"Helicopter Money" : Soll die Notenbank Geld verschenken?

Für die nächste Rezession werden drastische Maßnahmen debattiert. Der Ex-Chef der Schweizerischen Nationalbank schlägt Ausschüttungen ohne Rückzahlung vor.

Wenn Geld vom Himmel fällt.
Wenn Geld vom Himmel fällt.Foto: Paul Zinken/dpa

Was können Regierungen und Notenbanken tun, wenn die nächste Rezession kommt? Ein Weg könnte sein, dass die Notenbanken Geld direkt an Privatpersonen, Regierungen und staatliche Infrastrukturfonds ausschütten, das nicht zurückgezahlt werden muss. Damit soll die Wirtschaft stimuliert und eine Inflation von zwei Prozent erzeugt werden.

Befördert wird diese Idee, die ursprünglich von dem Ökonomen Milton Friedman 1969 entwickelt wurde, von Vertretern der sogenannten Modern Monetary Theory (MMT) in den USA sowie von anderen Ökonomen. Jetzt hat sich Philipp Hildebrand, der ehemalige Chef der Schweizerischen Nationalbank und derzeitiger Vizechef von BlackRock, dafür stark gemacht - in einem Papier für BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, sowie in einem Beitrag für die „Financial Times“ am Dienstag.

In dem Papier, das unter anderem auch von Stanley Fischer unterzeichnet ist, der bis 2017 Vizechef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) war, heißt es, es gebe nicht genügend Spielraum für die Notenbanken, um dem nächsten wirtschaftlichen Abschwung entgegenzutreten. Die bisherigen Mittel der Notenbanken, Leitzinssenkungen und der Aufkauf von Staatsanleihen,  seien weitgehend ausgereizt.  Die Leitzinsen liegen bereits bei Null oder wenig darüber und ein Drittel aller Staatsanleihen haben bereits eine negative Rendite. Daher könne eine künftige Stimulierung nicht auf weiter sinkende Zinsen setzen.

Der Spielraum für Fiskalpolitik – also der Ausgabenpolitik von Regierungen – sei angesichts hoher Staatsschulden in vielen Ländern ebenfalls ausgereizt. Andererseits gebe es einen großen Bedarf an Investitionen in die Infrastruktur, in Bildung und den Ausbau erneuerbarer Energien.

5000 Euro für jeden?

Die Lösung sei „going direct“, das heißt, die Notenbank findet Wege, selbst geschaffenes Geld direkt an öffentliche und private Hände zu verteilen. Eine extreme Form des „going dirext“ sei das sogenannte Helicopter Money“, bei dem die Notenbank explizit und permanent eine wirtschaftliche Expansion finanziert. Ein solches Vorgehen würde die Inflation anheizen. Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass ein grenzenloses Vorgehen die Glaubwürdigkeit der Institution unterminieren und zu unkontrolliertem Ausgabeverhalten führen könne. Daher seien eine starke Kontrolle und eine Exit-Strategie notwendig. Wenn das Inflationsziel erreicht sei, müsse das Projekt beendet werden.

(Das 15-seitige Papier von Philipp Hildebrand, Stanley Fischer und anderen lesen Sie hier, Hildebrandts Beitrag in der „Financial Times“ hier)

Vehementeste Befürworter von Helicopter Money nach der Finanzkrise waren der Ex-US-Finanzminister Lawrence Summers sowie Adair Turner, ehemaliger Chef der britischen Finanzmarktaufsicht FSA. Die Zentralbanken sollten zu einer sogenannten "monetären Finanzierung" (MF) übergehen, wie das Konzept sonst noch genannt wird. Die Nachfrage solle dadurch stimuliert werden, dass der Staat mehr Geld ausgibt und dieses Mehr direkt von der Notenbank überwiesen bekommt, ohne dass das Geld zurückgezahlt werden muss.

Christine Lagarde, künftige Chefin der Europäischen Zentralbank. Wie wird sie auf den nächsten Abschwung reagieren?
Christine Lagarde, künftige Chefin der Europäischen Zentralbank. Wie wird sie auf den nächsten Abschwung reagieren?Foto: REUTERS

Summers machte mehrmals den Vorschlag, an jeden Bürger 5000 Dollar oder Euro auszuschütten und diesen Vorgang gegebenenfalls zu wiederholen, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Turner verwies dabei aber auf das Risiko, dass Staaten, die dieses Instrument einmal einsetzten, Gefahr laufen, es wieder und wieder einsetzen zu wollen. Turner hat seine Ideen zuletzt in seinem Buch "Between Debt and the Devil" (Princeton University Press, Oxford 2015, 320 S., $ 29.95.) ausgeführt. Darin warnt er vor der Vorstellung, hohe Schulden seien bei niedriger Inflation kein Problem. Es drohten vielmehr Preisblasen an den Immobilienmärkten, Finanzkrisen und anschließende Rezession. Ein Ausweg sei die Druckerpresse.

Der ehemalige Fed-Chef Ben Bernake, der den Spitznamen „Helicopter Ben“ hatte, weil er bereits 2002 diese Idee ventilierte, schrieb 2016 in einem Blog post, Helicopter Money sei unter extremen Umständen die beste verfügbare Alternative.

Kritiker des Konzepts weisen darauf hin, dass es zu hoher Inflation führen könne. Zudem könnten Konsumenten Furcht bekommen und das Geld sparen, statt es auszugeben. Zudem ist in der Eurozone eine Staatsfinanzierung durch Notenbanken ausdrücklich ausgeschlossen.

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