Die vielen Phasen einer Krise : „Viele Menschen fühlen sich überfordert“

Was ist das Präventationsparadox? Und was brauchen wir außer Freundlichkeit und klarem Denken? Ein Gespräch mit dem Psychologen Peter Walschburger.

Kunden mit Mundschutz stehen dicht hintereinander in einer Schlange vor einem Geschäft.
Kunden mit Mundschutz stehen dicht hintereinander in einer Schlange vor einem Geschäft.Foto: Arne Dedert/dpa

Herr Professor Walschburger, der Lockdown, der Mitte März begann, wurde weitgehend mit Verständnis aufgenommen. Gewinnen nun negative Emotionen die Oberhand über rationale Einsichten?
Es ist typisch für Krisen, die sich zeitlich lang erstrecken, dass sie mehrere Phasen haben, und so ist es auch hier: Zuerst kam die Konfrontation mit einer Bedrohung, einer "Naturkatastrophe in Zeitlupe", die uns unvorbereitet traf. Da war eine riesengroße Unsicherheit und Unwissenheit über konkrete Gefahren durch das Virus, das nicht nur unsichtbar ist, sondern auch unkontrollierbar wirkte, großes Leiden und Todesgefahr mit sich brachte. Das sind Begriffe, die psychologisch gesehen schlimmste Elemente einer Überforderungssituation beschreiben. Es kamen dann schnell die schrecklichen Bilder aus Oberitalien, später aus New York. Das hat die Menschen sozusagen gehorsam gemacht, denn es gibt in einer solchen Situation das Bedürfnis nach jemandem, der die Sache in die Hand nimmt - was unsere Politiker auch sehr gut gemacht haben. Zudem traten kompetente, bescheidene Wissenschaftler auf, die ihre Grenzen betonten. Mit der Zeit gab es aber auch starke Veränderungen des naturwissenschaftlichen Wissens, die Indikatoren wurden angepasst, viele Menschen fühlten sich damit überfordert.

Dazu kommt, dass bei uns im Land viele keinen einzigen Mitmenschen kennen, der schwer an Covid-19 erkrankt oder sogar daran gestorben ist. Nährt die Kombination aus Abstraktheit der Bedrohung und konkreter Einschränkung im Alltag die Neigung, Verschwörungstheoretikern zu glauben?
Ja, das ist das bekannte „Präventionsparadox“. Aus der Bedrohung wurde ein Zustand der Gewöhnung, der mannigfache Anpassungsprozesse nach sich zieht. Die ganz furchtbaren Bilder aus anderen Ländern gingen zurück, was das Gefühl der Bedrohung minderte. Wir kennen das aus der Stressforschung: Wenn die Angst in den Hintergrund tritt, dann sehen wir einen Übergang in eine gedrückte Stimmungslage. Die unerfüllten eigenen Wünsche treten in den Vordergrund. Da ist zunächst das ganz wichtige Grundbedürfnis nach freier Entfaltung. In dieser Hinsicht sind wir eine „verwöhnte“ Gesellschaft. Zweitens sind wir kooperative, von Natur aus soziale Wesen, schon kleinste Kinder wollen anderen bei Missgeschicken helfen. Der soziale Rückzug wird mit der Zeit mehr und mehr zur Belastung. Es ist etwas zutiefst Unnatürliches, dass wir auf Distanz voneinander leben sollen. Wer sich mehr vertraut, kommt sich normalerweise auch körperlich näher. Für uns Psychologen ist sehr spannend, was jetzt in dieser Phase passiert, in der sich die Menschen kaum mehr bedroht fühlen, aber Grundbedürfnisse und persönlich wichtige Handlungsziele unbefriedigt bleiben. Bei einigen kommt es nun zu unterkomplexen Mythenbildungen und zur Suche nach Sündenböcken. Denn Frustrationen können zu mächtigen Aggressionen führen.

