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Der Protest geht weiter. Viele Ägypter sind strikt dagegen, dass ein Politiker, der dem alten Regime nahe stand, im Juni ihr neuer Präsident wird.
© dpa

Präsidentschaftswahlen in Ägypten: Erleuchtete geben sich gemäßigt

Die radikale Salafistenpartei in Ägypten unterstützt nicht den Präsidentschaftskandidaten der Muslimbrüder. Seit der Revolution jedoch machen sie durch radikale politische Forderungen und Gewalttaten von sich reden.

Tagelang hielten die Salafisten hinter verschlossenen Türen Hof. Am Wochenende schließlich gab die Al-Nour-Partei ihre Entscheidung bekannt – für Ägypten eine faustdicke Überraschung und für die kommende Präsidentenwahl möglicherweise eine Vorentscheidung. Denn die Gunst der Ultra-Konservativen fiel nicht auf den Hauptbewerber der Muslimbrüder, Mohamed Mursi, der mit der altbackenen Parole „Islam ist die Lösung“ auf Stimmenfang geht. Stattdessen entschied sich die Salafisten-Führung mit großer Mehrheit für dessen Hauptrivalen, den im Juni 2011 von der Partei verstoßenen Ex-Muslimbruder Abdel-Moneim Abul-Fotouh. Mit dem Votum wolle man die Ängste in der Bevölkerung mildern vor einer wachsenden Dominanz der Muslimbrüder, begründete Al-Nour-Parteichef Emad Abdel-Ghafour diesen ungewöhnlichen Schachzug.

Denn in Ägyptens neuer Volksvertretung sind die Muslimbrüder inzwischen die mit Abstand stärkste Fraktion. Der Parlamentspräsident stammt aus ihren Reihen, ebenso der Vorsitzende der Verfassungsgebenden Versammlung. In der ersten demokratisch gewählten Regierung des Landes, die Anfang Juli nach der offiziellen Machtübergabe des Militärs ins Amt kommen soll, werden die Brüder den Premierminister stellen und die Schlüsselressorts besetzen. Käme noch der Präsidentensessel hinzu, wäre der Machtbesitz total. Das aber wollen die Salafisten verhindern, obwohl ihnen die Muslimbrüder ideologisch-religiös am nächsten stehen. Als einziges politisches Lager haben sie keinen eigenen Kandidaten im Rennen, nachdem ihr Vormann Hasem Abu Ismail von der Hohen Wahlkommission disqualifiziert worden war.

Die Proteste in Ägypten im Bild:

Bei den Parlamentswahlen vor vier Monaten errangen die Radikalen überraschend ein Viertel aller Sitze und landeten auf Platz zwei, noch vor dem säkularen Lager. Und bei den Präsidentschaftswahlen am 23. Mai könnte ihr Votum nun den Ausschlag geben – eine erstaunliche Karriere für die gottgewissen Polit-Amateure, die von einer Welt wie zu Zeiten des Propheten Mohammed träumen. Seit Beginn der neunziger Jahre begannen ihre puritanischen Dogmen über eine Millionenschar von Rückkehrern aus Saudi-Arabien in die ägyptische Gesellschaft einzusickern.

Radikale politische Forderungen und Gewalttaten

Längst gehören in Kairo Männer mit langen Bärten und weiten Roben zum Straßenbild genauso wie ihre bis auf die Augen verschleierten Frauen. In Hosni Mubaraks Polizeistaat gaben sich die Salafisten jahrzehntelang apolitisch und hyperfromm, verkauften moralische Predigtkassetten oder Schriften gegen das „sündige Verhalten von Frauen“, die Lippenstifte oder Parfüms trugen.

Seit der Revolution jedoch machen sie durch radikale politische Forderungen und Gewalttaten von sich reden. Ins Visier nehmen sie Christen, moderate Muslime und säkulare Mitbürger gleichermaßen. In der Hochburg Alexandria zettelten ihre Anhänger Attentate auf Pilgerstätten der Sufis an, deren ekstatischen Tanz und Heiligenverehrung sie als Häresie verteufeln. Den koptischen Christen werfen sie vor, den „muslimischen Charakter Ägyptens“ zu gefährden.

Über seine politisch-moralischen Konzessionen an die Hardliner allerdings schweigt sich deren frisch gekürter Favorit Abul Fotouh bislang aus. Stattdessen präsentiert er sich weiterhin als moderater Konsens-Kandidat. Der 61-jährige Arzt ist ein charismatischer Redner, der auch bei jungen Islamisten und Teilen des liberalen Spektrums gut ankommt. Von den 13 zugelassenen Bewerbern werden am Ende wohl er und Muslimkonkurrent Mursi sowie der ehemalige Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Moussa, den Kampf um die Nachfolge Mubaraks unter sich ausmachen.

Unterdessen gehen die Proteste gegen den herrschenden Militärrat weiter. Bei schweren Auseinandersetzungen in Kairo ist dabei ein Demonstrant getötet worden. Eine nicht identifizierte Gruppe habe am Samstag die Demonstranten angegriffen, hieß es aus Behördenkreisen.

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