es Morde an weißen Farmern. Drohen Verhältnisse wie in Simbabwe?

Afriforum, ein Zusammenschluss von rechten Weißen, hat sehr erfolgreich die Geschichte verbreitet, in Südafrika würden systematisch weiße Farmer ermordet, das sei politische Gewalt und der Beginn eines Bürgerkriegs zwischen den Rassen. Trump hat das aufgegriffen, auch andere rechte Parteien. Kürzlich waren AfD-Leute bei uns zu Besuch und man merkte: Es gefällt ihnen nicht, wenn man ihnen sagt, dass das nicht der Wahrheit entspricht.

Und was ist die - statistische - Wahrheit?

Es gibt Morde an Farmern. Aber das ist erstens kein neues Phänomen - die meisten Morde gab es 2002, damals wurden 140 Farmer umgebracht. Seitdem ist die Zahl zurückgegangen, im Jahr 2018 waren es 64. Zweitens sind es nicht nur Weiße, die ermordet werden; zu ungefähr 30 Prozent sind schwarze Farmer betroffen. Und drittens: Die Motive der Täter sind nicht politisch.

Sondern?

Es geht ihnen nicht darum, Weiße von ihrem Land zu vertreiben. Das würde ja auch keinen Sinn ergeben, denn die Mörder selbst würden das Land ja nicht bekommen. Es sind in 90 Prozent der Fälle „normale“ Verbrecher, die die Farmer als geeignete Opfer sehen: Sie erwarten, dass sie dort Bargeld finden, denn damit bezahlen die Farmer ihre Arbeiter, dass sie dort Fahrzeuge oder Feuerwaffen stehlen können. Außerdem liegen viele Farmen so abgelegen, dass die Polizei oder private Sicherheitsdienste den Besitzern nicht schnell zur Hilfe kommen können.

Das heißt, die Morde an Farmern sind Teil der allgemeinen südafrikanischen Kriminalität?

Hierzulande kommen auf 100 000 Menschen pro Jahr 35 Morde, der internationale Durchschnitt liegt bei 6 Morden, in Deutschland bei weniger als einem. Südafrika ist eine Gesellschaft mit hoher Gewaltbereitschaft und Akzeptanz von Gewalt, das geht quer durch die Schichten und ethnischen Gruppen und hat mit unserer gewalttätigen Geschichte zu tun. Hinzu kommt die Armut und die enorme soziale Ungleichheit.

Der Zulauf zu den „Economic Freedom Fighters“ ist aber politisch motiviert: Sie wollen das Land ohne Entschädigung enteignen, also gegen den Willen der Besitzer.

Die Economic Freedom Fighters pflegen eine rabiate Rhetorik und sprechen damit vor allem frustrierte junge schwarze Männer an. Diese Rhetorik ist aber bisher nicht in reale Gewalt umgeschlagen - und der weit verbreitete Frust übersetzt sich auch nicht in Wählerstimmen, denn gerade junge schwarze Männer sind die Gruppe, die am seltensten wählen geht.

Gareth Newham, 49, ist Leiter des Bereichs „Gerechtigkeit und Gewaltprävention“ im Institut für Sicherheitsstudien in Pretoria. Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

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