Erst human, dann digital : Die beste Technik allein macht unsere Schulen nicht besser

Wir brauchen einen digitalen Quantensprung, forderte kürzlich Christian Lindner. Bildungsforscher Klaus Zierer widerspricht ihm. Ein Gastkommentar.

Klaus Zierer
Eine Frage der Fürsorge. Digitaler Unterricht ohne intensive Begleitung von qualifizierten Lehrkräften ist ein Desaster.
Eine Frage der Fürsorge. Digitaler Unterricht ohne intensive Begleitung von qualifizierten Lehrkräften ist ein Desaster.Foto: imago/Panthermedia

Professor Klaus Zierer ist Erziehungswissenschaftler und Leiter des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Er forscht zu Themen wie Unterrichtsqualität, Lernerfolg und Digitalisierung im Bildungsbereich.

Aus Krisen lernen, das ist das Motto der Stunde. So überrascht es auch nicht, dass allerorten Meinungen ausgetauscht und Lösungsansätze formuliert werden. Auf den ersten Blick ist das erfreulich, weil eine Demokratie davon lebt. Gefährlich wird diese Situation aber dann, wenn auf den zweiten Blick sichtbar wird, dass Demagogen die Diskussion übernehmen.

Nun macht die Flut der Ideen auch vorm Bildungsbereich nicht Halt. Für viele zeigt die Krise: Wir brauchen mehr Digitalisierung! Das forderte auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner kürzlich in einem Tagesspiegel-Beitrag. Dieser Schluss mag naheliegend sein, aber er verkennt die wirkliche Problematik, die die Coronakrise bildungspolitisch zeigt, und die spätestens seit PISA unstrittig ist: Es sind nicht Oberflächenmerkmale von Schule, wie die technische Ausstattung, die Klassengröße oder die Schulart, die zu diskutieren sind. Die Tiefenmerkmale, wie die Professionalität der Lehrperson, die Lehrer-Schüler-Beziehung und das Selbstkonzept der Lernenden, sind viel wichtiger. Sie bestimmen Lern- und Bildungserfolg – unabhängig davon, ob analog oder digital gelernt wird.

Die Technik allein macht das Lernen weder modern, noch erfolgreich

Was zeigen die aktuellen Schulschließungen? Erstens wurden Schülerinnen und Schüler von einem Tag auf den anderen sozial isoliert und mussten alleine lernen. Auf beides bereitet sie das Bildungssystem nicht vor. Die soziale Isolation ist mit Sicherheit die größte Herausforderung, sind es doch vor allem die Gleichaltrigen, die Lernende motivieren, in die Schule zu gehen.

Zweitens finden sich Eltern nicht selten in der Rolle wieder, Ersatzlehrer spielen zu müssen. Das ist eine Überforderung – nicht nur für Familien aus bildungsfernen Milieus. Warum kommt es dazu? Weil Schule heute immer noch nicht das Elternhaus als Kooperationspartner sieht.

Drittens zeigt sich, dass erfolgreiches Homeschooling nicht so sehr von der technischen Ausstattung abhängt, sondern von der Professionalität der Lehrperson. Das hat wenig damit zu tun, ob Lehrkräfte bestimmte Plattformen und Apps bedienen können. Die beste Technik allein macht das Lernen weder modern, noch erfolgreich. Für Lernende ist es egal, ob die Arbeitsblätter über eine digitale Plattform oder per Paketdienst versendet werden. Erst dann, wenn Lehrpersonen verfügbare Technik pädagogisch sinnvoll einsetzen, werden Schülerinnen und Schüler davon profitieren.

Wir brauchen einen Masterplan für Homeschooling

Die Forderung, das Schulbuch müsse jetzt endlich digital werden, ist ideologisch motiviert und verkennt die empirische Datenlage. Digitalisierung ist nur in Verbindung mit der Frage sinnvoll: Wie lassen sich mit moderner Technik noch besser Herausforderungen setzen, Lernende für das Fach motivieren, Rückmeldungen geben und einholen?

Gefragt ist vor allem hohe Unterrichtsqualität: Klarheit, Kooperation und Fürsorge sind dabei die entscheidenden Kriterien. Lehrpersonen sind jetzt mehr denn je gefordert, ihren Unterricht daraufhin zu reflektieren.

Ein Homeschooling, bei dem Lernende jede Woche brav ihre Aufgaben machen, sich dafür von schulischer Seite aber niemand interessiert, geschweige denn korrigiert, ist kein Homeschooling. Das ist ein Desaster.

