Ermordung vor 100 Jahren : Was Rosa Luxemburg für uns heute bedeutet

Am 15. Januar 1919 wurde die Sozialistin Rosa Luxemburg in Berlin ermordet. Nun wird sie für die neoliberal-digitale Ära neu entdeckt. Ein Kommentar.

Eine Rosa-Luxemburg-Statue vom Bildhauer Rolf Biebl auf dem Franz-Mehring-Platz in Berlin
Eine Rosa-Luxemburg-Statue vom Bildhauer Rolf Biebl auf dem Franz-Mehring-Platz in BerlinFoto: dpa/Jens Kalaene

Ab zehn Uhr nachts war das Licht in der Zelle aus. Rosa Luxemburg lag auf der harten Matratze und hörte das ferne Rattern der Eisenbahn oder die Stiefelschritte der Schildwache. In einem ihrer berühmten Briefe aus dem Gefängnis wunderte sich die politische Gefangene, im Dezember 1917 über ihre eigene „unerschöpfliche innere Heiterkeit“. Mit dieser Haltung wollte sie ihre Briefpartnerin, Sophie Liebknecht, schützen „vor allem Kleinen, Trivialen und Beängstigenden“.

Ein Jahr darauf wurden Rosa Luxemburg und ihr Mitstreiter Karl Liebknecht, Sophies Ehemann, in Berlin hinterrücks ermordet, am 15. Januar 1919, am Dienstag vor hundert Jahren. Die Leiche der 47 Jahre Sozialistin hatten die Täter im Tiergarten in den Landwehrkanal geworfen, erst Ende Mai wurde sie gefunden. Jetzt haben wieder Tausende in Berlin Rosa Luxemburg mit einem Trauermarsch geehrt. Es waren mehr als in den Jahren zuvor – Rosa Luxemburg wird derzeit neu entdeckt.

Luxemburg warnte vor Bewaffnung der Arbeiterschaft

Ihr Vergehen in den Augen der Verfolger war, dass sie Hoffnung wecken konnte, die unerschütterliche Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft. Im August 1914 hatte die SPD im Reichstag mit für die Kriegskredite und damit für die Mobilmachung zum Weltkrieg gestimmt. Wie viele andere Mitglieder der Partei entsetzte Luxemburg der Opportunismus, das moralische Versagen. Innerhalb der SPD gründete sich der kritische Spartakusbund und schloss sich 1917 der USPD an, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Aus ihr entstand 1917 die Kommunistische Partei, ein Widerhall der Revolution in Russland. Mit dem Aufruf „Schlagt ihre Führer tot!“ hatten Flugblätter der Freikorps gegen die Vordenker Luxemburg und Liebknecht gehetzt.

Anders als radikale Kommunisten warnte Rosa Luxemburg allerdings vor der Bewaffnung der Arbeiterschaft, vor der Enteignung der russischen Bauern, und vor der irregeleiteten Liaison von Sozialismus mit Nationalismus. Die Publizistin setzte vielmehr auf Streiks, auf Bildung, offene Debatten, Meinungsfreiheit, auf revolutionäre Veränderung ohne Terrorherrschaft. Im selben Brief aus der Haft hatte sie geschrieben, ihr käme es vor, als wüsste sie ein „zauberhaftes Geheimnis“, das „alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit und Glück wandelt“. Ihr Geheimnis hieß Hoffnung, und es war durchaus kein Luftschloss.

An der Universität Zürich hatte Luxemburg Philosophie und Jura studiert und in der Schweiz Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kennengelernt. Klar beharrte sie darauf, dass Freiheit auch „die Freiheit der Andersdenkenden“ sein müsse – ihr berühmtestes Diktum, mit dem sie gegen Lenins Parteidiktatur argumentierte. In Deutschland forderte Luxemburg nach dem Ersten Weltkrieg die Entmachtung des Militärs.

Beargwöhnt, angefeindet wurde Rosa Luxemburg, ähnlich wie später Hannah Arendt, von rechts wie von links. Für die Rechten war sie unerträglich sozial, sozialistisch human, für die Linken zu wenig radikal, zu tolerant und undogmatisch. Exakt wegen dieser Qualitäten werden die beiden antitotalitären Denkerinnen inzwischen rehabilitiert. Was wären Luxemburgs wie Arendts Lehren für die Gegenwart, für die anbrechende neoliberal-digitale Ära? Im Kern das: Nur wo Menschlichkeit nicht denunziert wird, entstehen solidarische Gesellschaften und nur damit gute Demokratien.

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