Kaum noch Berührungsängste : Warum Wirtschaft und Grüne sich annähern

Die Grünen-Wirtschaftspolitikerin Kerstin Andreae wechselt an die Spitze eines der größten Wirtschaftsverbände in Deutschland. Ein Kommentar.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae soll an die Spitze des Energieverbands BDEW wechseln
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae soll an die Spitze des Energieverbands BDEW wechselnFoto: Michael Kappeler / dpa

Es klang ein wenig eifersüchtig, als Christian Lindner vor kurzem die Wirtschaft für ihre neue Grünen-Nähe anging. Wer die Grünen lobe, müsse dann auch mit deren Politik klarkommen, kritisierte der FDP-Chef. Dass nun mit Kerstin Andreae ausgerechnet eine Grünen-Politikerin Hauptgeschäftsführerin des mächtigen Energieverbands BDEW wird (und damit die Nachfolge eines FDP-Manns antritt), wird Lindner umso weniger passen.

Es hat auch mit Umfragewerten von mehr als 20 Prozent zu tun, dass in der Wirtschaft das Interesse an den Grünen wächst. Aber das ist nicht der einzige Grund: Zunehmend kommen Unternehmer zu der Überzeugung, dass ihre wirtschaftliche Zukunft in einer CO2-armen und ressourcenschonenden Produktionsweise liegt. Das heißt noch lange nicht, dass sie deswegen jede Gesetzesinitiative der Ökopartei unterstützen, aber die Berührungsängste sind kleiner geworden. Im Wirtschaftsbeirat der Grünen-Bundestagsfraktion, den Andreae vor einem Jahr gegründet hat, sind nicht nur Unternehmer vertreten, die den Grünen traditionell nahe stehen, sondern auch Vorstände von Dax-Konzernen wie dem Chemieriesen BASF oder dem Stahlhersteller Thyssen Krupp.

Erklären, wie die Grünen ticken

Die gegenseitige Annäherung hat eine Vorgeschichte. Schon seit Längerem gibt es Grüne in den Wirtschaftsverbänden, beim Industrieverband VDMA ebenso wie bei den forschenden Arzneimittelherstellern. Sie hatten zuweilen auch eine Art Übersetzerfunktion, weil sie erklären konnten, wie die Grünen ticken. So gelangte vor Jahren auch der frühere Verbraucher-Staatssekretär Matthias Berninger zum Schokoriegelhersteller Mars. Mittlerweile ist er Cheflobbyist für Bayer. Als solcher soll er nun das Unternehmen ausgerechnet aus den Negativ-Schlagzeilen holen, in die es seit der – nicht nur von Grünen heftig kritisierten – Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto geraten ist.

Die Personalie Andreae hat dennoch eine neue Dimension. Mit der Wirtschaftspolitikerin steht erstmals eine Grüne an der Spitze eines der größten Wirtschaftsverbände in Deutschland. Bisher waren eher Karrieren wie die von Ex-Grünen-Chefin Simone Peter üblich, die nach dem Ausscheiden aus dem Parteiamt im März 2018 die ehrenamtliche Funktion der Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie übernahm.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Andreae erst zum Zuge kam, nachdem der niedersächsische Umweltminister und SPD-Mann Olaf Lies abgesagt hatte. Gezielt nach einer Grünen hat der BDEW also nicht gesucht. Aber zumindest war Andreaes Parteibuch auch kein Hinderungsgrund, sie als Lobbyistin für die Energiebranche zu engagieren.

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