Für die verlängerte Phase des Zuhause-Lernens braucht es deshalb einen Masterplan Homeschooling, der Verbindlichkeiten schafft. Ein „Weiter so“ darf es nicht geben, damit Bildungschancen gewahrt bleiben. Es ist absurd zu argumentieren, dass ein Tablet hier helfen kann. Nur Kooperation zwischen Schule und Elternhaus ist auf längere Sicht dazu in der Lage.

Chancengleichheit bedeutet flächendeckende Standards

Erfolgreiches Homeschooling bedarf einer klaren Rollenverteilung: Lernende und Eltern müssen von Anfang instruiert sein, was ihre Aufgabe ist und was die Aufgabe der Schule bleibt. Auch müssen die Strukturen verbindlich aufgebaut werden. Wann findet digitaler Unterricht statt? Wann müssen Aufgaben erledigt sein? Wann bekommen Lernende Feedback? Wann finden Eltern- und Schülersprechstunden statt? Drei digitale Plattformen, die von unterschiedlichen Lehrpersonen zu verschiedenen Zeiten bespielt werden, bringen Lernende und Eltern an den Rand der Verzweiflung. Ebenso ein unsinniges Versenden von PDFs und Videos. Wofür gibt es denn Schulbücher?

In dem Masterplan ist außerdem zu benennen, wie der Weg zurück in die Normalität aussehen kann. Allein die Bekundungen, dass an Rahmenkonzepten gearbeitet wird und Modelle hinter verschlossener Tür überlegt werden, ist bildungspolitisch zu wenig. Nach mehreren Wochen Schulschließung dürfen Schüler, Eltern und Lehrpersonen erwarten, dass die Szenarien klarer sind, denn eines steht fest: Die verlorenen Wochen können nicht mehr nachgeholt werden. Lehrpläne müssen entrümpelt werden, weil Schüler aus einer sechswöchigen Isolation zurückkommen. Auch Beziehungsebenen sind neu zu gestalten, weil klar ist: Schule muss bestimmte Hygieneauflagen erfüllen.

Es ist schön, wenn manche Einrichtungen hier innovativ voranschreiten. Aber die bildungspolitische Verantwortung muss für einen flächendeckenden Standard sorgen, sonst wird der Grundsatz der Chancengleichheit verletzt.

Erfolgreiche Lehrkräfte sind nicht bloß Wissensvermittler

Eine weitere Lehre aus der Krise: Die Professionalität von Lehrpersonen ist weiter zu stärken. Erfolgreiche Lehrkräfte sehen sich nicht als Wissensvermittler, sondern als Bildungsagenten. Sie unterrichten Menschen, nicht Fächer, setzen bewusst die Herausforderung und suchen in jeder Stunde nach ihrer Wirksamkeit.

Kurzum: Sie bringen eine professionelle Haltung mit, die nichts mit einer Gesinnungsethik zu tun hat. Professionelle Haltung meint einen theoretisch und empirisch reflektieren Selbst- und Weltbezug, der sich ständig hinterfragt, im Austausch mit anderen ist und Forschungsergebnisse ernstnimmt. Lehrerbildung hat diesen Anspruch nicht, zumindest nicht im Zentrum. Die Coronakrise zeigt aber, wie wichtig er ist.

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Nötig ist ein Nachhaltigkeitspakt für die Schulen

Schließlich ist eine letzte Lektion zu ziehen, vor allem in Abgrenzung zu den Rufen nach einem Digitalpakt 2.0. Wer so argumentiert, verkennt nicht nur die pädagogische Lage, sondern auch die aktuelle Krise. Denn dieser Virus führt uns deutlich vor Augen: Sowohl seine Entstehung als auch seine Verbreitung haben mit der westlichen Lebensweise zu tun, die mehr der Ökonomie als der Ökologie folgt. Gefordert ist aber beides und das ist die wichtigste Lehre: Nötig ist ein Nachhaltigkeitspakt für die Schulen!

Bereits Kinder und Jugendliche müssen lernen, wie komplex die Welt ist und wie interdisziplinär die großen Fragen der Zeit sind. Sie müssen an aktuellen Problemen erkennen, warum sie bestimmte Fächer lernen, wie sie das Wissen anwenden, das sie erworben haben und dabei zu ethischen Urteilen fähig sind. Nur so wird die nachwachsende Generation mündig und immun gegen Demagogen.

Für eine humane Schule brauchen wir keine weitere unreflektierte Digitalisierung, die ökonomisch, ökologisch und sozial fragwürdig ist, sondern die besten Lehrkräfte.

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