Mehr Frieden anzetteln : Was uns die Ostermärsche heute sagen

„Nie wieder Krieg!“ lautet das Leitmotiv der Ostermärsche. Ist das eine Utopie, eine Illusion? Eine Überprüfung der Realität.

Pace – Frieden: der gemeinsame Wunsch bei den Ostermärschen, hier in Stuttgart.
Pace – Frieden: der gemeinsame Wunsch bei den Ostermärschen, hier in Stuttgart.Foto: imago images / Ralph Peters

Auf den Herdenschutz kommt es an! Das versichern derzeit die Fachleute, wo es darum geht, möglichst viele Kinder impfen zu lassen, um die Gesundheit möglichst aller Kinder zu schützen. So ernst das Anliegen ist, so seltsam, fast komisch kann die Wortwahl der Immunologen anmuten, wonach Menschen, wie sonst etwa Pferde, als Herde gelten. Das Wort erinnert an die Evolution der Erdenbewohner als Gattung. Beim Immunisieren kommt es nicht auf Herkunft oder Hautfarbe, Ideologie oder Glauben an, sondern auf den gesundheitlichen Schutz für alle, die Gesamtgruppe.

Immunisierung gegen den Krieg, sozialer Schutz für alle, das ist die Idee hinter den Ostermärschen für Frieden. Initiiert in Deutschland um 1960 durch Atomwaffengegner und Kriegsdienstverweigerer, sind sie eine Art politische Parallelaktion zum Segen, den der Papst am Ostersonntag in Rom „urbi et orbi“ spendet, der Stadt und dem Erdkreis.

Auch dieses Jahr sind wieder Hunderttausende unterwegs, in Großstädten, Kleinstädten, am Bodensee und auf der Insel Rügen. Mobilisiert haben Gewerkschaften, Parteien und Kirchen, und Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace, Attac. Diesmal schlossen sich auch junge Klimaschützer den ergrauenden Pazifisten an.

In Berlin lautete das Motto: „Abrüsten statt Aufrüsten! Die Welt braucht Frieden statt Kriegsbündnisse.“ In Nordhessen forderten „Oster-Raver“ ganz konkret „Kassel entrüsten“. Aus den dortigen Waffenexporteuren Rheinmetall, Krauss Maffei Wegmann und Airbus sollen rein zivile Konzerne werden – so der Wunsch der Friedenswanderer. Gereimt riefen sie in Osnabrück: „Bezahlbar Wohnen statt Panzer und Drohnen!“

„Was träumen die Leute da?“, scheint die Realität zurückzubrüllen. Utopien! Illusionen! Keine Frage: Auf die monumentalen Kriege des 20. Jahrhunderts folgten viele neue, wenn auch kleinere. Alle zwei Wochen publiziert die amerikanische Case Western University mit „War Crime Watch“ Informationen über Prozesse zu bewaffneten Konflikten. Dutzende Staaten tauchen da auf, etwa die Demokratische Republik Kongo, Libyen, Mali, Nigeria, Ruanda, der Sudan, Somalia, die Zentralafrikanische Republik, Bosnien, Kosovo, Serbien, die Ukraine, der Libanon, Irak, Iran, Syrien, Jemen, Afghanistan, Myanmar und Venezuela. Dazu kommen mehr und mehr nichtstaatliche Akteure: Terroristen und Piraten.

Krisen verstärken die Suche nach Sündenböcken

Nein, die Gattung gibt keinen Frieden. Krisen und Transformationen verstärken die Suche nach Sündenböcken, nach Minderheiten, die sich bekämpfen lassen von Mehrheiten im Nationalwahn. Unaufgeklärte Konflikte treiben ihre emotionalen Endmoränen durch neue Generationen.

Gewalt in der Erziehung gleicht Mikrokriegen gegen Kinder, deren Wut, Scham, Neid und Hass im Erwachsenenalter die Flammen zu Makrokriegen entfachen können. Und Waffen sind nichts weiter als der verdinglichte Ausdruck solcher Affekte. Zwar sickert das Wissen über diese Dynamiken allmählich ins öffentliche Bewusstsein, und es hat eine Ära des Internationalen Strafrechts begonnen, die das Zeug zu globaler Mündigkeit besitzt. Doch weiter „brechen Kriege aus“, als gebe es einen Herdentrieb, als seien Kriege Seuchen.

Sie sind keine Seuchen. Menschen zetteln Kriege an. Im Krieg will einer etwas kriegen, mit Gewalt will einer walten, er will gebieten über ein Gebiet. Derzeit werden Gewalt und Nationalismen gleichwohl oft im Namen ethnischer oder religiöser „Identität“ legitimiert, universelle Menschenrechte und Demokratie dagegen als „westlich hegemonial“ denunziert. Auf dem Irrweg kann die Gattung nur zersplittern.

Kommunikation den Vorrang geben vor Destruktion

Im September vor achtzig Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Ein Jahr ehe der Faschismus in Deutschland an die Macht kam, 1932, korrespondierten die zwei intelligentesten Denker ihrer Zeit zur Frage „Warum Krieg?“: Albert Einstein und Sigmund Freud. Es führe nur ein Weg von der Gewalt zum Recht, erläuterte Freud, nämlich indem „die größere Stärke des einen wettgemacht werden konnte durch die Vereinigung mehrerer Schwachen“. Gewalt, schrieb Freud, werde gebrochen durch dauerhafte Einigung, die emotionale Bindungen herstellt, diese seien die „eigentliche Stärke“ der Einigung.

Damals war das Friedensprojekt Europa pure Utopie. Die Realität hätte so höhnen können, wie heute über die Ostermärsche. Heute existiert die Europäische Union. Einstige Feinde haben Kommunikation und Handel den Vorrang gegeben vor Destruktion. Wer dieser Tage den Wahlschein für die Europawahlen im Briefkasten findet, hält einen Bogen Papier mit immens kostbarer Geschichte in der Hand. Klar klingt diese Erkenntnis an im Motto des Ostermarschs von Hannover: „Europa: Frieden wagen – für eine gerechte Welt.“

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