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Friedrich Merz, Norbert Röttgen

© dpa, dpa/NDR

Tagesspiegel Plus

Merz-Team gegen Norbert Röttgen?: Wer die besten Chancen auf den CDU-Vorsitz hat

Friedrich Merz soll ein Bündnis mit Jens Spahn planen – gegen Norbert Röttgen. Merz geht es aber vor allem um einen vierten Mann.

Von Robert Birnbaum

Friedrich Merz klingt ungehalten. „Bericht in der Bild-Zeitung Seite 2 heute: Nicht mein Absender, nicht meine Handschrift“, twittert Merz im Telegrammstil.

Der Bericht auf Seite 2 handelt vom Rennen um den CDU-Vorsitz und davon, dass Merz einen Coup plane.

Ein Dementi in der Sache ist sein Tweet nicht. Aber der Sauerländer will erkennbar nicht in den Verdacht geraten, dass er sich mit Hinterzimmer-Tricks und Flüsterparolen an die CDU-Spitze manövrieren wolle. Denn Tricks kommen in der Partei im Moment ganz schlecht an.

Der Bericht, kurz zusammengefasst, geht so: Merz wolle den potenziellen Konkurrenten Jens Spahn überreden, in seine Mannschaft zu wechseln. Gemeinsam mit dem Mittelstandschef Carsten Linnemann wolle der Sauerländer dann ein „Top-Team“ bilden, um den Außenpolitiker Norbert Röttgen auszustechen.

Noch für Montag seien die Gespräche geplant.

Jens Spahn im Bundestag

© imago images/Future Image

Der Mann, gegen den sich das Bündnis richten soll, reagiert gelassen. „Die drei werden sich treffen, es werden sich aber noch viel mehr treffen“, sagt Röttgen am Morgen im Deutschlandfunk.

Daran ist auch nichts weiter geheimnisvoll. Nachmittags kommt nämlich in Bergisch-Gladbach die Landesgruppe der nordrhein-westfälischen Bundestagsabgeordneten zu einer Klausur zusammen, die bis Dienstag dauert.

Dass miteinander gesprochen wird, ist klar.

Norbert Röttgen

Dort sitzen dann praktischerweise alle Interessenten an Armin Laschets Nachfolge in einem Haus beisammen, bis hin zum Fraktionschef Ralph Brinkhaus und dem scheidenden Parteichef selbst. „Daß miteinander gesprochen wird, ist klar“, sagt Röttgen denn auch.

Norbert Röttgen bei der Jungen Union

© imago images/Political-Moments

Zum angeblichen Merz-Pakt will er sich nicht äußern: „Wir sind in der Lage in der CDU, einen fairen, freien Wettbewerb zu organisieren.“

Er macht bei der Gelegenheit nur noch mal klar, wo er sich selber im Feld der denkbaren Bewerber sieht – nämlich „in der Mitte der CDU“, genauer: „der modernen Mitte.“

Ob das gegen Merz gehe? Röttgen weicht der Falle aus.: Wo andere stünden, müssten sie selbst definieren.

Natürlich weiß er selber, dass „moderne Mitte“ nicht das ist, womit Merz unbedingt assoziiert wird. Aber gerade an einem Tag, an dem der Eindruck entstanden ist, dass da jemand unfair spielt, lassen sich mit Zurückhaltung eventuell Punkte sammeln.

Merz und Spahn sind sich eigentlich gar nicht grün

Ein Merz-Bund mit Spahn wäre in der Tat ein überraschender Zug. Der Noch-Gesundheitsminister stand im letzten Vorsitzrennen offiziell als Teampartner von Armin Laschet auf der anderen Seite. Auch sonst sind sich der Münster- und der Sauerländer alles andere als grün.

Logisch wäre der Versuch trotzdem, ihn anzuwerben.

Spahn alleine hätte als Bewerber im Moment keine Chance. An ihm klebt trotz seiner erst 41 Jahre zu viel Vergangenheit: Schwarz-Grüner, dann plötzlich einträchtig in Wien mit Sebastian Kurz, damals noch konservativer Wunderknabe.

Auch Spahns Auslegung von Teamgeist mit Laschet fanden viele eigenwillig. Und sein Corona-Management hat ebenfalls nicht jeden überzeugt.

„Zu viele Wendungen“, lautet ein Urteil.

Friedrich Merz beim CDU-Landesparteitag NRW

© imago images/Revierfoto

Merz wiederum werden zwar die besten Chancen eingeräumt, in der geplanten Mitgliederbefragung vorne zu liegen. „Aber es ist nicht mehr so wie vor zwei Jahren, wo er sich sagen konnte: Ich marschier' da glatt durch“, sagt ein Christdemokrat.

Das ist inzwischen auch eine Altersfrage. Merz wird in zehn Tagen 66. Bei der nächsten Bundestagswahl ginge er auf die 70 zu. Darin liegt kein nachhaltiges Zukunftsversprechen mehr.

Genau an dem Punkt kommt der vierte Mann ins Spiel. Linnemann ist wie Spahn ebenfalls erst 41 Jahre alt, wirkt aber jünger und ist politisch unverbraucht. Beim Deutschlandtag der Jungen Union feierte er Triumphe, während Merz und auch Spahn erkennbar nicht mehr die Favoriten der Parteijugend waren.

Für eine eigene Bewerbung wäre es trotzdem arg früh, zumal sein Mittelstandsverband eigentlich fest zu Merz steht. Linnemann würde auch nicht gegen den Älteren antreten.

Carsten Linnemann beim Deutschlandtag der Jungen Union

© imago images/Political-Moments

Aber den Paderborner verbindet zugleich alte Verbundenheit mit Spahn. Ein etwas kompliziertes Loyalitätsgeflecht also.

Doch es gäbe einen Ausweg. Will Merz Linnemann als seinen Teampartner, könnte er sich sagen: Den krieg' ich nur im Doppelpack mit seinem Kumpel Spahn.

So wird ein Schuh aus dem Bericht auf Seite 2. Und wer hat’s durchgesteckt? Dass es Merz war, merkt der Autor Ralf Schuler bei Twitter so knapp wie korrekt an, „das hat auch niemand behauptet“. Andere einschlägig Verdächtige waschen ihre Hände auf Nachfrage ebenfalls in Unschuld.

Am Ende ist es aber auch egal. Gelingt Merz die Verjüngung per Mannschaft, steigen seine Chancen auf den Sieg erheblich.

Teamgeist wird in der CDU im Moment groß geschrieben. Als sich die Kreisvorsitzenden am Wochenende für eine Mitgliederbefragung aussprachen, fanden nichtsdestotrotz viele zugleich, eine einvernehmliche Lösung wäre besser.

Für Spahn und Linnemann fiele dabei nicht unbedingt gleich ein Spitzenamt ab. Das Trio stünde immer noch für „männlich, katholisch, NRW“.

So viele Posten sind ja auch nicht zu vergeben in der Opposition: Parteichef, Generalsekretär, Fraktionschef. Vor allem für Spahn bliebe unter Merz keiner davon. Er könnte Parteivize bleiben und vielleicht zusätzlich Fraktionsvize werden.

Aber zumindest perspektivisch bliebe auch ihm die Chance, nach ein paar Jahren im Abklingbecken wieder für Höheres in Frage zu kommen.

So ein Team würde also nicht nur einem aus der Karriere-Verlegenheit helfen. Und wie schon gesagt: Ein Dementi in der Sache war Merz' Tweet definitiv nicht.

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