Der Biopsychologe Peter Walschburger.
Der Biopsychologe Peter Walschburger.Foto: privat

Welche politischen Strategien versprechen Erfolg gegen den Unmut?
Fürsorge zu zeigen, das Miteinander zu fördern und an die Selbstverantwortung der Bürger zu appellieren, ist vor allem eine schwierige kommunikative Aufgabe. Da wir soziale Wesen sind, sehe ich dafür aber immer wieder gute Chancen. Und zwar zunehmend auch für die Opposition, die konstruktiv erweiterte Perspektiven einbringen kann, statt auf gefährliche Weise mit der Gefühlsregulation der Menschen zu spielen.

Die Einschränkungen gelten zwar für alle, treffen verschiedene gesellschaftliche Gruppen aber in unterschiedlichem Ausmaß. In letzter Zeit wurde vielfach konstatiert, dass durch die Coronakrise die Ungleichheit zunimmt, zum Beispiel die zwischen Alt und Jung. Gilt das auch auf der Ebene der Gefühle und des emotionalen Erlebens?
Sicher, das Gefühl der existenziellen Betroffenheit ist in den verschiedenen Altersgruppen sehr unterschiedlich. Da kann es passieren, dass Alte misstrauisch auf Junge schauen, die unbekümmert durchs Leben gehen können. Betrachtet man das Generationenverhältnis, so kann man hier eine bemerkenswerte Umkehr gegenüber der erlebten Bedrohung durch den Klimawandel erkennen, wo ja die jüngere Generation den drohenden Verlust ihrer Zukunft gegenüber den Älteren einklagt.

Wie werden wir mit den derzeitigen Zukunftsängsten fertig?
Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen, die mental aus dem aktuellen Motivations- und Handlungszusammenhang weit ausbrechen können, wir schleppen die Vergangenheit mit uns herum und schauen in die Zukunft voraus. Das kann eine Bürde sein, denn die Zukunft hat für viele eine Angst- und Sorge-Struktur. Eine Strategie ist in der gegenwärtigen Situation ganz sicher, dass man aufpassen sollte, nicht sehnsuchtsvoll auf verpasste Chancen zu schauen, etwa auf eine geplatzte Reise. Stattdessen empfiehlt es sich, sich pragmatisch am Möglichen zu orientieren, ohne dabei die Unternehmungslust zu verlieren.

Obwohl uns gerade so vieles fehlt, ist oft davon die Rede, dass wir auch positive Erfahrungen aus der jetzigen Situation in eine Zeit „nach Corona“ retten können. Welche Chancen sehen Sie, dass wir dauerhaft profitieren?
Eine offene Frage. Dafür spricht: Alle Lebenserfahrungen, die hinreichend lange dauern, hinterlassen Spuren. Vom vermehrten Händewaschen über Möglichkeiten des Home-Office, die zu weniger Flügen aus beruflichen Gründen führen könnten, bis hin zu kultivierten und kunstvollen Strategien der Kommunikation, die neue Möglichkeiten der personalen Nähe eröffnen.

Noch sind wir in der Ausnahmesituation. Wie kann der Einzelne seelisch möglichst ausgeglichen durch eine solche Zeit kommen? Kann man selbst etwas dafür tun – unabhängig davon, ob man von Natur aus ein sonniges Gemüt hat und zudem keine wirtschaftlichen Sorgen?
Für alle ist es wichtig, zunächst zu erkennen, was sie selbst belastet und frustriert. Ist es die Angst, ist es die Einsamkeit, ist es die materielle oder die familiäre Situation? Dabei helfen Kontakte und Gespräche mit lebenserfahrenen Menschen aus dem eigenen Umfeld, die einem nahestehen. Denn wir Menschen lernen stark am Modell, am Vorbild. Was wir jetzt noch mehr brauchen als sonst, ist die „Hygiene“ des sokratischen Dialogs: Im Gespräch immer wieder nachfragen, respektvoll auf den anderen eingehen. Das hilft beiden Gesprächspartnern, Klarheit zu gewinnen, sich zu strukturieren und sich wieder auf die derzeit besonders komplizierte Wirklichkeit einzulassen. Solche Dialoge sind glücklicherweise auch auf Distanz möglich. Sie erleichtern, was wir eigentlich immer und jetzt ganz besonders brauchen: Freundlichkeit und klares Denken.

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